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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verkehrslärm „Uns hilft nur eine Einhausung“

 ·  Die Autobahn 661 führt mitten durch Wohngebiete. Jetzt wird sie verbreitert. Vor allem die Bewohner der Hochhäuser an der Inheidener Straße werden bald noch stärker unter dem Verkehrslärm leiden.

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Ein Frankfurter Traumblick. Von ihrem Balkon aus im elften Stock des Wohnhochhauses Inheidener Straße 69 in Bornheim kann Maximiliane Peikert bei günstigem Wetter sogar den Spessart sehen. „Im Sommer ist das mein Wohnzimmer“, sagt die 68 Jahre alte Rentnerin.

Aus ihrem Balkon mit Ausblick droht jetzt ein Balkon mit Dauerbeschallung zu werden. Denn ganz in der Nähe des Wohnturms wird die Autobahn 661 im Tal zwischen Bornheim und Seckbach ausgebaut. Aus vier Fahrspuren sollen acht werden. Schon bisher war Frau Peikerts Balkonien-Idylle eine Teilzeit-Idylle.

75.000 Fahrzeuge täglich - Tendenz steigend

Wenn der Wind aus dem Osten weht – dies tut er mehr als 100 Tage im Jahr – trägt er die Geräusche der Autos und Lastwagen so stark zum Balkon von Frau Peikert hinauf, dass es ungemütlich wird. Derzeit passieren täglich 75.000 Fahrzeuge die A 661 bei Bornheim, künftig werden es, so die Befürchtung der Anwohner, doppelt so viele sein. Der Verkehrslärm könnte ein ständiger Begleiter von Frau Peikert werden.

Zuerst war das Hochhaus, dann erst die Autobahn. Auf diese Feststellung legen die frühere Controllerin und andere Bewohner der beiden Hochhäuser Inheidener Straße 69 und 71 sowie des Flachbaus Nummer 67 Wert. 343 Eigentumswohnungen umfasst die Anfang der siebziger Jahre gebaute Anlage, etwa 700 Menschen wohnen hier. Als Peter Krüger 1994 in das Hochhaus Nummer 71 als Mieter einzog, gab es noch keine Autobahn im Tal: „Ich habe mich sofort in den Ausblick verliebt.“ Herrlich sei es damals gewesen, erzählt der 62 Jahre alte technische Ausbilder, am Sonntagmorgen habe er die Hähne krähen gehört. Irgendwann wurde ihm eine Wohnung im 17. Stock angeboten, er griff zu. Hat er nicht gewusst, dass der Bau der Autobahn bevorstand? „Ich war blauäugig“, sagt er, „ich dachte, es wird nicht so schlimm.“

Nicht nur er war blauäugig. Auch die Planer, die eine zwischen zwei Stadtteilen verlaufende Autobahn entwarfen, waren es. Ebenso die Politiker, die sie befürworteten. Zu den Blauäugigen zählten auch jene Anwohner auf der Bornheimer Seite, die wie Krüger dachten, es werde schon nicht so schlimm kommen, und deshalb darauf verzichteten, einen Lärmschutz einzuklagen. Heute würde kein Mensch mehr auf die Idee kommen, mitten durch die Stadt eine Autobahn zu schlagen. Doch jetzt ist die A 661 da – und mit ihr der Lärm. Ganz abgesehen von den Abgasen.

Jetzt, da die Autobahn verbreitert wird, sind viele hellwach. Anwohner wie zum Beispiel jene in der Atterberry-Siedlung fordern vehement einen Schutz vor Lärm. Auch die Politiker sehen das Problem. Vom Frankfurter Verkehrsdezernenten Lutz Sikorski (Die Grünen) bis zum früheren hessischen Verkehrsminister Alois Rhiel (CDU) anerkennen sie im Grundsatz die Forderung der Bornheimer und haben Schutzmaßnahmen versprochen. Das Land, so Rhiels Ankündigung beim Spatenstich für die Autobahnverbreiterung, werde Mittel für eine Lärmminderung zur Verfügung stellen, die Stadt Frankfurt, so das Versprechen des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung, setze nötigenfalls eigene Gelder ein.

