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Zuwandererkinder Hertie-Stiftung sorgt für einen guten Start

15.09.2003 ·  Marsida Lluca und Nidhi Kakkar waren noch Kinder, als sie lernen mußten, was brutale Macht bewirken kann: Angst, Flucht. Marsida Lluca war keine zehn Jahre alt, als sie 1993 mit ihrer Familie aus Albanien nach Deutschland kam.

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Marsida Lluca und Nidhi Kakkar waren noch Kinder, als sie lernen mußten, was brutale Macht bewirken kann: Angst, Flucht. Marsida Lluca war keine zehn Jahre alt, als sie 1993 mit ihrer Familie aus Albanien nach Deutschland kam. Ihr Vater, ein Journalist, hatte Artikel geschrieben, die den Mächtigen nicht paßten. Nidhi Kakkar mußte 1994 als Sechsjährige ihre Heimatstadt Kabul verlassen. Sie und ihre Angehörigen sind Hinduisten, Grund genug für die Taliban, sie unter Druck zu setzen. Die beiden jungen Frauen haben mit ihren Familien Fuß gefaßt in Deutschland, sie wollen ihre Fähigkeiten hier zur Entfaltung bringen und fruchtbar machen.

Dabei hilft ihnen das Projekt "Start" der in Frankfurt ansässigen Hertie-Stiftung. Mit ihm werden leistungsbereite und gesellschaftlich engagierte junge Zuwanderer in Hessen gefördert: mit 100Euro Bildungsgeld im Monat, einem Computer und vielen Seminaren. Ziel ist die Hinführung zum Abitur. Am Dienstag wird der zweite Jahrgang der Stipendiaten aufgenommen. Zu ihm gehört auch Nidhi Kakkar, die die 10. Klasse des Pestalozzi-Gymnasiums in Idstein besucht. Sie war so gut, daß sie die achte Klasse überspringen konnte. "Das Stipendium gibt mir Mut, Abitur und Studium zu bewältigen", sagt die Vierzehnjährige stolz. Computeringenieurin will sie werden. Kulturwirtschaft soll das Studienfach von Marsida Lluca, der Sprecherin aller 61 Stipendiaten, werden. Die Neunzehnjährige macht im nächsten Jahr Abitur in der Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden-Walldorf. Sie gehörte 2002 zu den ersten 20 Geförderten.

In diesem Jahr werden 35 junge Zuwanderer aufgenommen, auch dank der Unterstützung anderer Stiftungen und Einzelpersonen, wie Roland Kaehlbrandt, Geschäftsführer der Hertie-Stiftung, berichtet. "Wir möchten die positiven Energien der jungen Leute entfalten und ihnen sagen: Wir wollen, daß ihr bleibt." Das Programm zeige, daß Migration gestaltet werden könne. Die Zuwanderer hielten ein Potential bereit, das anerkannt werden müsse. Menschen aus 22 Ländern nehmen an "Start" teil. Sie müssen in Hessen leben, zeigen, daß sie sich etwa in der Schule oder Vereinen engagieren, einen Notendurchschnitt zwischen 1 und 2,5 aufweisen und auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein. Gewährt werden die Stipendien für ein Jahr, sie können verlängert werden. Nach Ansicht des "Start"- Projektleiters Kenan Önen sind die Zuwanderer der Generation, der Lluca und Kakkar angehören, "sehr bildungsghungrig, bildungshungriger als gleichaltrige Deutsche". Das unterscheide sie auch von seiner eigenen, der zweiten Migranten-Generation, die sehr materiell orientiert gewesen sei. "Das hat sich geändert." Offenbar nicht nur das. "In der Schule habe ich noch keinen abfällig sagen hören: ,Du Ausländerin'. Die Gesellschaft ist eben multikultureller geworden", meint Nidhi. Marsida fügt hinzu: "Die Bereitschaft zur Integration ist in unserer Generation sehr hoch." Das sei ausgesprochen wichtig, vor allem der Erwerb der deutschen Sprache.

Hier setzt aber auch die Kritik der beiden an. Es gebe viel zuwenig gezielte Deutsch- und Förderkurse für Ausländer, sagen sie. Sie würden vor allem den Schuleinstieg erleichtern. Zuwanderer würden in den Schulen trotz eines gleichen Leistungsniveaus oft schlechter gestellt, wenn sie nach Deutschland kämen. "Manchmal gibt es diese Einstellung ,Ausländer können nichts.' eben noch", berichtet Marsida. "Seiteneinsteiger werden reihenweise Hauptschulen zugewiesen und zwei Stufen zurückgesetzt. So verlieren Top-Leute zwei Jahre", klagt Önen. Dennoch sieht er Fortschritte: Zwar sei die Zahl der Zuwandererkinder in Gymnasien mit 7,4 Prozent noch immer klein. "Aber zu meiner Zeit - ich habe 1978 Abitur gemacht - waren es noch nicht einmal ein Prozent."

Zeichen des Wunsches von Marsida und Nidhi, in Deutschland bleiben zu wollen, ist auch ihr Wunsch, sich einbürgern zu lassen. Önen rät ihnen dazu: "Ihr Lebensmittelpunkt ist schließlich hier." Identitätsprobleme bereitet ihnen diese Entscheidung nicht. "Man kann die Kultur des Heimatlands auch mit deutschem Paß bewahren", sagen beide und berichten davon, wie in ihren Familien das Wissen um das Leben im jeweiligen Herkunftsland wach gehalten wird. Wichtig ist Nidhi dabei auch die Mitgliedschaft in einem in Frankfurt ansässigen Verein afghanischer Hinduisten. "Die eigene Kultur darf man nicht vergessen", sagt sie und hat dafür ein Beispiel parat: "Die Deutschen essen ja auch Döner und vernachlässigen deswegen die deutschen Gerichte nicht." stefan toepfer

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