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Zeugen Jehovas : Tausend Jahre auf Bewährungsprobe

Sie loben den Herrn: Zeugen Jehovas in der Commerzbank-Arena Bild: F.A.Z. - Daniel Nauck

Sie sind gegen Homosexualität, mobben Abtrünnige und warten auf den Weltuntergang: Während sich 30.000 Zeugen Jehovas in der Commerzbank-Arena zum Gottesdienst treffen, geht Tobias Rösmann der Frage nach: Was weiß man von den Glaubensbrüdern?

          Lied 33 kennt Benjamin Menne nicht auswendig. Das macht nichts, schließlich haben die Zeugen Jehovas ein eigenes, oft in Leder gebundenes Liederbuch, das sie aufklappen können, wenn der Prediger unten in der Commerzbank-Arena dazu auffordert, „Jehova selbst ist König geworden“ zu singen. Dazu erheben sich alle 31.277 Besucher des internationalen Kongresses. Die Zeugen Jehovas nehmen es ziemlich genau.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Menne ist Zeuge Jehovas in der vierten Generation. Der 49 Jahre Biologe mit der halb-randlosen Brille trägt einen cremefarbenen Anzug und ist in offizieller Mission unterwegs. Journalisten soll er erklären, worum es hier geht. Menne sagt, die christliche Glaubensgemeinschaft habe nicht nur gute Erfahrung mit den Medien gemacht. Er sagt aber auch, dass das nicht nur an den Journalisten gelegen habe.

          Es ist Kongresstag Nummer zwei im Stadion. Für die christliche Religionsgemeinschaft ist die Veranstaltung eher ein Dauergottesdienst von vier Tagen, der bis Sonntag in fünf deutschen Städten gleichzeitig stattfindet. Die Zeugen Jehovas existieren noch nicht so lange. Gegründet wurden sie Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika, seit 1903 gibt es die Religionsgemeinschaft in Deutschland, erstes Zweigbüro: Wuppertal-Elberfeld.

          Bibel wird wörtlich genommen

          Hinter den Ledersitzen der Haupttribüne stehen fünf Rollatoren. Keine Frau im Stadion trägt eine Hose. Am Haupteingang reihen sich bestimmt 50 Kinderwagen aneinander; sie dürfen aus Sicherheitsgründen nicht in die Arena, was Menne sehr bedauert, der auf seinem Gang durchs Stadion hin und wieder einem Kind über den Kopf streicht.

          Für ihn kommen Kinder nicht in Frage. Mit seiner Frau – die Ehe ist zwar heilig, aber kein Sakrament – und etwa 1000 anderen Brüdern und Schwestern wohnt er im Zentrum der Zeugen, in Selters im Taunus. „Das ist eine Art Orden für uns“, sagt er. Menne arbeitet dort in der Rechtsabteilung. Weil die Glaubensgemeinschaft Kirchensteuer als Zwang ablehnt und von Spenden lebt, lebt auch Menne von Spenden. Ein Kind sollen seine Brüder und Schwestern nicht auch noch finanzieren müssen, findet er. Wer Nachwuchs wünscht, verlässt die Zentrale. Keine Bluttransfusionen, keine Homosexualität, Weltuntergang, Mobbing von Abtrünnigen, Wachtturm – Menne weiß, dass viele Leute nicht mehr wissen über die knapp 200.000 Zeugen Jehovas in Deutschland.

