05.11.2008 · Seit 1965 gibt es die Werkstatt in Praunheim, in der geistig Behinderte in den Arbeitsalltag integriert werden. Sie muss durch einen Neubau ersetzt werden. Mit Hilfe der diesjährigen Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ soll dort die neue Schreinerei errichtet werden.
Von Philip EppelsheimSeit 1965 gibt es die Werkstatt in Praunheim, in der geistig Behinderte in den Arbeitsalltag integriert werden. Sie muss durch einen Neubau ersetzt werden. Mit Hilfe der diesjährigen Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ soll dort die neue Schreinerei errichtet werden. Vieles ist seit den mehr als 40 Jahren für die Förderung geistig Behinderter getan worden. Hinzu kommt, dass „sich der Personenkreis rapide verändert“, wie der Pädagogische Leiter der Werkstatt, Rolf Foeller, sagt. Hans Georg Wörle arbeitet seit vierzig Jahren. „Er steht für die alte Werkstatt“, sagt Foeller. „Er hat gelernt, mit dem alten Erziehungsstil zu leben: Seid lieb, und sagt nie etwas.“ Für Daniel Vogelsang wäre das undenkbar.
Daniel Vogelsang rückt sich das Baseballcap mit dem Eminem-Schriftzug zurecht und schaut auf den Rasenmäher. „Hier ist der Auspuff, und das ist der Tank, und hier macht man den Ölwechsel.“ – „Wie machst du das?“, fragt Gruppenleiter Stefan Stastny. „Na, mit einem Taschentuch.“ – „Zeig doch mal.“ – „Ach, ich bin so müde.“ – „Du warst wohl gestern unterwegs?“ Durch die Kneipen ist der 20 Jahre alte Daniel Vogelsang gezogen, hat mit seiner Clique Party gemacht, zu viel getrunken. „Da ist es schon ätzend, um fünf Uhr wieder aufzustehen, um dann um sieben Uhr bei der Arbeit zu sein“, sagt er.
Daniel Vogelsang ist der Jüngste in der Gartengruppe der Praunheimer Werkstatt. Seit vier Jahren ist er in der Einrichtung für geistig Behinderte. Nach der Berufsbildungsgruppe kam er zu den Gärtnern. Er schneidet Hecken, jätet Unkraut, fegt Laub zusammen, sammelt Müll, betreibt Hydrokulturpflege und ist mit Rasenmäher und Motorsense unterwegs. „Die Motorsense mag ich sehr gerne. Laub harken oder Unkraut kann ich nicht haben.“ Daniel Vogelsang bekommt für seine Arbeit 142 Euro im Monat. „Außerdem noch Sozialhilfe.“ Einen MP3-Player hat er sich von seinem letzten Gehalt gekauft. Heavy Metal und Rap von Bushido erklingen aus den Kopfhörern.
Ganz normale Arbeit
Geboren wurde Daniel Vogelsang in Straubing. Seine Eltern trennten sich, als er vier Jahre alt war. Die Mutter wanderte aus nach Kanada. „Ab und zu bin ich zu ihr geflogen. Aber es ist zu weit und zu teuer.“ Manchmal schickt seine Mutter ihm noch Pakete. Ein Pullover mit Kanada-Aufdruck hat sie ihm geschenkt. Manchmal trägt er ihn während der Arbeit. Der Vater zog mit ihm nach Frankfurt. Daniel Vogelsang kam auf eine Förderschule. „Da habe ich schon ein bisschen gelernt, als Gärtner zu arbeiten. Ich wollte bei dem Beruf bleiben.“ Daniel Vogelsang fiel auf: Er dealte mit Drogen, er kiffte, er klaute, er schlug zu. „Wenn mich welche beleidigt haben und ich was getrunken hatte, dann habe ich zugeschlagen. Aber das ist Vergangenheit, das ist vorbei. Das war Dummheit.“ Mittlerweile, sagt er, ignoriere er es, wenn jemand ihn „Behinderter“ nenne. „Aber manchmal stören mich die Beleidigungen sehr. Dann bin ich bereit zuzuhauen.“ Denn er fühle sich nicht als Behinderter.
Die Agentur für Arbeit vermittelte Daniel Vogelsang schließlich an die Werkstatt in Praunheim. „Ich habe vorher auch ein Praktikum in einem Baumarkt gemacht, aber da habe ich immer Ärger bekommen. Zu Unrecht.“ Die Arbeit in der Werkstatt, sagt Vogelsang, sei interessant. „Man lernt nie aus.“ Aber manchmal habe er „keinen Bock zu gar nichts“. Und die Hauptsache sei doch, dass er überhaupt Geld verdiene.
Er will demnächst aus der Wohnung seines Vaters in Mörfelden-Walldorf ausziehen. „Da freue ich mich drauf. Dann muss ich mir keine blöden Sprüche mehr anhören wie: ,Da ist es noch nicht sauber.‘“ Er überlegt, ob er mit seiner Freundin zusammenziehen soll. „Aber Vater sagt, wir sind noch zu jung.“ Er und seine Freundin kennen sich seit der Schule. Sie waren zusammen, dann wieder nicht, und seit einem Monat sind sie nun wieder ein Paar. „Ich bin aus Versehen fremdgegangen.“ Ein weiterer Wunsch von Vogelsang ist, bald seinen Führerschein zu machen. Er spart dafür, will vielleicht im nächsten Jahr anfangen. Mit dem Auto müsste er nicht mehr so früh aufstehen und sei mobiler, sagt er. Schließlich will er auch weiter in der Werkstatt arbeiten. „Der Neubau wird bestimmt cool.“ Was andere von seiner Arbeit denken, sei egal. Zudem er sie als ganz normal empfindet.
