03.04.2005 · Mit einem Ruck fährt die S-Bahn an und taucht nach kurzer Beschleunigung in die Dunkelheit des Tunnels ein. Eine Frau schlägt die Zeitung auf, ein Mann sucht sich noch rasch einen Sitzplatz. Plötzlich eine Bewegung, draußen im Tunnel.
Mit einem Ruck fährt die S-Bahn an und taucht nach kurzer Beschleunigung in die Dunkelheit des Tunnels ein. Eine Frau schlägt die Zeitung auf, ein Mann sucht sich noch rasch einen Sitzplatz. Plötzlich eine Bewegung, draußen im Tunnel. Die Fahrgäste blicken erstaunt nach rechts. Neben dem Zug joggt eine sportlich gekleidete Frau. Mit lockerem Schritt hält sie das Tempo, schaut ab und zu in die Bahn.
Was im ersten Augenblick wie ein Spuk oder eine Halluzination erscheint, ist in Wirklichkeit die Tunnelwerbung der Deutschen Bahn. Die sieben Sekunden langen Spots gibt es in Frankfurt seit August 2003 zu sehen, sagt Toni D'Angelo, Leiter der Sparte elektronische Medien bei der Deutschen Eisenbahn-Reklame GmbH, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn. Zwei Anlagen sind auf der Strecke vom Hauptbahnhof zum Flughafen installiert, eine weitere zwischen Hauptbahnhof und Messe. Während der IAA habe zum Beispiel ein Autohersteller die Tunnelwerbung genutzt, berichtet D'Angelo. In dessen Film fuhr ein Auto neben dem Zug her, und der Fahrer winkte den S-Bahn-Reisenden zu.
Aber wie kommt der Film in den Tunnel? D'Angelo spricht vom Prinzip des Daumenkinos, das eine optische Täuschung hervorruft: 192 Lichtkästen im DIN-A2-Format sind direkt hintereinander an der Tunnelwand angebracht. Am Eingang des Tunnels messen Sensoren zuerst die Geschwindigkeit der vorbeifahrenden S-Bahn. Dann werden die Lichtkästen in der entsprechenden Frequenz ausgeleuchtet, je Sekunde werden auf diese Weise etwa 27Plakate sichtbar.
Seit dem Jahr 2000 hatte die Deutsche Bahn gemeinsam mit dem englischen Kooperationspartner Motionposter, der die Anlagen liefert, an dem Projekt gearbeitet. Wer anderswo das Tunnel-Werbekino erleben will, muß nach Berlin, München, Stuttgart oder bis nach Budapest oder Honkong reisen. "Die Erhebungen im Ausland zeigen eine hohe Akzeptanz", sagt D'Angelo. Und auch den Werbekunden in Deutschland scheint das neue Medium einiges wert zu sein: Immerhin kostet eine Buchung für vier Wochen mehr als 25000 Euro.
Die Zuschauer im Tunnel sehen das alles nicht - nur die joggende Frau oder den winkenden Autofahrer. Und auch das nur sieben Sekunden lang - denn wenn Frau oder Auto den Zug überholt haben, wird es wieder schwarz vor dem Fenster: Die "kreative und überraschende Kundenansprache", so die Beschreibung der Deutschen Eisenbahn-Reklame GmbH, ist vorüber. Die Reisenden wenden sich wieder ihrem Gesprächspartner zu, lesen weiter Zeitung oder stellen sich schon mal an die Tür, um beim nächsten Halt auszusteigen. (brom.)