          Für alles, was sie tun, suchen sie eine Antwort in der Bibel, die sie streng auslegen und oft wörtlich nehmen. Bevor Menne antwortet, zitiert er gerne Textstellen. Matthäus, Kapitel 24, Vers 14 nennt er zum Beispiel, um die Hauptaufgabe der Religionsgemeinschaft herzuleiten: die Mission. An der Bibelstelle heißt es: „Und diese gute Botschaft vom Königreich wird auf der ganzen bewohnten Erde gepredigt werden, allen Nationen zu einem Zeugnis; und dann wird das Ende kommen.“ Die Bibel gibt ihm Halt, Menne findet: „Das Wort Gottes legt sich selbst aus.“

          Zurückhaltung beim Datum des Weltuntergangs

          Der Auftrag ist klar und kommt von Gott. Und deshalb geht Menne zwei- bis dreimal in der Woche predigen. So nennt er es, wenn er mit dem „Wachtturm“ in der Hand an Türen klingelt, um die Menschen zu bekehren. „Die biblische Botschaft ist lebenswichtig und hilft wirklich.“ Dass er den Leuten damit manchmal auf die Nerven geht, weiß er. „Aber wenn ich predigen gehe, ist totale Ablehnung die absolute Ausnahme.“ Außerdem würden die Brüder und Schwestern geschult, sofort zu akzeptieren, wenn der Gegenüber nicht mit ihnen reden wolle. „Für manche“, sagt Menne, „sind wir aber auch die letzte Rettung, weil sonst keiner mehr mit ihnen spricht.“

          Rechts von der Haupttribüne steht ein tragbarer Swimming Pool. Der ist für Sonntag, dann werden darin mehr als 100 Erwachsene getauft. Das Wasser leuchtet blau. Die Zeugen Jehovas glauben, dass sich nur Erwachsene frei zu einer Taufe entscheiden können. Und sie glauben, Gott wolle nicht, dass sich die Menschen mit Blut befassten. Menne zieht sein Portemonnaie aus der Anzugtasche und klappt es auf. „Kein Blut“ steht dort in roten Lettern auf einem Stück Papier, ein Blutbeutel für Transfusionen ist durchgestrichen. Wenn Menne bei einem Autounfall drei Liter Blut verliert, wird er sterben. Das nimmt er in Kauf. „Für ein gutes Verhältnis zu Gott.“

          Homosexuelle vergleicht Menne mit Unverheirateten bei den Zeugen Jehovas. Beide hätten sexuelle Bedürfnisse, dürften sie nach der Vorgabe der Bibel aber nicht ausleben. „Homosexualität ist für uns kein akzeptabler Lebensstil“, sagt Menne und lehnt sich auf ein Stadiongeländer. Weil er merkt, dass das zu hart klingt, fügt er hinzu: „Wir akzeptieren den Menschen, aber nicht die Verhaltensweise.“ Sex außerhalb der Ehe sei für die Brüder und Schwestern auch verboten. Doch solange ein Mensch von seiner sexuellen Empfindung wisse, sie aber nicht lebe, dürfe er sogar Zeuge Jehovas sein.

          Nach knapp drei Stunden Gottesdienst ist Mittagspause. Auf den Rängen werden Brote aus Alufolien gepellt, Tupperdosen aus Körben gezogen und Thermoskannen geöffnet. In der Stadionkurve riecht es nach Leberwurst. Menne grüßt ein paar Brüder und Schwestern und schüttelt Hände. Man duzt sich – ohne Vornamen.

          Kompliziert wird es mit der Ewigkeit und dem Paradies. Leider haben sich die Zeugen Jehovas schon ein paar Mal vertan mit ihren Prognosen zum Zeitpunkt des Hamargedon, des Weltuntergangs. Deshalb halten sie sich jetzt mit einem Datum zurück. Ihr Glaube sagt, Gott werde irgendwann eine Zäsur setzen. Menne sagt, bis auf wenige Ausnahmen hätten dann alle Lebenden, aber auch alle Verstorbenen tausend Jahre lang Zeit, sich zu bewähren – mit kleinen Vorteilen für die Zeugen Jehovas natürlich. Weil das ewige Leben aber auf dieser Erde stattfinden werde, könnte es eng werden; schließlich haben viele Milliarden die Chance auf einen Platz im irdischen Paradies. Menne überlegt kurz, dann sagt er: „In Kanada ist noch sehr viel Platz.“

          Quelle: F.A.Z.

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