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: „Ich werde in Rödelheim glücklich“

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Frankfurt wächst, und das gewaltig. Seit 2005 ist die Zahl der Einwohner um 50 000 gestiegen, bis 2020 sollen noch einmal 25 000 dazukommen.

          Frankfurt wächst, und das gewaltig. Seit 2005 ist die Zahl der Einwohner um 50 000 gestiegen, bis 2020 sollen noch einmal 25 000 dazukommen. So ein Wachstum bleibt nicht ohne negative Begleitererscheinungen. Im vergangenen Jahr stiegen die Mieten durchschnittlich um 14 Prozent, im Westend kostet der Quadratmeter mittlerweile 15 Euro, im gesamten Stadtgebiet werden Wohnungen für im Schnitt 11,60 Euro je Quadratmeter angeboten. Das trifft vor allem diejenigen, die ohnehin schon wenig haben. Geringverdiener geben rund 40 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus. Was also tun, damit Neuankömmlinge eine Unterkunft finden und Alteingesessene sich ihre weiterhin leisten können? Diese Frage wurde am Dienstagabend im F.A.Z.-Bürgergespräch im Holzfoyer der Oper diskutiert.

          Stadtplanungsamtsleiter Dieter von Lüpke gab in dem von F.A.Z.-Redakteur Rainer Schulze moderierten Gespräch zu: „Wir sind in Frankfurt überrascht worden von der Dynamik des Bevölkerungswachstums.“ Gleichwohl habe die Stadt in den vergangenen Jahren nicht zu wenig gebaut. Bis heute profitiere Frankfurt von der Erschließung des Riedbergs, der noch vielen weiteren Menschen Platz bieten könnte. Allein: Diejenigen, die neu kommen, wollen in die Bezirke innerhalb des Alleenrings; und diejenigen, die dort schon wohnen, wollen nicht weichen. Wirkliche Probleme, da waren sich die Diskutanten einig, gibt es deshalb nur in Innenstadtnähe.

          Um die Innenstadt zu entlasten, müssen laut Jürgen Conzelmann, dem Vorstandvorsitzenden der Eigentümergemeinschaft Haus und Grund, weiter außen liegende Quartiere aufgewertet und besser angebunden werden: „Die Leute sollen irgendwann sagen: Ich werde in Rödelheim glücklich.“ Anette Mönich von der Bürgerinitiative Zukunft Bockenheim stellte dagegen die Frage: „Wie schaffen wir es, eine Ausgrenzung von alten Leuten, Eltern und Geringverdienern zu verhindern?“ Mönich warf der Stadt und insbesondere der Wohnungsgesellschaft ABG vor, zu wenig zu unternehmen: „Die ABG sollte als leuchtendes Beispiel vorangehen bei der Schaffung und Erhaltung von bezahlbarem Wohnraum.“ Stattdessen erhöhe die Gesellschaft die Mieten über Gebühr.

          Frank Junker, Geschäftsführer der ABG, verteidigte die Mieterhöhungen: „Wenn man Wohnraum schaffen will, dann muss das auch finanziert werden.“ Immerhin reize die ABG die Möglichkeiten des Mietspiegels längst nicht aus. Junker bestritt generell, dass der soziale Wohnungsbau ein Mittel sei, um die Situation im Nordend oder in Bockenheim zu entschärfen, da es dort kaum noch Bauland gebe. Und selbst wenn dort neuer Wohnraum entstünde, ließe sich dieser wegen der hohen Grundstückspreise nicht für Sozialwohnungen nutzen.

          Auch von Lüpke bestritt die Möglichkeit einer „massiven Nachverdichtung“

          in den begehrten Vierteln. In seiner grundsätzlichen Diagnose schloss er sich Conzelmann an: „Das wirksamste Mittel gegen Gentrifizierung ist Wohnungsneubau an anderer Stelle.“ Nämlich „in Stadtteilen, die noch nicht so beliebt sind, die aber eine Aufwertung sehr verdient hätten“. Daneben gibt es laut von Lüpke aber „einige Instrumente, die eine stabilisierende Wirkung haben“. Ohne sich dezidiert dafür auszusprechen, sagte von Lüpke, man könne etwa über die Deckelung der Mietsteigerung auf zehn Prozent oberhalb des Mietspiegelniveaus - wie sie jüngst der Deutsche Städtetag forderte - nachdenken. Oder über eine Reform des Wohngelds, die den steigenden Mieten gerecht würde.

          Conzelmann sprach sich gegen Verbote und Deckelungen aus: „Dann können Sie den Wohnungsbau vergessen.“ Die Gentrifizierung würde dadurch eher befördert, weil Privatbesitzer ihre Häuser an Investoren verkaufen würden, die daraus Luxusimmobilien machen würden. Auch Junker sprach sich gegen „ordnungspolitische Beschränkungen“ aus, um Investoren nicht zu verschrecken.

          Mönich forderte, den Mietspiegel anders zu berechnen, um Mieter zu entlasten. Solange nur Erhöhungen und Neuabschlüsse einflössen und nicht Bestandsmieten, sei dieser ein „extrem mieterfeindliches Instrument“. Zudem kritisierte sie die Lagezuschläge, weil die im ganzen Viertel erhoben würden, unabhängig davon, ob sich eine Wohnung in einem sanierten oder sanierungsbedürftigen Haus befinde.

          Zur Entlastung des Wohnungsmarktes, das wurde klar, gibt es sehr viele, sehr unterschiedliche Vorschläge. Zumindest weitgehend einig waren sich die Diskutanten indes in der Skepsis gegenüber Planspielen, auf den Äckern im Norden ein Trabantenviertel zu errichten. „Das ist nicht so einfach, weil die Wohnungsnot so krass nicht ist“, sagte von Lüpke. Mönich ergänzte, es sei keine gute Idee, „dass Niedriglöhner raus sollen, um dort in Gettos zu leben“.

          Frankfurter Allgemeine Bürgergespräch Die Fachleute zum Thema „Wohnen“ Auf das Thema „Wohnen“ haben alle Teilnehmer des F.A.Z.-Bürgergesprächs einen kundigen Blick, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Dieter von Lüpke leitet seit fast zehn Jahren das Stadtplanungsamt, das sich um die Wohnbauland-Entwicklung kümmert, aber vor allem um die allgemeine Stadtentwicklung: Hier laufen die Fäden zusammen und werden die unterschiedlichen Interessen abgewogen - zwischen Wohnen, Gewerbe und Grünflächen. Jürgen Conzelmann, Vorstandsvorsitzender von Haus & Grund in Frankfurt, vertritt nicht nur die Interessen von rund 9000 Wohnungseigentümern in der Mietspiegelkommission. Er beobachtet auch aufmerksam die Stadtentwicklung und schaltet sich immer wieder in die Debatte ein - ebenso wie Anette Mönich, die Sprecherin der Bürgerinitiative Zukunft Bockenheim. In einem kleinen Stadtteilbüro an der Leipziger Straße berät sie Mieter unentgeltlich. Sie streitet aber nicht nur gegen Mieterhöhungen. Die Bürgerinitiative kümmert sich auch um die Gestaltung des Viertels, etwa, wenn es um den Kulturcampus geht. Frank Junker, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsgesellschaft ABG, ist Herr über 50 000 Wohnungen, davon rund 20 000 Sozialwohnungen. Mit seinem Unternehmen beeinflusst er nicht nur das allgemeine Mietniveau. Wegen ihrer Bautätigkeit ist die ABG auch ein wichtiger Motor der Stadtentwicklung. (rsch.)

          Quelle: F.A.Z.

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