07.04.2008 · Im „Völklinger Kreis“ sind homosexuelle Männer, um zu zeigen, dass auch Schwule Führungskräfte sein können. „Ich lernte erstmals Schwule kennen, zu denen ich aufblicken konnte, beruflich wie menschlich“, sagt Ralf Jack, der den „Kreis“ in Frankfurt leitet.
Von Katharina WiegertDer Moment, als Ralf Jack der Gruppe beitrat, war für ihn ein Schlüsselerlebnis: „Ich lernte erstmals Schwule kennen, zu denen ich aufblicken konnte, beruflich wie menschlich“, sagt der Vierzigjährige. „Ich sah ältere Manager, die voll im Leben stehen.“ Durch einen Zeitungsartikel war er vor drei Jahren auf den „Völklinger Kreis“, den Berufsverband schwuler Führungskräfte, aufmerksam geworden. Damals hatte der Bauingenieur gerade das Ingenieurbüro seines ehemaligen Arbeitgebers mit rund zehn Mitarbeitern in Jugenheim übernommen. Innerhalb von zwei Tagen stand der Kontakt, nach einer Woche saß Jack beim Stammtisch der Gruppe.
Blaue Gardinen hängen an der Wand der Gaststätte „Fräggels“ in Frankfurt. Das Licht ist gedämpft, im Radio läuft Pop. An einem großen Holztisch sitzen etwa 15 Männer. Jack leitet seit rund zwei Jahren den Frankfurter „Völklinger Kreis“ als einer von drei Regionalkoordinatoren. Er hält den Kontakt zu Unternehmen und betreut die regionalpolitische Arbeit im Verband. Eigene Räume besitzen die knapp 70 Mitglieder nicht. Für Diskussionsabende oder kulturelle Veranstaltungen mietet sich der Kreis Räume.
Im kleinsten Kollegenkreis geoutet
Als sich Holmer Drews vor acht Jahren der Gruppe anschloss, suchte der 55 Jahre alte Allgemeinmediziner und Psychotherapeut nicht unbedingt einen Verband für Führungskräfte. „Eher eine Schwulengruppe mit intellektuellem Gedankenaustausch“. Das Niveau des Verbands gefiel ihm. Private Freundschaften sollen den Mitgliedern helfen, ein Selbstverständnis als schwule Führungskraft zu entwickeln. Drews selbst hat Diskriminierung erlebt: Als seine Probezeit in einem Frankfurter Krankenhaus vorbei war, setzte man den Arzt „freundlich vor die Tür“, wie er sagt. Geoutet hatte er sich zuvor im kleinsten Kollegenkreis.
Als sich Drews zum Psychoanalytiker weiterbilden wollte, hieß es beim ersten Institut, Schwule seien nicht beziehungsfähig. Er wurde nicht aufgenommen. Das seien Einzelfälle, sagt Marion Keil. „Heute wird eher akzeptiert, wer das Thema Homosexualität anspricht, sobald er eine neue Stelle antritt“, berichtet die Unternehmensberaterin, die sich vor sieben Jahren auf dieses Thema spezialisierte. Dennoch seien Organisationen wie der „Völklinger Kreis“ oder sein Partnerverband für Lesben, die „Wirtschaftsweiber“, wichtig. „Schwule und Lesben brauchen eine Art professionelle Heimat, in der sie ihre ganze Bandbreite darstellen können.“
In Deutschland sind rund 700 Mitglieder in 20 Regional- und zehn Fachgruppen des „Völklinger Kreises“ organisiert. Bei den Frankfurtern trifft man Hoteliers, Steuerberater oder Personalchefs, auch ein Richter des Bundesgerichtshofs ist dabei. Wer beitreten will, trifft Personalentscheidungen, ist fachkompetent und hat finanzielle Verantwortung. „Je Jahr nehmen wir zwischen sechs und zehn Mitglieder auf“, sagt Ralf Jack. Es sollen noch mehr werden.
„Der Kreis stärkt ganz schön“, findet Horst Marquart. „Er gibt Halt und Selbstvertrauen. Und man weiß, dass es auch mal einen Juristen gibt, auf den man zurückgreifen kann.“ Der 59 Jahre alte Beamte arbeitet in einer Kommunalverwaltung, ist verpartnert und vor Kollegen geoutet. Leidenschaftlich setzt er sich dafür ein, dass Beamte in Hessen nicht nur als Eheleute Ortszuschläge oder eine Hinterbliebenenrente erhalten, sondern auch dann, wenn sie in eingetragener Lebenspartnerschaft leben. Als sich Holmer Drews mit einer eigenen Praxis in Offenbach selbständig machte, teilte der Arzt seine Homosexualität allen Mitarbeitern mit. Obwohl er seitdem offen schwul lebe, habe er nie eine Rückmeldung von Patienten bekommen.
Diskriminierung kaum nachzuweisen
Doch nicht alle Unternehmer und Manager des „Völklinger Kreises“ sind in ihren Berufen geoutet, auch wenn ein Großteil der Männer privat offen schwul lebt. Als konservativ gelten Branchen wie Anlagebau, Bergbau oder Maschinenbau. Die Widerstände dort seien enorm, sagt ein Mitglied. Auch Ralf Jack möchte bei der Arbeit nicht plakativ um Verständnis werben: „Ich finde, Schwulsein dient nicht primär dazu, einen Menschen einzuschätzen.“ Bei der Arbeit rede er nicht darüber, gehe aber ungezwungen mit dem Thema um, auf Nachfragen antworte er ehrlich. Diskriminierung könne er ohnehin kaum nachweisen: „Geht es um einen Auftrag, kann ich nicht messen, ob ich ihn deshalb nicht bekomme, weil mein Angebot schlecht ist oder weil ich schwul bin.“
Weil sich der Berufsverband seit 1991 zunächst in Wirtschaftszentren entwickelt habe, mangele es in ländlichen Gegenden heute immer noch an Aktivisten, die Öffentlichkeitsarbeit leisteten, erläutert Jack. Dort gewinnt der Verband seine Neumitglieder hauptsächlich über die lokalen Aids-Hilfen. Die meisten Interessenten finden sich auch heute noch beim Christopher Street Day.
Für Holmer Drews hat der Verband seine Ziele schon erreicht. „Die Zeit des „Völklinger Kreises“ ist vorbei“, sagt der Arzt. Nachdem die Gruppe intensiv am Lebenspartnerschaftsgesetz mitgewirkt habe, sei danach der Druck entfallen, in dieser Form zusammenzuhalten. Austreten möchte Drews dennoch nicht. Ralf Jack hingegen findet, dass es noch viel zu tun gebe. Eine Marke solle der „Völklinger Kreis“ werden. Um ehrenamtlich engagierte Mitglieder zu entlasten, hat der Bundesverband im vergangenen Jahr seine erste feste Assistentenstelle ausgeschrieben. Meike Haida hat sie bekommen - eine heterosexuelle Frau.