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„Weight Watchers“ Angst vor dem Blick in den Spiegel

Bei den "Weight Watchers" verwandelt sich Nahrung in Zahlen: So wird Schokolade zu sechs Punkten, ein Stück Camembert zu drei. Bei manchen Lebensmitteln ist die Sache freilich komplizierter. Eine Orange ...

Bei den "Weight Watchers" verwandelt sich Nahrung in Zahlen: So wird Schokolade zu sechs Punkten, ein Stück Camembert zu drei. Bei manchen Lebensmitteln ist die Sache freilich komplizierter. Eine Orange kann nämlich sowohl null Punkte (wenn sie in Stücken verzehrt wird) haben als auch einen (wenn sie als Saft getrunken wird). Für Steffi Pochstein sieht das Zahlenwunder so aus: 20 Kilogramm will sie abnehmen und darf täglich 22 Punkte zu sich nehmen. In der ersten Woche hat sie schon 1,6 Kilogramm verloren.

Die junge Frau mit den langen, braunen Haaren ist heute zum zweiten Mal beim Gruppentreffen der "Weight Watchers", wozu ihre Mutter sie überredet hat. Was sie falsch macht, weiß die modisch gekleidete Frau genau. Sie sitzt zuviel, bewegt sich kaum und ißt oft Fast-food-Gerichte. Nach der Arbeit ist sie meist so erschöpft, daß sie am liebsten vor dem Fernsehgerät sitzt. An diesem Montagabend aber sitzt sie im Kursusraum Nummer vier im Rudolf-Steiner-Haus an der Hügelstraße.

Steffi Pochstein sucht sich einen Platz in der hintersten Reihe. An diesem Abend ist sie eine der ersten. Neugierig beobachtet sie die anderen Teilnehmer, die langsam eintrudeln und sich von Ernährungberaterin und Gruppenleiterin Barbara Hofmann, einer kleinen, energischen Frau, wiegen lassen. Mit einer Ausnahme sind alle Teilnehmer Frauen. Ältere wie jüngere sind dabei, mehr oder weniger elegant gekleidete, mehr oder weniger füllige. Die Motivationen, eine Diät mit Gruppenunterstützung zu machen, sind dagegen sehr ähnlich. "Ich konnte mich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen", sagen einige. "Meine Kleider haben mir nicht mehr gepaßt", geben andere zu. Viel mehr noch als das Aussehen aber sind es gesundheitliche Probleme, die die Teilnehmer veranlaßt haben, Hilfe zu suchen: Kurzatmigkeit beim Treppensteigen oder ein Hüftleiden.

Barbara Hofmann eröffnet das Treffen. Zunächst werden Auszeichnungen verteilt. Wer zehn Prozent seines Körpergewichtes verloren hat, bekommt einen silbernen Schlüsselanhänger, wer sein Zielgewicht erreicht oder dieses sechs Wochen lang gehalten hat einen goldenen. Heute geht ein silberner Anhänger an Frau Sonnenmann. Wie sie sich jetzt fühle? "Alles hat sich geändert. Ich kriege wieder Komplimente. Meine Kleider passen wieder."

Dann werden Fragen gestellt. Pochstein weiß inzwischen, daß sie sich für einen Doppel-Whopper mit Käse 21 Punkte anrechnen muß, das entspricht fast einer ganzen Tagesration. Sie versucht deshalb, Fast food zu vermeiden. Aber Gemüse kann sie partout nicht ausstehen. Könnte man nicht vielleicht die zwei "Gemüsezeiten, die das Programm täglich vorsieht, durch etwas anderes ersetzen?", will sie wissen.

Die anderen Teilnehmer haben mehrere Ideen. Einen Tomatensaft mit Pfeffer und Tabasco oder kleingeschnittene Gurken und Paprika mit Frischkäse solle sie versuchen. Pochstein verzieht angewidert das Gesicht. Nichts zu machen. Schließlich schlägt Hofmann vor, zweimal am Tag eine kleine Kartoffelmahlzeit zu sich zu nehmen: Kartoffeln sind schließlich auch Gemüse.

Eine andere Frau fragt, wieviel Punkte man sich für Babykost berechnen müsse: "Ich esse häufig die Reste, wenn mein Kind nicht mehr kann. Die sind schließlich zu schade zum Wegschmeißen." Die Gruppe rät davon ab: "Einfach weg damit", meinen die meisten. Hofmann ist zufrieden. "Sehr gut", lobt die Ernährungsberaterin. Normalerweise hält sie nach der Fragerunde noch ein Referat zu einem Gesundheitsthema, heute ist dafür aber keine Zeit mehr geblieben. Pochstein ist trotzdem recht zufrieden mit ihren ersten Erfahrungen in der Gruppe. Im Alltag aber muß sie sich selbst helfen. Keine Gruppe ist in der Nähe, wenn es darum geht, einem Teller mit Lebkuchen auf dem Küchentisch zu widerstehen, wie neulich beim Frühstück. Und was war ein Teller Lebkuchen noch gleich in Zahlen? ANNA SAUERBREY

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