15.05.2010 · Manche haben noch klare Gedanken, andere nicht: Besuch in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke
Von Silke Bauer, FrankfurtHelmut Wohlgemuth trägt mehrere Hemden übereinander, selbst im Sommer. Er hat immer eine Plastiktasche mit Handschuhen und zwei Thermoskannen mit Tee dabei. Er spricht so gut wie nichts, manchmal lächelt er schüchtern, wenn man ihn anspricht. Helmut Wohlgemuth hat Demenz.
Zusammen mit vier anderen Demenzkranken im Alter von 73 bis 83 Jahren lebt er in der Wohngemeinschaft „Gila“ an der Günderrodestraße im Gallus. Bis Ende dieses Monats sollen drei weitere hinzukommen. In dem Haus werden die alten Menschen rund um die Uhr von fünf Mitarbeitern betreut. Jeder hat ein eigenes Zimmer. „Wir legen großen Wert auf Privatsphäre“, sagt Ingrid Hager, die Betreiberin der Einrichtung. „Dazu gehört auch ein eigenes Badezimmer.“
Senioren mieten ein Zimmer samt Betreuung
Ingrid Hager ist gelernte Krankenpflegerin und leitet die Wohngemeinschaft, die vor knapp einem Jahr eröffnet wurde, gemeinsam mit dem Sozialpädagogen Andreas Morello. „Ich wollte eine Alternative zum Altenheim schaffen“, sagt Hager. Im vergangenen Jahr schloss sie eine Leistungsvereinbarung mit der Stadt Frankfurt ab. Wenn ein Bewohner die monatlichen Kosten von 3200 bis 3400 Euro nicht allein von seiner Rente und Leistungen der Krankenkasse tragen kann, was oft der Fall ist, zahlt die Stadt die restlichen Beträge.
„Die Senioren“, sagt Ingrid Hager, „sind anders als im Pflegeheim im rechtlichen Sinne Mieter, keine Bewohner. Sie mieten das Zimmer mitsamt der Betreuung.“ Die Gemeinschaftsräume befinden sich im Erdgeschoss, die Zimmer im ersten Stock. Die restlichen fünf Etagen werden an Arbeitnehmer und Studenten vermietet.
Platz für 25 Personen
Aufgenommen werden kann nur, wer die Kriterien erfüllt. „Natürlich muss ein Arzt eine Demenzerkrankung diagnostiziert haben“, sagt Morello. Außerdem dürften keine schweren psychischen Erkrankungen vorliegen, der Kranke müsse gemeinschaftsfähig sein und in die Gruppe hineinpassen. Platz ist für 25 Personen.
Der Tag beginnt morgens um acht, dann erscheint auch der Pflegedienst. „Die Pfleger kommen alle von außerhalb. Unser eigenes Personal übernimmt im Lauf des Tages nur kleinere Tätigkeiten wie das Wechseln der Kleidung“, sagt Hager. „Danach wird Frühstück gemacht, werden Medikamente verteilt, anschließend haben die Bewohner Zeit zu ihrer freien Verfügung, jeder beschäftigt sich anders.“
Breitbildfernseher, Plattenspieler, Radio und Pudel
Helmut Wohlgemuth ist am liebsten für sich. Nur zum Mittagessen und zum Nachmittagskaffee verlässt er sein Zimmer und geht nach unten in den Gemeinschaftsraum zu den anderen Bewohnern. Doch er spricht nicht mit ihnen. Sobald er aufgegessen hat, steht er auf, nimmt seine Plastiktüte in die Hand, schiebt den Stuhl zurück an den Tisch und geht wieder nach oben. Auf die Frage, was er dort mache, antwortet er: „Nichts.“
In den Gemeinschaftsräumen ist es gemütlich, die großen Fenster lassen viel Sonnenlicht herein, überall gibt es Topfpflanzen, an den Wänden stehen Sitzbänke mit bunten Kissen. Ein kleiner schwarzer Pudel läuft aufgeregt umher, er gehört Andreas Morello. Dem Sofa gegenüber steht ein neuer Breitbildfernseher, daneben ein Bücherregal. Im Hintergrund ertönt Musik aus einem Musical, auch einen alten Plattenspieler und ein Radio gibt es.