„Dabei habe ich doch gar nichts an mir“
Als Hans Georg Wörle vor vierzig Jahren in die Werkstatt Praunheim kam, gab es noch keine Diagnosen, keine Frühförderung. Oft hieß es in Gutachten einfach: Hirnschaden unbekannter Herkunft. An Behinderten hatte man kein Interesse. Stellten Lehrer fest, dass ein Kind im Unterricht nicht mitkam, so wurde es ausgegrenzt und stigmatisiert. Den Behinderten wurde beigebracht, seid lieb und nett, nur so kommt ihr durch das Leben.
Mit fünfzehn Jahren kam Wörle in die Werkstatt. Er arbeitete in der Küche, trocknete Geschirr ab, verteilte Toilettenpapier und Handtücher. „Die Arbeit in der Küche hat Spaß gemacht. Nur, dass ich so viele Treppen steigen musste, war schwierig. Wenn die in der Küche Hilfe brauchen, dann helfe ich noch immer.“ Seit Januar ist er nun in der Langzeitbeschäftigtengruppe. Die Behinderten hier sollen lernen, dass es auch etwas anderes als Arbeit gibt. „Ich bügle, und am Computer bin ich. Und ich backe Kuchen, Rosinenkuchen. Das kann ich alles allein, brauche keine Hilfe.“ Vor allem das Kuchenbacken und das Kochen mit der Gruppenleiterin mache ihm besonders Spaß, sagt er. „Sie sagt, was ich machen muss, wie Äpfel schälen, und ich mache das dann.“ Auf einem Zettel stehen die Rezepte für die Kuchen. Die Mengen sind in Tassen angegeben. So schaffen es auch die Behinderten in der Langzeitbeschäftigtengruppe, alleine zu backen.
Seit seiner Kindheit wohnt Wörle in seinem Elternhaus in Goldstein. „Ich habe mitgeholfen, es zu bauen.“ Wörle hat das Haus von seinen Eltern geerbt, bewohnt es gemeinsam mit einer Tante und einer Cousine. „Vier Zimmer habe ich für mich.“ Nicht weit von seinem Elternhaus entfernt, besuchte Wörle auch eine Sonderschule. „Aber nur eine Klasse. Die hatten keine Aufgaben für mich, haben mir nichts zu rechnen gegeben. Also bin ich nicht weitergekommen.“
„Noch zehn Jahre arbeite ich, und dann ist Schluss“
In seiner Freizeit geht Wörle in Höchst schwimmen. Er besucht den Zoo oder fährt zum Flughafen. „Zu Hause bleiben kann ich nicht. Ich muss unter Menschen. Deshalb ist es am Flughafen so schön. Da sind so viele Menschen.“ Er sei dort immer in einem Lokal. „Dort kennen die mich. Ich kriege da den Kaffee umsonst. Und ich sehe da Menschen. Dann geht es mir gut.“
Freitags geht Wörle in einen Lese- und Schreibkursus der Lebenshilfe. „Ich lerne da Schreiben. Das kann ich nur mittelmäßig. Aber ich will gut schreiben können.“ Er wolle keine Fehler mehr machen, wenn er Postkarten schreibe. Lesen könne er viel besser als Schreiben, sagt Wörle. „Karl May und Dracula.“ Mit der Lebenshilfe war er auch im Urlaub. In Griechenland, Spanien und Tunesien. Manchmal geht er auch abends mit der Lebenshilfe in ein Lokal.
„Ich habe einen Freund bei der Lebenshilfe und einen, der war in der Werkstatt Fechenheim und ist jetzt in Rente. Auch hier habe ich einen Freund in der Küche.“ Diese drei wüssten, dass man mit ihm behutsam umgehen müsse. „Andere Freunde habe ich nicht. Manche wollen ja von mir nichts wissen, dabei habe ich doch gar nichts an mir.“ Allein verlässt Wörle abends nicht das Haus. Er habe Angst, sagt er. Doch über schlechte Erfahrungen möchte er nicht sprechen. „Es berührt mich zu sehr. Das ist mein Inneres. Nur für mich.“ In der Werkstatt Praunheim will Wörle noch bis zu seiner Rente bleiben. „Noch zehn Jahre arbeite ich, und dann ist Schluss.“ Dann habe er mehr Zeit zum Spazierengehen oder in den Urlaub zu fahren. „Vielleicht kann ich das dann auch alleine machen.“
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“
Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung“ bitten um Spenden, die der Hilfe für Kinder in schwierigen Familienverhältnissen und dem Neubau einer Behindertenwerkstatt zugutekommen (siehe: Die Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“: Wo Ihr Geld sicher ist).
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:
Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)
Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01)
Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten.
Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Allen Spendern wird, sofern die vollständige Adresse angegeben ist, eine Spendenquittung zugeschickt.
Philip Eppelsheim Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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