29.01.2007 · Hauptgrund für Petra Roths starkes Ergebnis von 60,5 Prozent war laut Wahlanalyse, dass es ihr gelang, die Stammwähler zu motivieren. Außerdem zeigt die Analyse, dass vor allem junge Frankfurter von Politik nichts wissen wollen.
Von Tobias RösmannDer größte Spaßvogel war ein Protestwähler. Ganz oben auf den Wahlzettel hatte er ein Bild von „Schröder“ geklebt, jenem Terrier samt Weihnachtsmütze, mit dem Franz Frey (SPD) vor Weihnachten den Frankfurtern ein frohes Fest gewünscht hatte. Neben „Schröder“ prangte ein Kreuz in einem selbst gemalten Kreis. Ein Hund als elfter Kandidat – der Spaßvogel war wohl nicht sonderlich überzeugt von den zehn offiziellen Bewerbern und wählte ungültig, so wie 2660 weitere Bürger bei der Oberbürgermeisterwahl am Sonntag.
Anekdoten wie diese, aber auch fundierte Analyse bietet das Bürgeramt Statistik und Wahlen seit Jahren gleich am Morgen nach der Wahl. Etwas übernächtigt traten Amtsleiter Rudolf Schulmeyer und sein Team denn auch vor die Presse, um mit dem zuständigen Dezernenten Boris Rhein (CDU) zu erklären, warum Petra Roth weitere sechs Jahre Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt bleiben wird – und warum es Franz Frey trotz „Schröder“ ebenso wenig geschafft hat wie einer der anderen acht Konkurrenten.
73 CDU-Hochburgen gegen zwei SPD-Hochburgen
Hauptgrund für Roths starkes Ergebnis von 60,5 Prozent war laut Analyse, dass es der CDU-Politikerin im Gegensatz zu Frey gelang, die Stammwähler zu motivieren. Um dies festzustellen, hat das Wahlamt die 448 allgemeinen Wahlbezirke (hinzu kommen 94 Briefwahlbezirke) in verschiedene Typen aufgeteilt. Aufschlussreich ist der Vergleich der jeweiligen Hochburgen, in denen laut Definition über mehrere Jahre hinweg zwischen der besten und der zweitbesten Partei mindestens 20 Prozentpunkte liegen müssen, sowie der Vergleich der sogenannten Mehrheitsbezirke, in denen eine Partei seit Jahren eine stabile Mehrheit haben muss.
73 CDU-Hochburgen und 192 CDU-Mehrheitsbezirke gibt es demnach, und das Ergebnis ist eindeutig: Überdurchschnittliche 67,7 und 60,6 Prozent der Stimmen gingen in diesen Bezirken an Roth, nur 21,9 und 27,7 Prozent an Frey. Der mit 5,9 Prozent drittplazierte Ulrich Wilken (Linke/WASG) erreichte 4,0 und 5,7 Prozent. Die Wahlbeteiligung – mit 33,6 Prozent insgesamt historisch tief – lag hier bei 42,4 und 34,6 Prozent und damit über dem Schnitt. Für Roth war das die Basis des Erfolgs.
Informativ ist nun ein Blick auf die zwei SPD-Hochburgen und die 37 SPD-Mehrheitsbezirke: Zum einen lag die Wahlbeteiligung hier mit 23,0 und 27,3 Prozent weit unter dem Durchschnitt; zum anderen dominierte Roth sogar im SPD-Stammland: Die CDU-Kandidatin schaffte 44,1, der SPD-Bewerber Frey nur 41,5 Prozent. Noch besser schnitt Roth in den SPD-Mehrheitsbezirken ab: Hier betrug ihr Vorsprung auf Frey sogar 16,2 Punkte (52,2 zu 36,0 Prozent). Interessant ist außerdem, dass Ulrich Wilken von der Linke/WASG durchaus erfolgreich im SPD-Hoheitsgebiet fischte. Er kam dort auf überdurchschnittliche 7,7 beziehungsweise 6,1 Prozent. Rhein folgerte daraus, dass Frey „um ein sehr ähnliches politisches Lager“ wie Wilken gekämpft habe.
Wahlbeteiligung um 6,8 Punkte gesunken
Mit Spannung war das Wahlverhalten der traditionellen Grünen-Wähler erwartet worden. Würden sie der schwarz-grünen Koalitionsräson folgen und für Roth stimmen oder ihre Stimme mehrheitlich an Frey geben? Präzise lässt sich das nicht feststellen, weil ein Grünen-Wähler, der sein Kreuz bei Roth machte, nicht zugleich angab, eigentlich Grünen-Wähler zu sein. „Wir vermuten, dass die Grünen-Wähler die größte Spreizung im Wahlergebnis aufweisen“, sagte Stadtrat Rhein deshalb. Auch hier hilft ein Blick auf die Grünen-Mehrheitsbezirke, von denen es 24 gibt in Frankfurt. 49 Prozent sprachen sich in diesen Bezirken für Roth und 32,2 Prozent für Frey aus. Wilken wilderte dort besonders erfolgreich und holte mit 11,8 Prozent ein weit überdurchschnittliches Ergebnis.
