Home
http://www.faz.net/-gzh-rdui
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verkaufsoffener Sonntag Volle Warenhäuser, ruhige Seitenstraßen

23.10.2005 ·  "Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebenten Tage sollst du ruhen", so heißt es im Alten Testament. Besonders ruhig geht es aber nicht zu an diesem verkaufsoffenen Sonntag in der Frankfurter Innenstadt.

Artikel Lesermeinungen (0)

"Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebenten Tage sollst du ruhen", so heißt es im Alten Testament. Besonders ruhig geht es aber nicht zu an diesem verkaufsoffenen Sonntag in der Frankfurter Innenstadt. Noch vor Öffnung der Geschäfte feiert der evangelische Pfarrer Hans Christoph Stoodt einen Gottesdienst in der Katharinenkirche: Er möchte zum Nachdenken über das Gebot der Feiertagsheiligung einladen. "Der Sonntag ist nicht zum Einkaufen da", mahnt Stoodt. Fast gleichzeitig wird wenige hundert Meter entfernt auf dem Rathenauplatz der verkaufsoffene Sonntag eröffnet, den die privatwirtschaftliche Initiative "City Forum Pro Frankfurt" organisiert. Mit einem aufwendigen Bühnenprogramm gleichzeitig zur Buchmesse soll möglichst viel kaufkräftige Kundschaft in die Innenstadt gelockt werden. Ein Auftritt der Damen-Band "Princess Cut", Zauberer Ello, Sprachakrobat Walter Renneisen und viele andere Künstler sorgen dabei für Unterhaltung.

Dennoch läuft das Geschäft zunächst schleppend, und die meisten Besucher finden erst am späten Nachmittag den Weg in die Innenstadt. Eine Lesung mit Rena Larf im Kaufhaus Karstadt um 14 Uhr wird wegen mangelnden Zuspruchs sogar kurzerhand abgebrochen. Bei Optik Müller am Rathenauplatz ist man unzufrieden. Das Sonntagsgeschäft lohne sich überhaupt nicht, man habe lediglich aus Prestigegründen geöffnet, um für die Kunden da zu sein, gibt Geschäftsführerin Patricia Kupferschmidt zu. "Man sollte verkaufsoffene Sonntage nicht so häufig veranstalten, denn sonst geht das Besondere daran verloren." In der Buchhandlung Hugendubel ist man verhalten optimistisch: "Wir bewegen uns in etwa auf dem Niveau vom letzen Mal", sagt Roland Lohff, Kundenbetreuer für klassische Literatur.

Als Publikumsmagnet erweist sich hingegen der junge Fernsehkoch Tim Mälzer, bekannt durch die TV-Sendung "Schmeckt nicht, gibt's nicht". Vor allem Karstadt-Geschäftsführerin Katja Stahlhacke zeigt sich begeistert über das große Interesse an dem TV-Koch. Nach zunächst geringer Resonanz um die Mittagszeit sorge er nun für eine "brechend volle" erste Etage. Sogar die Rolltreppen habe man zwischenzeitlich abstellen müssen. Eine Karstadt-Kundin zeigt sich angetan: "Während der Woche habe ich nur wenig Zeit zum Einkaufen, deswegen nehme ich die Möglichkeit heute sehr gerne wahr." Auch Günter Biere, Geschäftsführer der Galeria Kaufhof, ist zufrieden: "Die Kassen machen Stundenumsätze eines guten Verkaufssamstages." Deswegen könne er sich solche Aktionstage durchaus öfter vorstellen. Ein anderes Bild bietet sich in den kleineren Geschäften an den Nebenstraßen der Zeil: Helmut Blehs, Geschäftsführer des Scholl-Fußpflegezentrums an der Schäfergasse, bemängelt, daß zu wenige Leute in die Innenstadt gekommen seien. Ein Apotheker direkt gegenüber habe deswegen seinen Laden erst gar nicht aufgemacht.

Durchwachsen fällt das Fazit von Frank Albrecht, Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbands, zum verkaufsoffenen Sonntag aus: "Es hat ein echter Höhepunkt im Veranstaltungsprogramm gefehlt." Er erwarte einen deutlich niedrigeren Umsatz der Einzelhändler im Vergleich zum 18. September, als während der Internationalen Automobilausstellung ebenfalls ein verkaufsoffener Sonntag stattfand. "Es hätte mehr sein können", so Albrecht. Die Ferienzeit, das Wetter und die noch fehlende Tradition solcher Verkaufstage in der Innenstadt seien wohl die Hauptgründe für die geringere Resonanz. Um die nächste Veranstaltung dieser Art am ersten Advent mache er sich jedoch keine Sorgen. Schließlich werde dann das Weihnachtsgeschäft beginnen.

Ein verkaufsoffener Sonntag hat in diesem Jahr zum dritten Mal stattgefunden. Am 20. März waren die Geschäfte in der Frankfurter Innenstadt zum ersten Mal seit fast 50 Jahren wieder an einem Sonntag geöffnet. Das Ladenschlußgesetz erlaubt vier verkaufsoffene Sonntage im Jahr, allerdings nur bei einer Koppelung an einen besonderen Anlaß wie beispielsweise die Buchmesse. Gegner der Sonntagsöffnungen sind insbesondere die Kirchen: Die Stadtversammlung der Frankfurter Katholiken forderte alle Christen auf, am Sonntag nicht einzukaufen. Der Schutz aller Feiertage solle nicht aufgegeben werden, das gelte insbesondere für die Adventszeit. Der verkaufsoffene Sonntag am Ersten Advent wurde vom Magistrat beschlossen. Im nächsten Jahr könnte es sogar mehr als vier solcher Aktionstage geben. So setzt sich Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) dafür ein, während der Fußballweltmeisterschaft an mehreren Sonn- und Feiertagen offene Geschäfte zu ermöglichen.

Pfarrer Stoodt und seine Mitstreiter wollen auch künftig dafür kämpfen, daß der Sonntag kommerzfrei bleibt: Schon für den Ersten Advent plant die Evangelische Kirche eine Protestaktion. ALEXANDER PITZ, ANDREAS SCHWARZ

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr