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Verein für soziale Heimstätten : Durch den Tag kommen

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Arbeiten ohne Druck: Die Beschäftigten der Werkstätten wären dem Stress im regulären Berufsleben nicht gewachsen Bild: Helmut Fricke

Lesen oder Ausruhen während der Arbeit ist hier erlaubt: In den Werkstätten des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten sind psychisch kranke Menschen tätig.

          In der Post-Abteilung scheint fahles Licht aus Neonröhren in den Raum. Gerade ist die neue Ausgabe der Jüdischen Gemeindezeitung geliefert worden, gedruckt wird sie nebenan. An den Tischen der Reha-Werkstatt am Eschenheimer Tor sitzen vier Männer und zwei Frauen, sie sind zwischen Mitte zwanzig und Ende fünfzig. Nur selten unterhalten sie sich und wenn, dann leise. Sie legen lose Kalender in die Zeitung und kleben Versand-Etiketten auf. Ein Mann mit einem blauschwarzen Karohemd liest in der Bibel und streicht sich mit der linken Hand durchs Haar. Die anderen verwundert das nicht.

          Fünf solcher Werkstätten gibt es in Frankfurt, Träger ist der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten. Sie alle bieten Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Arbeitsmöglichkeit an. Allein in der Einrichtung an der Eschersheimer Landstraße arbeiten 80 „Klienten“, wie sie von den Betreuern genannt werden. In verschiedenen Abteilungen reparieren sie Fahrräder, montieren elektronische Kleinteile oder kümmern sich wie Michael Feige um den Versand von Briefen.

          „Früher bin ich ausgerastet“

          Der Zweiundfünfzigjährige hat sein Jura-Studium nie beendet. Er leidet an einer Krankheit mit dem Namen „bipolare Störung“, auch bekannt als manisch-depressive Psychose. Die zwei Pole seines Lebens sind die überwältigenden Hochs mit ungebremster Aktivität und geringem Schlafbedürfnis und die Tiefs mit absoluter Leere und Sinnlosigkeit. An einen Job da draußen, mit Zeitdruck und Terminen, ist nicht zu denken.

          Zu den Dienstleistungen des Vereins gehört auch das Verpacken von Postsendungen

          In der Reha-Werkstatt spürt Feige diesen Stress nicht. Er sitzt in der Post-Abteilung am Computer und kontrolliert Buchungen und Adressen. „Früher bin ich ausgerastet, wenn ich einen Fehler entdeckt habe“, sagt er. Heute ist das anders. Vielleicht liege es daran, dass er keine Tabletten mehr nehme, sagt Feige.

          Aus allen Teilen der Gesellschaft

          Mit seiner Erkrankung zählt Feige zu einer Minderheit in der Werkstatt am Eschenheimer Tor. Die meisten hier leiden an schizophrenen Psychosen. Sie hören Stimmen, die andere nicht hören, fühlen sich verfolgt. Allen gemein ist der allmähliche Rückzug aus dem Leben, eine schleichende Isolation. Das Selbstwertgefühl schwindet, die Scham wächst. „Seelische Behinderung“ nennt der Gesetzgeber psychische Erkrankungen im Sozialgesetzbuch.

          Die Betroffenen stammen aus allen Teilen der Gesellschaft, mit dem Intellekt hat eine psychische Erkrankung nichts zu tun. Bei manchen ist die Psychose nach der Einnahme von Rauschgift aufgetreten, andere haben in ihrem Leben nie mit Drogen zu tun gehabt. „Jede Psychose prägt sich individuell aus und ist mit der Lebensgeschichte des Betroffenen verknüpft“, sagt Margit König vom sozialen Dienst, die in der Werkstatt am Eschenheimer Tor arbeitet.

          Zusatzqualifikation in Sozialpädagogik

          Wer hier unterkommt, wurde auf den Rat einer Klinik oder über die Agentur für Arbeit vermittelt. „Wir nehmen niemanden auf, der abhängig ist“, sagt König. Weitere Bedingung für die Aufnahme in die Werkstatt: Der Erkrankte muss sich in fachärztlicher Betreuung befinden. „Ohne Medikation könnten die meisten nicht arbeiten“, sagt König.

          Wenn die Erkrankten eine Akutphase haben, kichern sie vor sich hin oder reden mit sich selbst. Die Betreuer übernehmen daher eine zweifache Aufgabe: Außer der fachlichen Ausbildung, die zum Beispiel ein Zweiradmechaniker mitbringt, ist eine Zusatzqualifikation in Sozialpädagogik wichtig.

          Wer will, darf sich länger ausruhen

          Die Werkstätten arbeiten für namhafte Auftraggeber. Die Deutsche Bank, Condor oder der ADAC gehören dazu. Leben könnten die Menschen nicht von ihrem Lohn. Maximal 230 Euro beträgt er, erwirtschaftet aus den Werkstatt-Gewinnen. Er wird verrechnet mit der Grundsicherung, so dass am Ende etwa 80 Euro bleiben. Außerdem bezahlen die Sozialrathäuser die Miete und vier Fünftel der Heizkosten. „Chronisch krank zu sein macht arm“, sagt Margit König. Einziger Lichtblick: Die Rente ist einigermaßen gesichert.

          Um acht Uhr geht es los, der Arbeitstag endet um 16 Uhr. Eine Stunde Pause ist normal, doch wer will, darf sich auch länger ausruhen. Hauptsache, er kommt. Regelmäßig durch den Tag zu kommen – das ist hier das Ziel.

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