Ehrenamtliche Helfer gesucht
Auf einem Sessel sitzt Gerhardt Balle, er hat die Füße hochgelegt und liest Zeitung. Er ist Mitte 70 und wirkt geistig relativ rege. „Bei ihm ist die Demenz erst in einem frühen Stadium“, sagt Morello. Was Balle jedoch schwerfällt, ist das Gehen, allein kommt er kaum vom Fleck. Er liest viel, hauptsächlich Zeitungen und Bücher über das Mittelalter. Der höfliche und freundliche Mann unterhält sich gern, erzählt von früher, von seiner Mutter, die während des Kriegs gestorben ist, von seinem „Kater Peter“, den er als Kind hatte, von seinem Beruf als Anwalt. Frau und Kinder habe er nicht, nur noch ein paar entfernte Verwandte. „Meine Tante ist 103“, sagt er und lacht. Manchmal bekomme er Besuch von Freunden. Sie bringen ihm etwas zu lesen. Hager sucht noch ehrenamtliche Helfer, die sich mit den Bewohnern beschäftigen.
Bevor Gerhardt Balle in die Wohngemeinschaft kam, lebte er allein, hatte öfter Kreislaufzusammenbrüche, eines Morgens war er aus dem Bett gefallen und konnte nicht mehr aufstehen. Sein Betreuer brachte ihn zur Wohngemeinschaft Gila, seit fast einem Jahr lebt er nun dort. Anscheinend geht es ihm besser als früher, „die Leute hier tun alles, damit es einem gutgeht“, sagt er. An sein Zuhause denkt er trotzdem oft: „Lieber wäre ich natürlich dort“, sagt er und nimmt einen Schluck von dem Kaffee, den ihm eine Mitarbeiterin gebracht hat.
„Haustiere machen vieles einfacher“
Auch Melanie Hansel wäre lieber zu Hause. „Ich bin ja nicht mehr lange hier, im Moment wird mein Haus renoviert, danach gehe ich wieder zurück“, sagt sie und nickt heftig mit dem Kopf. „Sie wissen ja, wie die Handwerker sind.“ Die 83 Jahre alte Frau weiß nicht, dass sie krank ist. Sie lebt seit zwei Monaten in der Wohngemeinschaft. „Die Demenz könnte bei ihr durch zwei Schlaganfälle ausgelöst worden sein“, sagt ihre Tochter Miriam Hansel. Sie weiterhin allein leben zu lassen, könne sie nicht mehr verantworten, ihre Mutter habe beispielsweise oft vergessen, die Herdplatten auszuschalten.
Vieles wiederholt Melanie Hansel in kurzen Abständen immer wieder. Sie hat ihre Katze mitgebracht, die sie schon seit zehn Jahren hat, „eine norwegische Waldkatze“ sagt sie mehrmals und strahlt. Das Tier ist ihr Ein und Alles. „Haustiere machen vieles einfacher“, sagt Ingrid Hager.
Besuch am Wochenende
Miriam Hansel hat sich für ihre Mutter gegen einen Platz im Altenheim entschieden. „Ich habe mir mehrere Pflegeheime angesehen“, sagt sie, „aber sie ist ja nicht bettlägerig.“ Bei sich zu Hause pflegen könne sie ihre Mutter jedoch auch nicht, da sie berufstätig sei. Sie versuche allerdings ihre Mutter jedes Wochenende zu besuchen. Seit sie hier sei, habe sich ihr körperlicher und geistiger Zustand gebessert. „Sie hat zugenommen und ist nicht mehr so verwirrt wie früher.“ Die Wohngemeinschaft scheint für die beiden die beste Lösung zu sein.