Anwohner fordern eine „komplette Einhausung mit Filteranlage“

Vor der Atterberry-Siedlung, so ein Plan, sollen die Bauleute eine zehn Meter hohe Mauer hochziehen, vor anderen Teilen Bornheims eine Sechs-Meter-Mauer. Doch keine Mauer kann die Hochhausbewohner wie Maximiliane Peikert oder Peter Krüger vor dem Verkehrslärm von der Autobahn schützen. Die Fahrzeuggeräusche steigen über jede Barrikade hinweg zu ihnen hoch. „Je höher, desto lauter“, sagt Peter Krüger. Deshalb rufen er, Frau Peikert und viele ihrer Nachbarn nach der Maximallösung. Diese heißt „Einhausung“ und würde mindestens 150 Millionen Euro kosten.

Mittlerweile kursiert bei den Bewohnern des Komplexes Inheidener Straße 69–71 und der umliegenden Häuser eine Unterschriftenliste. Ein „ausreichender Schutz gegen Lärm und Schadstoffe“ lautet das Begehren der Unterzeichner. Dieser ist nach Überzeugung von Frau Peikert und der anderen Aktivisten der Bürgerinitiative „Inheidener Straße für Lärmschutz“ nur durch eine „komplette Einhausung mit Filteranlage“ zu gewährleisten.

Das Wörtchen „komplett“ ist den Hochhausbewohnern besonders wichtig. Denn mittlerweile haben sich auch CDU und Grüne, die Regierungsparteien im Rathaus Römer, für eine Einhausung der A 661 ausgesprochen. Allerdings nur für eine Einhausung zwischen Friedberger Landstraße und Enkheimer Straße, eine abgespeckte Variante, die jedoch auch schon an die 100 Millionen Euro kosten würde. „Von dieser Lösung haben wir gar nichts“, sagt aber Maximiliane Peikert. Die Hochhäuser der Inheidener Straße würden bei dieser Variante nämlich weiterhin im Lärmpegel der Autobahn liegen.

In der Wohnung von Frau Peikert beratschlagen sich die Lärmschützer immer. Die Rentnerin ist die Seele der Bürgerinitiative, sie weiß alles über den Autobahnausbau und ist mit den juristischen Details und den Einzelheiten der Verwaltungsvorschriften vertraut. Hauptpunkt von Frau Peikerts Kritik ist die ihrer Meinung nach auf falschen Voraussagen beruhende Planfeststellung für die Autobahnerweiterung von 1980. Damals seien die Fachleute von 50.000 Fahrzeugen am Tag ausgegangen. Doch schon jetzt, vor dem Ausbau, führen 75.000 Fahrzeuge auf der A 661, für die Zeit nach der Verbreiterung rechne man mit 150.000 Autos und Lastwagen.

Wochentags um 10 Uhr liegt der Geräuschpegel bei 60 Dezibel

Die Bürgerinitiative hat den Lärm gemessen. In Frau Peikerts Wohnung im elften Stock ermittelten sie wochentags um 10 Uhr einen Wert von 60 Dezibel. Nach einem Ausbau rechnet Frau Peikert mit zusätzlichen zehn Dezibel. Der gesetzlich erlaubte Durchschnittswert liegt bei 49 Dezibel. Schützen könnten sie Fenster mit einer dreifachen Verglasung. Doch Frau Peikert will nicht in einem „Bunker“ leben. Außerdem könnten Schallschutzfenster ihren Balkon nicht schützen.

Nein, die Einhausung muss es sein. Die große Einhausung. Für Frau Peikert und die Mitglieder der Bürgerinitiative kann es keine andere Lösung geben. Wer das Geld dafür aufbringen soll? Der Bund natürlich. Das sagen übrigens nicht nur Frau Peikert und ihre Mitstreiter, das sagen auch CDU und Grüne. Die Regierungskoalition im Römer hat in ihrem Antrag auf den Bau einer Einhausung von vornherein klargestellt, dass die Stadt Frankfurt die Kosten dafür nicht übernehmen könne.

Doch selbst wenn der Bundesverkehrsminister sich bereit erklären würde, die nötigen Millionen aus seinem Etat zur Verfügung zu stellen, wäre der Fall für Maximiliane Peikert und die anderen lärmgeplagten Bornheimer nicht gelöst. Bis eine Einhausung geplant, genehmigt und gebaut ist, dürften fünf, zehn, vielleicht sogar 15 Jahre vergangen sein. So lange wäre Maximiliane Peikerts Balkon mit Traumblick ein „Wohnzimmer“ mit Dauerbeschallung.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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