04.01.2010 · Wenn andere schon im Bett liegen, beginnt für die Sicherheitsleute in den U- und S-Bahnen die letzte Schicht. Sie endet, kurz bevor die Normalbürger am nächsten Morgen aufstehen. Eine Nacht auf einer Brennpunkt-Linie.
Von Maximilian WeingartnerAcht Jahre lang ist der Sicherheitsmann Michael Durand fast täglich in Frankfurt auf Tour gegangen. Er hat sich mit Graffitisprayern, randalierenden Jugendlichen und Drogenhändlern herumärgern müssen. Und das meistens nachts. Die vielen Nachtschichten in den vergangenen Jahren haben Spuren hinterlassen. Der 46 Jahre alte Mann mit den schon weißen Haaren sieht müde aus. „Acht Jahre in diesem Job reichen wirklich“, sagt Durand. Seit 1998 geht er nicht mehr auf Streife, sondern sitzt im Büro der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) an der Hauptwache und hilft Leuten, die etwas verloren oder Probleme mit den Schließfächern haben. Es ist 21 Uhr. Für ihn die Schicht gleich zu Ende, für seine Kollegen Jürgen Mitula und Matthias Gorisch geht die Arbeit erst los.
Die beiden Sicherheitsleute arbeiten für das Unternehmen Dussmann, das seit 1998 die Überwachung der unterirdischen U- und S-Bahnhöfe im Auftrag der VGF betreibt. Diese hat die Überwachung der Bahnhöfe privatisiert, weil sie ihr zu teuer geworden war.
Zuckerbrot und Peitsche
Die Arbeit von Sicherheitsleuten im öffentlichen Nahverkehr hat an Bedeutung gewonnen, seitdem in Berlin-Neukölln Busfahrer grundlos geschlagen wurden, am Frankfurter Zeilweg drei Mädchen einen Mann verprügelt haben und der Münchner Dominik Brunner für seine Zivilcourage sterben musste. „Vor allem direkt nach dem Münchener Fall hatte ich ein mulmiges Gefühl“, sagt der 43 Jahre alte Mitula, der mit Gorisch gerade auf dem Weg zum Bahnsteig der U2 an der Hauptwache unterwegs ist. Die Strecke zwischen Heddernheim und Gonzenheim ist an diesem Abend ihr Revier, eine „Brennpunkt-Linie“, wie sie bei der VGF genannt wird. Die Schicht der beiden geht bis 5.30 in der Früh.
Zuckerbrot und Peitsche: Nach dieser Devise sind die Wachleute ausgerüstet, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Jeder trägt ein Kamillen-Spray und ein Erste-Hilfe-Paket bei sich, um bewusstlose Personen wieder munter zu machen. Aber auch ein Pfefferspray und einen Schlagstock, um Angreifer abzuwehren. Den mehr als einen halben Meter lange Stab aus Aluminium hätten sie noch nie benutzt, sagen beide.
„Da wo die Gurken herkommen“
Die Bahn, mit der Mitula und Gorisch Richtung Gonzenheim fahren wollen, ist voll. Viele Leute kommen gerade vom Weihnachtsmarkt, es riecht nach Glühwein und gebrannten Mandeln. Die Fahrgäste nehmen kaum Notiz von den beiden Wachleuten, sie sind mit sich selbst oder mit ihren Freunden beschäftigt. Zudem tragen die beiden Sicherheitsmänner zwar eine blaue Uniform, die nur mit einem kleinen Abzeichen versehen. „Es ist gut, dass unsere Kleidung nicht besonders auffällig ist“, sagt Mitula. „Das provoziert weniger.“
Der Dreiundvierzigjährige kommt eigentlich aus Missen im Spreewald. „Da wo die Gurken herkommen“, ergänzt er und lacht. Eigentlich hat er Agrotechniker gelernt, aber als nach der Wende alle Betriebe privatisiert wurden, hat er seinen Job verloren. Der Anfang in Frankfurt sei schwer gewesen, sagt Mitula. „Vor allem das ganze Drogenklientel habe ich aus dem Osten nicht gekannt.“
„Bonames Mitte gibt wieder Ärger“
