28.11.2008 · Handys, Serviettenhalter oder die praktische Kordelbox für Küchengarn: Die heiße Phase des Weihnachtsgeschäfts hat begonnen, und der Handel sieht sich gerüstet. Doch wie verhält sich der Konsument in Zeiten der Finanzkrise?
Von Manfred KöhlerJa schon, Krise ist, aber Überfluss allüberall ist doch auch, was soll da bloß der ehrbare Kaufmann noch zu Weihnachten anbieten? Saturn an der Zeil in Frankfurt hat es noch leicht, jede Woche wird ein neues Handy ausgetüftelt, das dann irgendein Technikverliebter ganz bestimmt ganz dringend haben muss. Für Lorey, das Haushaltswarengeschäft an der Schillerstraße, ist die Lage schon ganz anders, an Topf und Pfanne mangelt es dem gemeinen Konsumenten schließlich nicht; nun soll es dort zum Beispiel die praktische Kordelbox für Küchengarn richten, rostfrei, das Stück zu 16,50 Euro, ferner der Nudeltester aus Edelstahl oder auch die Schneidehilfe für den Sonntagsbraten, geschmiedet für die Ewigkeit.
Der Konsument, ein scheues Wesen
Bei Kaufhof an der Hauptwache wiederum hat man beschlossen, den Wünschen der Kundschaft ein wenig nachzuhelfen. Mitte der Woche stand an jedem Treppenabsatz, an dem das Volk von einer Rolltreppe zur nächsten umschwenkt, ein Tisch mit einer einzigen Sorte Adventskalender, in einem Stock billigere, in einen anderen teurere, selbst 79 Euro legen manche Menschen heutzutage dafür hin. „Power-Selling“ nennt sich das, wenn fern der zuständigen Abteilung, hier also weitab der Ecke mit den Süßwaren, 200 Mal ein und derselbe Artikel auf einem Tisch plaziert wird, es ist der letzte Schrei in der Warenpräsentation, und es hat funktioniert. Gestern war fast alles weg.
So unspektakulär sieht der Auftakt zur heißen Phase des Weihnachtsgeschäfts aus, dem ersten, seitdem auch der Letzte begriffen hat, dass Krise ist, irgendwie. Kann sein, dass die Einzelhändler ein wenig nervös sind, weil der Konsument ein scheues Wesen ist und gerade der deutsche sein Geld zusammenhält. Kann auch sein, dass sie vor Zuversicht platzen, weil zwar alle Menschen von der Krise reden, aber andererseits doch auch noch alle ihren Job haben, und zwar so viele wie lange nicht. Bisher jedenfalls ist die Arbeitslosigkeit in Hessen so niedrig wie seit 15 Jahren nicht. Bisher.
Frank Albrecht, Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, hat sich für Optimismus entschieden. Anfragen vor dem ersten Adventswochenende nach seiner Prognose für den Dezember bescheidet er bündig mit dem Satz, „der Weihnachtsmann kennt keine Krise“, und das sagt er natürlich nicht nur sich selbst und den Kollegen, sondern vor allem der verehrten Kundschaft des Handels, die doch bitte die Krise mal vier Wochen vergessen soll. Albrechts Begründung ist von bestechender Logik: Wie solle es mit dem hessischen Einzelhandel im Abschwung abwärtsgehen, erklärt er, wenn die Branche doch andererseits vordem vom Aufschwung kaum profitiert habe? Oder, in der Kurzfassung des Verbandspräsidenten: „Gegessen wird immer.“
Belegen lässt sich davon freilich vorerst nur der Teil mit dem Aufschwung. Schon ein flüchtiger Blick auf die Kurve mit den Umsätzen des hessischen Einzelhandels im zurückliegenden Jahrzehnt zeigt, dass sich aufs jeweilige Gesamtjahr gesehen die wirtschaftlichen Wechsellagen in der Tat nur mäßig spiegelten. Dass die Konjunktur aber dennoch keineswegs außen vor ist, lassen die weitaus stärkeren Schwankungen gerade bei den Dezemberumsätzen erkennen.
Gerüstet für den erhofften Ansturm
In vier Wochen wird man mehr wissen. Einstweilen hat sich der Handel für den erhofften Ansturm gerüstet, von der Einstellung von 10.000 Aushilfen in hessischen Geschäften weiß Albrecht zu berichten, nicht wenig bei 150.000 Beschäftigten, die sonst im Handel in Lohn und Brot stehen.
Nur auf der Zeil in Frankfurt sieht es alles andere als weihnachtlich aus. Zum ersten Mal seit Jahren fehlen dort Weihnachtsstände, weil die Stadt den Weihnachtsmarkt an Römer und Paulskirche konzentrieren möchte. Damit zur Eröffnung des Einkaufszentrums My Zeil Ende Februar alles schön ist, wird derzeit in der Fußgängerzone kräftig gearbeitet; dass das wichtigste Fest des Jahres bevorsteht, fällt einem höchstens beim Blick auf die sieben hektisch flackernden Tannenbäume ein, die bei Karstadt auf dem Vordach stehen. Drinnen setzt man auf Serviettenhalter, versilbert, das Stück zu nur 20 Euro, auf Messerbänkchen und Platzdeckchen mit eingedrucktem Schriftzug „Frohe Weihnachten“. Das hat nun wirklich noch nicht jeder, das braucht der Mensch doch – Krise hin, Krise her.