02.05.2003 · Eine Zunahme von Beratungsanfragen, die mit Fällen von sogenanntem "Stalking" zu tun haben, registriert der Frankfurter Frauennotruf. Die Mitarbeiterinnen führen das darauf zurück, daß diese Form des Psychoterrors seit Inkraftteten des Gewaltschutzgesetzes im Januar 2002 strafrechtlich erfaßt ist.
Eine Zunahme von Beratungsanfragen, die mit Fällen von sogenanntem "Stalking" zu tun haben, registriert der Frankfurter Frauennotruf. Die Mitarbeiterinnen führen das darauf zurück, daß diese Form des Psychoterrors seit Inkraftteten des Gewaltschutzgesetzes im Januar 2002 strafrechtlich erfaßt ist. "Es wagen sich immer mehr Frauen hervor", sagt Angela Wagner, die seit zehn Jahren als Beraterin beim Frauennotruf tätig ist. Der Begriff "Stalking" ist der Jagdsprache entnommen. Wörtlich aus dem Englischen übersetzt, bedeutet er "anpirschen", "anschleichen". Psychologen und Juristen verstehen darunter ein dauerhaftes Belästigen oder Bedrohen einer anderen Person, das nicht mit körperlicher Gewalt einhergehen muß.
Seit dem 1. März sind beim Verein "Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen", der jetzt der Einprägsamkeit halber nur noch als "Frauennotruf" auftritt, drei Frauen angestellt. Daß der Beratungseinrichtung in Zeiten der knappen Gelder eine weitere Stelle bewilligt wurde, liegt nach Worten Wagners und ihrer Kollegin Gudrun Wörsdörfer daran, "daß wir am Rande unserer Kapazitäten waren". Fallzahlen macht der vor 15 Jahren gegründete und von Stadt und Land bezuschußte Verein nur seinen Geldgebern gegenüber öffentlich, hebt aber hervor, sie seien so hoch, daß schon seit Jahren mehr als zwei Beraterinnen hätten beschäftigt werden können.
Nach wie vor wendeten sich vor allem Frauen und Mädchen, die vergewaltigt wurden, an den Notruf. Im vergangenen Jahr jedoch sei die Zahl derer, die um Hilfe gebeten hätten, weil sie massiven Belästigungen, meist von ihren ehemaligen Partnern, ausgesetzt seien, "erheblich gestiegen", sagt Wörsdörfer. Sie arbeitet beim Fraunnotruf schon so lange, wie es ihn gibt. In dieser Zeit hat sie weniger einen Anstieg der Gewalt gegenüber Frauen als vielmehr eine zunehmende Bereitschaft wahrgenommen, sie öffentlich zu machen. "Das liegt auch an den langen Debatten über Vergewaltigung in der Ehe und das Thema Gewalt in Beziehungen", meint Wörsdörfer und hebt in diesem Zusammenhang hervor, daß auch die Polizei "einen erheblichen Sensibilisierungsprozeß durchlaufen" habe.
Besonders wichtig aber sei das Gewaltschutzgesetz, das einen Meilenstein in der Stärkung der Rechte von Frauen und Kindern bedeute. Wenn sich eine Frau vor Inkrafttreten des Gesetzes an die Polizei gewandt habe, weil sie sich von "Stalking" bedroht fühlte, hätten die Beamten nichts tun können. Inzwischen haben Frauen, die verfolgt und beispielsweise mit Telefonanrufen permanent belästigt werden, verschiedene Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Sie können zunächst über einen Anwalt juristische Schritte androhen lassen für den Fall, daß der Täter sein Opfer nicht in Ruhe lasse. Führt das zu nichts, kann ein Gericht per einstweiliger Verfügung ein Kontaktverbot aussprechen, bei Nichteinhaltung drohen finanzielle Konsequenzen. Die Anordnung kann auch mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden. Für den Erlaß der einstweiligen Verfügung genügt eine eidesstattliche Versicherung der Frau, daß sie belästigt werde. "Es gibt sehr viele Männer, die an diesem Punkt aufhören", sagt Wörsdörfer.
Ein typischer "Stalking"-Fall sieht nach Erfahrungen der Notruf-Mitarbeiterinnen so aus: Eine meist schon konfliktbeladene Beziehung zerbricht, die Initiative zur Trennung geht von der Frau aus. Sie zieht aus, der Partner verkraftet das nicht und stellt ihr nach, lauert ihr vor dem Haus auf und taucht an der Arbeitsstelle auf, läßt das Telefon die ganze Nacht klingeln, heftet sich der Frau an die Fersen wie ein Schatten. "Wir hatten Fälle, da haben Männer ihren Beruf aufgegeben, um die Frau den ganzen Tag verfolgen zu können", berichten die Mitarbeiterinnen des Notrufs. Die Verfolgten wiederum stünden oft Todesängste aus. "Das geht Putzfrauen genauso wie Managerinnen, beide werden bedroht, das ist keine Klassenfrage", sagt Gudrun Wörsdörfer. Wenn Frauen in solchen Situationen Rat suchten, sei es wichtig, ihnen klarzumachen, daß sie solchem Treiben gegenüber nicht ohnmächtig seien, fügt die Beraterin hinzu. "Das ist eine Machtfrage, und es hilft, sich das bewußtzumachen. Die meisten Männer würden so etwas nie mit einem Kollegen oder gar mit ihrem Chef veranstalten, denn die ließen sich das nicht gefallen."
Als Rat für Betroffene haben die Frauen vom Notruf denn auch die Empfehlung, auf jeden Fall mit jemandem über das Verhalten des Mannes zu sprechen, ihn nicht einfach gewähren zu lassen. Auch in anderen Situationen sei es wichtig, sich Unterstützung zu organisieren. Habe etwa eine Frau Angst davor, daß ihr Partner gewalttätig werden könne, solle sie sofort um Beratung nachsuchen, sagt Wörsdörfer. Hilfreich könne es zum Beispiel sein, "einen Krisenplan aufzustellen", damit die Frauen sich über die Struktur ihrer Beziehung und über die Möglichkeit klarwürden, auf diese zu reagieren.
Von sofort an hat der Frauennotruf an der Kasseler Straße (Telefon-Nummer 069-709494 / Internet: www.frauennotruf-frankfurt.de) erweiterte Telefonzeiten, während derer persönliche Beratungen vereinbart werden können. Er ist künftig montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr sowie montags von 15 bis 17 Uhr und mittwochs von 18 bis 20 Uhr zu erreichen. (jv.)