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Von Kanada lernen : Reise ins gelobte Land der Inklusion

Inklusionsbefürworter berufen sich auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Bild: dapd

Es geht auch ohne Sonderschulen. Das zeigt das Beispiel der kanadischen Provinz New Brunswick. Die Provinz an der kanadischen Ostküste hat ihr Schulsystem seit 1986 flächendeckend auf den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Handicap umgestellt.

          Vor kurzem noch war Finnland das bevorzugte Reiseziel deutscher Bildungsexperten. Wer aus erster Hand erfahren wollte, wie Pisa-Siege zu erringen sind, musste sich auf den Weg nach Skandinavien machen. Inzwischen haben die Finnen Konkurrenz bekommen. Seitdem das Stichwort Inklusion in fast jeder schulpolitischen Debatte fällt, gilt New Brunswick als gelobtes Land des Bildungsfortschritts. Die Provinz an der kanadischen Ostküste hat ihr Schulsystem seit 1986 flächendeckend auf den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Handicap umgestellt. Sonderschulen für geistig oder körperlich behinderte, lernschwache oder schwer erziehbare Kinder gibt es nicht mehr, und auch getrennte Klassen sind weitgehend abgeschafft.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dieter Katzenbach, Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Frankfurter Universität, war schon vor zwei Jahren in New Brunswick. Das inklusive Bildungssystem dort sei beispielhaft, sagt er. An jeder Schule gebe es ein Team mit sogenannten Method-&-ResourceTeachers. Diese besonders erfahrenen und qualifizierten Pädagogen sollen den regulären Lehrern beratend und unterstützend zur Seite stehen. Sie helfen bei allen Fragen der Inklusion, also immer dann, wenn ein Schüler besondere Förderung braucht.

          „Jedes Kind ist willkomen“

          Die Gründe dafür können vielfältig sein: Unter "special needs" werden nicht nur Defizite, sondern auch die besonderen Anforderungen einer Hochbegabung verstanden. Klassenlehrer und Method-&-Resource-Teacher erstellen dann zusammen einen "Special Education Plan", der von technischen oder pädagogischen Hilfen im Schulalltag bis hin zu einem individuellen Bildungs- und Erziehungsplan reichen kann.

          Wie Katzenbach sagt, gibt es außerdem in jeder Klasse einen Teacher Assistant, der den Lehrer im Unterricht unterstützt. Diese Kraft, deren Qualifikation unter der des Klassenlehrers liegt, könne zum Beispiel Gruppenarbeit anleiten oder Übungen mit einzelnen Schüler übernehmen. Doch nicht nur die personelle Ausstattung und die Organisation unterschieden sich von deutschen Schulen. Auch die grundlegende Einstellung sei an der kanadischen Atlantikküste anders: "Dort ist jedes Kind willkommen, die Verantwortung für das schulische Lernen liegt in der Schule." In Deutschland herrsche immer noch die Auffassung vor, dass das Kind und dessen Familie gut genug sein müssten, um den Anforderungen der Schule zu genügen. "Und wenn es nicht klappt, gibt es immer noch die Förderschule."

          UN-Konvention hat weitreichende Konsequenzen

          Förderschule - so heißen die früheren Sonder- oder Hilfsschulen in Deutschland heute. Sie arbeiten nicht nur getrennt von den Regelschulen, sondern sind auch untereinander spezialisiert, etwa auf bestimmte körperliche oder geistige Behinderungen und auf Lern- oder Erziehungshilfe. Diese separate Beschulung soll es nach dem Willen der Inklusionsbefürworter auch in Deutschland nicht mehr geben. Sie berufen sich auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die 2006 verabschiedet wurde und 2009 auch in Deutschland in Kraft getreten ist. Nach der gängigen Auslegung besagt sie, dass alle Kinder ungeachtet eines Handicaps Regelschulen besuchen dürfen, sofern ihre Eltern dies wünschen.

          Diese UN-Konvention hat weitreichende Konsequenzen für die deutsche Politik: Schon im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist sie als maßgeblich verankert, am Mittwoch hat das Kabinett einen Aktionsplan zur Verwirklichung der Vorgaben beschlossen. Und auch im hessischen Recht hat die Konvention mit der Schulgesetznovelle, die in der vergangenen Woche von der schwarz-gelben Koalition beschlossen wurde, Einzug gefunden. Vom nächsten Schuljahr an haben Eltern in Hessen das Recht, auch behinderte Kinder an einer Regelschule anzumelden. Allerdings ist dieser Anspruch mit einem "Ressourcenvorbehalt" versehen: Aufgenommen werden die Schüler nur, wenn es die räumlichen, technischen oder personellen Möglichkeiten der jeweiligen Schule zulassen.

          Hessen kann von den Erfahrungen des kanadischen Schulsystems lernen

          Wenige Tage vor der Abstimmung über das Schulgesetz hatten Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) und Bildungspolitiker aller Landtagsfraktionen noch eine Reise nach New Brunswick unternommen. Einig waren sich die Ministerin und die mitgereisten Oppositionspolitiker nach ihrer Rückkehr, dass Hessen von den Erfahrungen des kanadischen Schulsystems lernen könne. Beeindruckend sei vor allem die breite Akzeptanz des gemeinsamen Unterrichts gewesen, sagt der Grünen-Politiker Mathias Wagner. Für die kanadischen Gesprächspartner sei das inklusive System völlig normal gewesen. Einige hätten sich geradezu überrascht gezeigt, dass Interessierte für eine solche Selbstverständlichkeit den weiten Weg über den Atlantik auf sich nähmen.

          Auseinander gingen die Meinungen in der deutschen Delegation allerdings darüber, welche Schlüsse aus den Erfahrungen in Übersee zu ziehen seien. Henzler sagte, dass es auch in New Brunswick nicht nur Licht, sondern auch Schatten gebe. Auch 25 Jahre nach Einführung der Inklusion sei es noch immer schwierig, jedes Kind optimal zu fördern. Sie sehe daher für Hessen das Prinzip "Gründlichkeit vor Schnelligkeit" bestätigt.

          Diesem Fazit will sich die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Heike Habermann, nicht anschließen. Natürlich gebe es selbst in der kanadischen Provinz Dinge zu verbessern, das bedeute aber nicht, dass man die Umstellung auf ein inklusives System auf die lange Bank schieben sollte. Das Land Hessen müsse schnell damit beginnen, die Voraussetzungen für den gemeinsamen Unterricht an möglichst vielen Regelschulen zu schaffen. Dazu gehörten Investitionen, etwa in die Fortbildung von Lehrern. Pädagogik-Professor Katzenbach hält die flächendeckende Einführung der Inklusion "in zehn Jahren für machbar". Er habe jedoch nicht den Eindruck, dass die Landesregierung den dafür nötigen Willen aufbringe. Die Schulgesetznovelle mit ihrem Ressourcenvorbehalt sei nicht geeignet, die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention zu verwirklichen. "Was fehlt, sind eine Strategie und ein Zeitplan, wie die Mittel von den Förderschulen hin zum gemeinsamen Unterricht in den Regelschulen umgeschichtet werden können."

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