Nicht haltbar ist den Zahlen zufolge die These, wonach die Grünen-Anhänger in Scharen nicht wählen gingen. Zwar sank ihre Beteiligung in den Mehrheitsbezirken um 7,3 Prozentpunkte im Vergleich zur Kommunalwahl 2006 – in der ganzen Stadt sank sie aber fast genauso stark: um 6,8 Punkte von 40,4 auf 33,6 Prozent. Die Anhänger der FDP, die ebenfalls keinen eigenen Kandidaten aufgestellt und zur Wahl Roths aufgerufen hatte, folgten offenbar dem Wunsch der Partei: Nach Rheins Worten kamen die traditionellen Liberalen-Anteile „überwiegend der CDU zugute“. Als Beispiel nannte er einen Bezirk im Stadtteil Dornbusch, in dem Roth mehr als 80 Prozent der Stimmen bekommen habe. „Dort holt die FDP normalerweise zwischen 15 und 17 Prozent“, sagte Rhein. Der viertplazierte Wolfgang Hübner von den Freien Wählern (BFF), der 2,6 Prozent schaffte, war laut Analyse besonders erfolgreich in den CDU-Hochburgen (3,9 Prozent).
Die niedrige Wahlbeteiligung versuchte Rhein mit mehreren Argumenten zu erklären. Zum einen gebe es in Frankfurt „eine hohe Bevölkerungsdynamik“. 20 Prozent der Einwohner hätten bei der Wahl 2001 noch nicht in der Stadt gelebt, daher sei die Bindung geringer als in anderen Kommunen. Außerdem habe es „keine nachhaltigen Reizthemen“ gegeben in einem „unaufgeregten Wahlkampf“. Er wolle die 33,6 Prozent aber nicht schönreden, so Rhein, die Zahl sei „bemerkenswert im traurigen Sinne“. Das zeige auch die Zahl der Briefwähler, die mit knapp 22.000 (knapp 15 Prozent aller Wähler; 2001: 19,5 Prozent) sehr niedrig war. Briefwähler seien Stammwähler, sagte Rhein. Das zeige, dass sich die Wählermilieus auflösten und immer mehr Bürger sich „situativ und ganz bewusst“ für oder gegen eine Beteiligung entschieden.
Medien sollen Jüngere ansprechen
Rhein schlug vor, zu prüfen, ob man künftig Kommunal- und Oberbürgermeisterwahlen wieder zusammenlegen könne. Dies zu regeln sei aber Sache des Landes. Außerdem sollte das Thema Wahlen stärker in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden, forderte er. Die Politiker wiederum müssten sich überlegen, ob sie nicht öfter „rausgehen“ und mit den Bürgern reden sollten, etwa in Form einer Magistratskonferenz in den Stadtteilen.
Im Übrigen könnten neue Medien nach Rheins Ansicht helfen, Jüngere anzusprechen. Denn gerade die interessieren sich auch in Frankfurt immer weniger für Politik. Wie aus der Wahlanalyse hervorgeht, gaben zum Beispiel nur 17,6 Prozent der Wahlberechtigten zwischen 18 und 24 Jahren ihre Stimme ab. In der Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren beteiligten sich lediglich 25,2 Prozent. Es galt auch bei dieser Wahl der Satz: Je älter die Wähler sind, desto stärker beteiligen sie sich. Bei den Wahlberechtigten jenseits der 60 stimmten 47,2 Prozent ab, deutlich mehr als im Schnitt. Wie klar das Ergebnis für Roth ist, zeigt schließlich auch ein Blick auf die Altersstruktur der Wähler: Roth bekam in jeder Altersgruppe mehr Zustimmung als Frey, meistens sogar mehr als 50 Prozent.
Zurück zu dem Spaßvogel und seinem ungültigen Stimmzettel: Vor der Wahl hatte mancher vermutet, die Zahl der ungültigen Stimmen könnte steigen, weil viele den Zettel durchkreuzen würden, um gegen das Angebot der Parteien zu protestieren. Doch ein solcher Protest blieb aus: Es gab rund 1000 ungültige Stimmen weniger als vor sechs Jahren.