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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wahlkampf Ein Wintertyp trägt Blau

 ·  Franz Frey sei ein Wintertyp. Behaupten die Werbepsychologen. Und lassen ihn deshalb im Wahlkampf in Blau auftreten, nicht im sozialdemokratischen Rot. Blau in Verbindung mit Frey bedeutet demnach: zuverlässig, vertrauenswürdig, glaubhaft.

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Franz Frey, der SPD-Oberbürgermeisterkandidat, ist ein Wintertyp. Nein, kein Schneemann und auch kein Nikolaus, obgleich er auf seinem gemeinsamen Weihnachts- und Neujahrsplakat mit „Schröder“, dem rotbemützten SPD-Bürohund, so wirkt. Frey zählt vielmehr, farbpsychologisch betrachtet, zu den Januarmännern. Das ist kein Scherz, sondern strengste Werbewissenschaft. Diese unterscheidet zwischen vier Farbtypen: dem Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintertyp. Jedem Charakter werden bestimmte, angeblich besonders passende Farben zugeordnet. Dem Wintertyp Frey natürlich - nein, nicht das sozialdemokratische Rot, auch wenn dies die Traditionsgenossen aus der Fassung bringen mag. Vielmehr paßt laut Farbenlehre Blau zu Franz Frey.

Gemeint ist nicht Goethes Farbenlehre, die besagt, daß Gelb und Blau die „Urpolarität“ bilden, aus der alle Farben entstehen. Vielmehr beruht die Wahl der Farbe Blau auf einer Farbenlehre, die der Kasseler Werbemann Friedemann Baader in PR-Seminaren und Psychologiehandbüchern gelernt hat. Blau in Verbindung mit Frey bedeutet demnach: zuverlässig, vertrauenswürdig, glaubhaft.

Nicht SPD pur

Also sind die Werbeplakate des SPD-Kandidaten in einem kräftigen, aber nicht verletzend kräftigen Blau gehalten, auf denen immer das Konterfei des Politikers zu sehen ist und auf denen in fetten weißen Lettern zu lesen steht: „Franz Frey. Oberbürgermeister für Frankfurt“. Das Wörtchen „von“ ist seiner CDU-Gegnerin, der amtierenden Oberbürgermeisterin Petra Roth, vorbehalten. Blau paßt nicht nur psychologisch zu Frey, sondern auch farbpolitisch. Denn mag der Frankfurter SPD-Vorsitzende auch ein in der Wolle gefärbter Roter sein, so möchte er doch als Oberbürgermeister sozusagen überfarblich erscheinen. Was nicht farblos heißt, sondern - blau. Dieses Blau soll den Wählern signalisieren, daß sie mit ihm nicht SPD pur wählen, sondern eben Franz Frey, den Politiker und Menschen Franz Frey, der mehr ist als nur SPD-Chef.

Mit dieser Strategie, einer farbigen Absetzbewegung von der eigenen Partei, hat vor geraumer Zeit ein anderer SPD-Oberbürgermeisterkandidat Erfolg gehabt: Bertram Hilgen, der vor zwei Jahren den haushohen Favoriten Georg Lewandowski geschlagen hat und damit Oberbürgermeister von Kassel wurde. Kein Wunder, daß Frey, der laut Umfragen und allgemeiner Einschätzung nur Außenseiter-Chancen besitzt, jenem Werbemann seine Kampagne anvertraut hat, der mit seiner Kasseler Kampagne Hilgen mit zum Sieg verholfen hatte. Friedemann Baaders Rat an Hilgen lautete damals: nicht das Rot, nicht den SPD-Politiker, sondern den Menschen herausstellen.

Weil man aber bei den sozialdemokratischen Wahlstrategen weiß, daß Frey die Wahl nur gewinnen kann, wenn er neben möglichst vielen Grünen-, CDU- und Linkspartei-Wählern auch die eher wahlmüde sozialdemokratische Stammwählerschaft munter machen kann, hängen auf Freys Plakatständern auch Plakate im traditionellen SPD-Rot. Allerdings ohne das Frey-Konterfei. Denn SPD-Sympathisanten, davon geht man bei der SPD aus, kennen Freys Gesicht. Weshalb auf diesen rotgewirkten Plakaten nur eine Textbotschaft erscheint, zum Beispiel: „Für die besten Schulen. Franz Frey“.

