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Auschwitz-Prozess in Frankfurt : Für das Gedächtnis der Völker

Keine Reue: SS-Sturmbannführer Victor Capesius (erste Reihe mit Brille) und Rapportführer Oswald Kaduk (stehend) wiesen im Prozess jede Schuld von sich. Bild: Picture-Alliance

Die Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses sollen Weltdokumentenerbe werden. Und die Chancen, dass die Unesco sie als solches anerkennt sind sehr gut.

          Weltgeschichte in 454 Bänden. Allerdings sind in den Akten des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses von Dezember 1963 bis August 1965 keine historischen Heldentaten dokumentiert, sondern die Untaten von NS-Schergen, die während des Prozesses im Haus Gallus keine Schuld eingestanden und keinerlei Reue zeigten. Die Dokumente lagern im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden. Sie werden im 5. Stock in einem der zahllosen Rollregale in grauen Pappkartons aufbewahrt.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bald wird die ganze Welt mit einem Klick diese Akten sehen und lesen können - in digitalisierter Form im Internet. Denn Deutschland hat das Konvolut des Auschwitz-Prozesses, der eine Schlüsselrolle bei der Auseinandersetzung der Deutschen mit den Nazi-Verbrechen spielte, für das Unesco-Programm „Memory of the World“ eingereicht. Zu dem Konvolut zählen auch 103 Tonbänder mit Mitschnitten der Aussagen der mehr als 300 Zeugen in der Hauptverhandlungen.

          Entscheidung fällt nächstes Jahr

          Das bisher von der UN-Organisation aufgebaute Weltdokumentenerbe umfasst inzwischen 348 Zeugnisse aus aller Welt, darunter auch 22 aus Deutschland: zum Beispiel das Manuskript von Beethovens 9. Symphonie, die „Goldene Bulle“ oder die „Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Frankreich hat unter anderem die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 bis 1791 eingestellt, Großbritannien die „Magna Carta“ (1215)und die Vereinigten Staaten den Film „Der Zauberer von Oz“ von 1939.

          Ziel des Unesco-Programms ist es, dokumentarische Zeugnisse in Archiven, Bibliotheken und Museen, die von außergewöhnlichem Wert und menschheitsgeschichtlicher Bedeutung sind, der Welt zugänglich zu machen. Die Akten des Auschwitzprozesses, davon ist nicht nur Hessens Kultur- und Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU), sondern auch das deutsche Nominierungskomitee unter Leitung des früheren hessischen Staatssekretär Joachim-Felix Leonhard überzeugt, haben einen solchen außergewöhnlichen Wert.

          Die Nominierung der Prozessakten unterstreiche deren einzigartige historische und gesellschaftliche Bedeutung für die Nachkriegsgeschichte und Erinnerungskultur Deutschlands, sagte Rhein gestern, als er sich im Hauptstaatsarchiv vom Archivleiter Volker Eichler den Aktenbestand zeigen ließ. Das bisher einzige deutsche Nachkriegsdokument bei „Memory of the World“ ist der Zwei-plus-Vier-Vertrag zur deutschen Einheit. Nun könnte zum ersten Mal ein wirklich umfangreicher Dokumentenkomplex aus der Nachkriegszeit aufgenommen werden.

          Die Chancen, dass die Mitglieder des alle zwei Jahre in Paris tagenden Internationalen Beraterkomitees der Unesco den deutschen Vorschlag akzeptieren, stehen nach Ansicht von Andreas Hedwig, dem Leiter des Hessischen Landesarchivs, sehr gut. Denn bisher seien alle von Deutschland nominierten Dokumente in das Welterbe-Register gekommen. Die Entscheidung über die Aufnahme der Prozess-Akten soll in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres fallen.

          Die Wahrheit hüten

          Wird der deutsche Antrag tatsächlich positiv beschieden, werden die Akten digital über die Server der Unesco ins Netz gestellt und können dann von jedermann abgerufen werden. Einige Schlüsseldokumente sollen zudem ins Englische übersetzt werden, so dass auch ein internationales Publikum sie verstehen kann. Die Archivare Hedwig und Eichler sind sich sicher, dass die Prozessakten nach einer Aufnahme ins Unesco-Programm große Aufmerksamkeit finden werden. Der größte Teil davon ist ohnehin schon digitalisiert und bald über die Internetseite des Hauptstaatsarchivs einzusehen. Wird das Konvolut ins Weltdokumentenerbe aufgenommen, wird es auch über die Unesco digital verbreitet.

          Initiator des Auschwitz-Prozesses: Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Mitte rechts) bei einer Pressekonferenz im Februar 1964.

          Erstaunlicherweise sind die Aussagen der Zeugen im Auschwitz-Prozess nicht in den Akten festgehalten. Dort tauchen nur die Formalien auf, also etwa die Beschreibung, wer an welchem Tag in den Zeugenstand getreten ist. Glücklicherweise wurden aber große Teile des Prozesses auf Tonband aufgenommen und so für die Historiker und die Nachwelt erhalten. Diese 103 Tonbänder mit einer Aufnahmezeit von insgesamt 430 Stunden sind erhalten, ihr Inhalt wurde vor einiger Zeit vom Fritz-Bauer-Institut digitalisiert und ins Internet gestellt. Dort sind erschütternde Berichte von Augenzeugen wie beispielsweise von Walter Petzold zu hören, der während der Verhandlung nüchtern zu Protokoll gab, wie zuerst Häftlinge aus dem Krankenbau in Hemd und Unterhose und danach 850 Kriegsgefangene in den Bunker getrieben wurden, in den das Lagerpersonal dann von oben Würfel von Zyklon B warf.

          Minister Rhein wies gestern darauf hin, dass nur noch wenige Holocaust-Überlebende Zeugnis vom damaligen Geschehen abgeben könnten. Wenn es keine Zeitzeugen mehr gebe, könnten Dokumente wie die Akten des Auschwitz-Prozesses künftigen Generationen als authentische Quellen dienen. Rhein hob in diesem Zusammenhang die Rolle des Hauptstaatsarchivs und anderer Archiveinrichtungen hervor. Deren Aufgabe bestehe darin, die Wahrheit zu hüten.

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