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: Das Stadtoberhaupt und sein Teufelchen

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Die mitunter gehegte Hoffnung, aus Oberbürgermeister Peter Feldmann werde im Laufe der Jahre doch noch eine zweite Version seiner Vorgängerin, wird sich wohl

          Die mitunter gehegte Hoffnung, aus Oberbürgermeister Peter Feldmann werde im Laufe der Jahre doch noch eine zweite Version seiner Vorgängerin, wird sich wohl nicht erfüllen. Er habe auch nie behauptet, sich ähnlich gut aufs Repräsentieren zu verstehen wie Petra Roth, sagt Feldmann. Im Gegenteil - schon bei der Kandidatenkür innerhalb der SPD, als er gegen den smarten Michael Paris antrat, habe er klargestellt: „Wenn ihr das wollt, dann wählt den Michael.“

          Wollten die Sozialdemokraten aber nicht. Genauso wenig wie die Frankfurter, die Feldmann im März 2012 zum Oberbürgermeister wählten - mit einer Mehrheit von 57 Prozent gegen den CDU-Kandidaten Boris Rhein. Dabei wäre der hessische Innenminister dem Rothschen Vorbild doch viel näher gekommen als er selbst, merkt Feldmann süffisant an. „Der Boris Rhein sieht beim Aussteigen aus dem Dienstwagen ja immer ein Stück weit glamouröser aus als ich.“

          Minderwertigkeitskomplexe müssen Feldmann deswegen nicht plagen. Wer braucht schon Glamour, wenn er das Publikum mit der Geste bescheidener Zugewandtheit für sich einzunehmen weiß. Dass der Oberbürgermeister das kann, wird im Holzfoyer des Schauspiels schnell deutlich, wo F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka und Ressortleiter Matthias Alexander den Vierundfünfzigjährigen als ersten Gast in der neuen Reihe des „Frankfurter Allgemeinen Bürgergesprächs“ befragen.

          “Händeschütteln und sonst nicht viel“ lautet die These des Abends. Zwar hat Feldmann nichts gegen Händeschütteln, das wird schnell klar, als er vor Beginn des Gesprächs durchs Publikum geht. Die Unterstellung, damit müsse ein Stadtoberhaupt sich begnügen, weist er jedoch zurück. Seine Absicht sei es, zu gestalten und zu verändern. Schon als Zwölfjähriger habe er eine Jugendgruppe aufgebaut, mit 16 sei er Stadtschulsprecher gewesen. Dass er in seiner Heimatstadt Frankfurt einmal weit größere Gestaltungsmacht erlangen würde, habe er damals und selbst vor ein paar Jahren noch nicht erwartet. Der Wille, an die Spitze der Stadt zu gelangen, „die ich immer geliebt habe“, sei langsam „mit vielen Zwischenschritten“ gewachsen. „Doch dann kam der Moment, als ich wusste: Ich bring das.“

          Dass aus dieser Gewissheit ein Wahlsieg wurde, hat in der Stadt viele überrascht. Und manche fühlten sich nach der Amtsübernahme in ihren Zweifeln bestätigt, ob Feldmann zum obersten Bürger tauge. Zum Beispiel, als er im Business-Anzug zur Operngala erschien. Dabei habe er sich unter den vielen Smokingträgern ziemlich wohl gefühlt, sagt er und setzt sein gewinnendstes Lächeln auf. Vielleicht habe ihn bei seiner Dresscode-Verweigerung auch „ein kleines Teufelchen geritten“, sagt er und gibt zu verstehen, dass er, der seine Herkunft aus den Bonameser Hochhaussiedlungen auch an diesem Abend nicht unerwähnt lässt, die Snobs aus der vermeintlichen Stadtgesellschaft auch künftig ab und an etwas ärgern wird.

          Politisch relevanteren Ärger hatten sich Beobachter von der Konstellation im Römer erwartet, in der ein roter Oberbürgermeister mit schwarzen und grünen Stadträten zusammenarbeiten muss. Nicht ganz zu Unrecht, sagt Feldmann. Anfangs hätten sich CDU und Grüne in den „Schützengräben“ versteckt, „nach dem Motto: Isoliert den Feldmann“. Das habe aber nicht funktioniert, und inzwischen habe sich die Lage entspannt. Mit Planungsdezernent Olaf Cunitz (Die Grünen) zum Beispiel arbeite er sehr konstruktiv bei der Schaffung von Wohnraum zusammen.

          Lagerdenken ist nach seiner Ansicht in der Lokalpolitik ohnehin nicht angebracht: „Es geht um pragmatische Dinge, um Verkehr, Senioren, Wohnen, Fluglärm.“ In diesen Fragen bestünden fraktionsübergreifend viele Gemeinsamkeiten - „und meine Aufgabe ist es, sie herauszuarbeiten“. Mit seinem Vorschlag, einen Stadtratsposten zu streichen, den die schwarz-grüne Koalition mit einem der Ihren wieder besetzen möchte, habe er sich jedoch keine Freunde gemacht, gibt Alexander zu bedenken. Das mag schon sein, räumt Feldmann ein, allerdings habe ihn dabei nicht die Lust an der Provokation, sondern ehrlicher Sparwille geleitet.

          Ein Thema, das nicht unmaßgeblich zum Wahlerfolg des SPD-Manns beigetragen hat, beschäftigt das Publikum auch an diesem Abend: der Fluglärm. Er verstehe sich als Lobbyist derjenigen, die unter dem Flughafenausbau litten, sagt Feldmann. Dabei wolle er nicht zu viel versprechen, seine Kompetenzen seien begrenzt: Er sei nicht „der Peter mit der Spitzhacke“, der die Nordwest-Landebahn wieder in Waldboden verwandeln könne. Er wolle jedoch alles tun, um die Menschen in den Einflugschneisen zu entlasten. Auch, wenn dies Fraport schade?, fragt D’Inka. Schließlich sitze der Oberbürgermeister im Aufsichtsrat des Flughafenbetreibers und sei somit dessen wirtschaftlichen Interessen verpflichtet. Doch Feldmann mag einen Widerspruch zwischen gesundem Aktienkurs und gesunden Anwohnern nicht erkennen. Umgekehrt werde ein Schuh daraus: Der Konflikt um den Fluglärm schade auch dem Unternehmen. „Es ist im Interesse aller, dass wir diejenigen, die vermeintlich gegen den Flughafen kämpfen, an einen Tisch mit denjenigen bringen, die vermeintlich für ihn kämpfen.“

          Gut möglich, dass es zu einem solchen Aufeinandertreffen auch in einem der „Frankfurter Allgemeinen Bürgergespräche“ kommt, die künftig regelmäßig stattfinden. Zur Sprache sollen dabei Fragen kommen, die die Stadt beschäftigen, gleich, ob sie politischer, kultureller oder gesellschaftlicher Natur sind. Nach den Worten von Herausgeber Werner D’Inka steht als Nächstes ein Wirtschaftsthema an, das viele Bürger umtreibt: die drohende Inflation.

          trau.

          Frankfurter Allgemeine Bürgergespräch

          Quelle: F.A.Z.

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