Werbespot mit freundlichen Menschen

Außerhalb der SPD kennt man hingegen Franz Freys Gesicht und seinen Namen häufig nicht. Weshalb das oberste Gebot der Frey-Kampagne lautet: den SPD-Kandidaten bekannt machen. Dies geschieht erstmals in Frankfurt bei einem Oberbürgermeisterwahlkampf auf schienenambulante Weise. Freys überdimensionales Konterfei rollt, angeheftet an sechs Straßenbahnen, Tag für Tag durch die Stadt - bis zum Wahltag am 28. Januar. Es hatte einer gewissen Überzeugungskraft bedurft, aber am Ende hat die Verkehrsgesellschaft Frankfurt dem Werbe-Begehren von Freys Wahlkampfmanagern zugestimmt - immerhin kommen damit ein paar zusätzliche Euro in die Kassen des Nahverkehrsunternehmens. Auch in den U-Bahn- und S-Bahn-Stationen hängt bis zum Wahltag Freys Bild - als Mann der Pendler-Maut könnte er den Fahrgästen womöglich besonders sympathisch erscheinen.

Solche Bahnhofs-Plakatierungen kosten Geld. Geld - das hat sich bei der SPD rar gemacht in den vergangenen Jahren. Ausgaben für die Europawahl, Bundestagswahl, Hessenwahl, Kommunalwahl und dazu ein Rückgang der Einnahmen wegen der vielen Austritte: All' diese Umstände haben dazu geführt, daß Frey deutlich weniger Mittel zur Verfügung stehen als vor fünf Jahren dem damaligen SPD-Kandidaten Joachim Vandreike.

An Kino-Werbung etwa ist deshalb gar nicht zu denken. Wiewohl ein Werbespot gedreht wurde mit freundlichen Menschen, die alle in etwa dasselbe sagen: „Ich wähle Frey.“ Den Spot kann man auf der Internetseite www.franzfrey.de neben anderen Bildern und Informationen abrufen. Ständig wird diese Seite aktualisiert, sie soll nach dem Willen der Werbeleute eine tragende Säule in Freys Kampagne bilden. Wie diese Website sollen auch sogenannte City-Cards, die in Kneipen in großer Zahl ausgelegt werden, ein junges Publikum ansprechen.

70.000 Anrufe sind geplant

Aus Kassel beziehen Franz Frey und seine Mitstreiter ihre Hoffnungen. Wie dort Bertram Hilgen den Amtsinhaber besiegt hat, so soll in Frankfurt Frey die große Favoritin Petra Roth schlagen. Warum hat Hilgen damals gewonnen? Friedemann Baader - seine Agentur heißt B2A nach Baader mit zwei a - nennt als wichtigsten Grund: „Der Kandidat war überzeugend.“ Die Kasseler hätten Hilgen als sachlich, ehrlich, korrekt, pragmatisch, dynamisch eingestuft, als einen Mann, von dem man den berühmten Gebrauchtwagen auf der Stelle kaufen würde.

Lewandowski dagegen habe selbstzufrieden und überheblich gewirkt. Die Frankfurter Sozialdemokraten halten Roth ebenfalls für selbstzufrieden und abgehoben. Deshalb wollen sie Frey in ähnlicher Weise herausstellen, wie die Kasseler Genossen Hilgen propagiert haben: als einen Mann, der im Gegensatz zur Amtsinhaberin nicht über den Wassern schwebe, sondern „Klartext“ rede.

Was „Klartext“ im einzelnen bedeutet, will Frey den Wählern bei Hausbesuchen genauer erklären. 40.000 solcher Besuche sowie 70.000 Anrufe sind geplant - wobei der Kandidat nicht alle selbst tätigen kann. Über alle Farbspiele und Slogans hinaus ist man im SPD-Hauptquartier an der Fischerfeldstraße überzeugt davon, daß nur eine Strategie aus dem SPD-Oberbürgermeister für Frankfurt einen echten Oberbürgermeister von Frankfurt machen kann. Sie lautet: Kontakte, Kontakte, Kontakte.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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