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F.A.Z.-Bürgergespräch : „Auto und Urbanität gehen nicht zusammen“

Mit Schwung bei der Sache: Heiner Monheim, Martin Zimmermann und Klaus Oesterling (von links) Bild: Helmut Fricke

Wie sieht der Verkehr der Zukunft aus? Beim „Frankfurter Allgemeine Bürgergespräch“ gingen die Ansichten über Autos und Quartiersbusse weit auseinander.

          Wie fährt der Verkehrsdezernent abends zu einem Treffen mitten in Frankfurt? Lässt er sich fahren? Setzt er sich selbst hinter das Steuer? Oder nimmt er das Fahrrad? Klaus Oesterling macht nichts von alledem. „Ich bin mit der U-Bahn gekommen“, sagt der SPD-Politiker und erntet Beifall eines Besuchers in der Oper Frankfurt. Dort sitzt Oesterling an diesem Mittwochabend auf dem Podium beim „Bürgergespräch“ dieser Zeitung zur Zukunft des Verkehrs in Ballungsräumen und bekennt sich gleich zu Bus und Bahn. „Ich besitze kein Auto und keinen Führerschein“, berichtet er. „Habe nie einen besessen“, schiebt er nach und hat die Lacher auf seiner Seite.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf einen Fahrer und Dienstwagen verzichtet er, wie er weiter sagt. Dafür heimst Oesterling noch mehr Beifall ein als für seine erste Bemerkung. In der U-Bahn könne er gut die Zeitung lesen und sei bestens informiert. Was aber er mache, wenn er Möbel gekauft habe, will Manfred Köhler, stellvertretender Ressortleiter dieser Zeitung und neben Holger Appel Moderator an diesem Abend, wissen. „Da gibt es Lieferdienste“, antwortet der Stadtrat mit breitem Grinsen. „Und wenn alle Stricken reißen, gibt es ja noch das Taxi.“

          „Da krieg’ ich fast Angst“

          Doch alles in Butter ist aus seiner Sicht in Sachen Verkehr keineswegs. Oesterling spricht von Defiziten. Auf die Frage, welche Ziele er im Amt habe, hält er kurz inne, seufzt und meint dann: „Da krieg’ ich fast Angst.“ Schließlich seien viele Projekte rechtlich sehr komplex. Als Beispiel führt er die U-Bahn-Strecke zum Europaviertel an. Er sei der fünfte Verkehrsdezernent, der sich mit diesem Vorhaben befasse - und erst der sechste werde diese Strecke eröffnen, sagt er voraus und blickt gleichzeitig zurück: 1961 habe die Stadt den Bau einer U-Bahn beschlossen, schon 1968 sei die erste Bahn gefahren. „In dieser Zeit kriegen wir heute nicht einmal die Planung hin.“ Dabei täte möglichst baldige Abhilfe an so mancher Stelle not, zum Beispiel wegen der Engpässe auf den U-Bahn-Linien 1,2,3 und 8. Und dann seien da noch der geplante Ausbau des Radverkehrs und des Carsharings, neue Vorgaben zum Anwohnerparken sowie das autonome Fahren.

          Neben Martin Zimmermann, Vorstand für Kommunikation von Renault Deutschland („Autonomes Fahren in der Stadt ist 50 Mal so komplex wie auf der Autobahn“), hört Heiner Monheim dem Verkehrsdezernenten aufmerksam zu. Was er hört, gefällt ihm nicht sehr. „Ich bin verwundert über die Verkehrspolitik in Großstädten“, ruft der emeritierte Professor der Universität Trier in den mit 170 Gästen gefüllten Raum hinein. Er gilt als alternativer Verkehrsplaner und verhehlt keine Sekunde, wie er diese Rolle versteht. Obwohl er mit einer Rennfahrerin verheiratet ist, steht für ihn fest: „Das Auto ist wegen seiner Riesenineffizienz ein Dinosaurier.“

          Städte seien nie für das Auto geplant worden. „Auto und Urbanität gehen nicht zusammen“, meint er und fordert: „Das Auto muss neu erfunden werden.“ Zumal an Hauptverkehrsadern lebende Menschen eine um sieben Jahre kürzere Lebenserwartung hätten als der Durchschnitt. Diesel und Benziner stießen Gifte aus, mahnt er und bekommt Applaus dafür.

          Von einer City-Maut hält Oesterling nichts

          Dabei beißt sich Monheim nicht nur an Verbrennungsmotoren fest. Autos an sich stellen für ihn ein Mengenproblem dar. „Täglich kutschieren wir 160 Millionen Autositze durch Deutschland.“ Zwar lobt er Zimmermann für dessen Aussage, die E-Mobilität, in der Renault nachweislich eine führende Rolle spiele, sei ebenso auf dem Vormarsch wie Carsharing und Vernetzung. Doch den Einwand Appels, des Leiters der Redaktion „Technik & Motor“ dieser Zeitung, es sei schon eine Frage der persönlichen Freiheit, Auto zu fahren, will er nicht gelten lassen. Zimmermann hält Monheim in ruhigem Ton entgegen, das Auto sei eine Grundlage für Mobilität.

          Als Mittel für eine umweltschonendere und bessere Mobilität schwebt dem oft lebhaft gestikulierenden Verkehrsplaner Monheim ein Dreiklang vor: mehr Straßenbahnen, mehr Carsharing und Quartiersbusse, die Fahrgäste einsammeln und zu den nächsten Stationen von U-, S- und Straßenbahn bringen. Oesterling hingegen kann sich mit Quartiersbussen nicht anfreunden. Statt Minibusse für etwa 20 Fahrgäste oder Midibusse mit rund 35 Sitzplätzen anzubieten, werde die Stadt auf so mancher Stecke bald Gelenkbusse einsetzen - weil in die Fahrzeuge deutlich mehr Personen passten. Mit Blick auf Carsharing sieht der Stadtrat ein Defizit. Die Stadt sei mit mehreren Anbietern im Gespräch. Er strebe dazu ein Konzept bis Jahresende an.

          Die Zahl der Parkplätze für Autos zugunsten der Fahrräder zu verringern, wie Monheim es fordert, lehnt Oesterling mit Hinweis auf die Gemütslage der Bürger ab. In Ortsbeiräten kämpften sie um jede Stellfläche. Von einer City-Maut hält er auch nichts - schließlich stehe Frankfurt in Konkurrenz zu anderen Städten.

          Zur Frage aus dem Publikum nach Radfahrstraßen sagt er, die Stadt sei eher auf den Autoverkehr zugeschnitten worden. Monheims Einwand, in Quartieren könne er Radfahrstraßen per Schild ausweisen, überzeugt den Politiker nicht. Aber er verspricht: „Ich nehme es mit in die Koalitionsrunde.“ In einem immerhin sind sich die Podiumsteilnehmer einig. Wenn Autofahrer und Radler mehr wechselseitig aufeinander achteten, wäre das ganz gut.

          Quelle: F.A.Z.

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