Es ist jetzt 22.43 Uhr, und die „Dienstgruppe“ Mitula und Gorisch ist schon mehrmals an den Brennpunkten Heddernheim, Bonames und Kalbach vorbeigekommen, ohne dass etwas Nennenswertes passiert ist. „Wenn die Krawallmacher sehen, es sind welche da, die aufpassen, dann machen sie nichts“, sagt Gorisch, der auch aus Ostdeutschland kommt und dort von der Industrie- und Handelskammer zum Sicherheitsmann ausgebildet wurde. Sowohl Gorisch, der seit vier Jahren bei Dussmann arbeitet, als auch Mitula, der schon seit 2001 durch die Nächte Frankfurts fährt, hatten bisher Glück. In all den Jahren ist ihnen nie etwas passiert. Einmal seien sie zu einer Messerstecherei an der Hauptwache gerufen worden, geschehen sei ihnen aber nichts, sagt Mitula. Sowieso sei es noch fast nie vorgekommen, dass es in einem Waggon in ihrer Anwesenheit zu Streit gekommen sei. Langweilig werde ihnen dennoch nie, sagen sei. Es gebe immer etwas zu sehen und zu besprechen. Die beiden sind richtige Freunde geworden, seit sie zusammen arbeiten. „Zu ruhig ist aber auch Mist“, sagt Mitula. Aufpassen müsse man trotzdem immer. „Denn die Nächte verlaufen ruhig, bis etwas passiert.“
Die Bahn hält gerade wieder mal in Bonames, als drei „Pappenheimer“ von ihnen, wie Gorisch sie nennt, einsteigen. „Drogendealer“, sagt Mitula verächtlich. Sie sollen zu einer Gang aus dem Ben-Gurion-Ring gehören. „Da würde ich nur mit dem Maschinengewehr reingehen“, sagt Mitula und lacht, wahrscheinlich um deutlich zu machen, dass er diesen Spruch nicht ernst gemeint hat. Auch die drei jungen Männer, allesamt südländischen Aussehens, haben die beiden Sicherheitsleute erkannt, schauen immer wieder zu ihnen und kokettieren mit ihrem eigenen Ruf: „Bonames Mitte gibt wieder Ärger“, rappt einer der drei.
„Ich bin wunschlos glücklich“
„Einfach ruhig bleiben, nicht provozieren lassen“, sagt Gorisch. Genau das haben die beiden während ihrer Ausbildung gelernt: die Gewaltbereitschaft des potentiellen Angreifers einschätzen und richtig reagieren. Meist reiche ein böser Blick, um wieder Ruhe herzustellen, sagt Mitula. Wie bei den vier jungen Mädchen, die lärmend den Waggon an der Haltestelle in Eschersheim betreten und anfangen sich zu schubsen. Nicht alle Kollegen blieben immer so ruhig, sagt Mitula. „Wir haben schon einige Rambos bei uns.“
Gorisch und Mitula möchten keinen anderen Beruf. Träume, wie auf einer Insel in der Karibik zu leben oder im Lotto zu gewinnen, haben die beiden Brandenburger nicht. Sie möchten weiterhin zwischen Heddernheim und Gonzenheim hin- und herfahren. „Ich bin wunschlos glücklich“, sagt Gorisch, der eigentlich gelernter Steinmetz ist und Vater eines Kindes wird. Wenn er an die bevorstehende Geburt denke, bekomme er schon mal Angst, wenn er nachts durch Frankfurt fahre. „Das ganze Geschrei über die Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr finde ich trotzdem überbewertet“, sagt Gorisch.
Nachtlager geräumt
Bis 1.45 Uhr geht es hin und her zwischen Heddernheim und Gonzenheim. Bis auf die Begegnung mit den „alten Bekannten aus Bonames“ ereignet sich nichts Gefährliches. Mitula und Gorisch helfen Frauen mit Kinderwagen, die Rolltreppe hochzufahren, geben Fahrplanauskünfte und sorgen mit ihrer bloßen Anwesenheit für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl bei den Fahrgästen.
Nach der Pause müssen Mitula und Gorisch noch die Bahnhöfe rund um die Hauptwache kontrollieren und schauen, ob dort Obdachlose oder Drogenabhängige herumlungern. Kurz vor der Hauptwache entdecken die Sicherheitsleute zwei Männer, die es sich in der bitterkalten Nacht in einem Schacht für den Notausgang der U-Bahn gemütlich gemacht haben. Beide sind vollgepumpt mit Drogen und verstehen kein Wort Deutsch. Während der junge Gorisch ruhig bleibt, wird vor allem Mitula heftiger, fordert die Rumänen auf, den Notausgang frei zu machen, und fuchtelt immer wieder mit seiner Taschenlampe herum. „Red Deutsch mit mir. Geh weg, geh da, wo du herkommst“, schreit Mitula. Nach zehn Minuten haben die beiden ihr Nachtlager geräumt. Zumindest bis Mitula und Gorisch um die Ecke gebogen sind.
Kurze Zeit später ist die Schicht der beiden zu Ende. Dafür, dass sie stundenlang auf der „gefährlichsten“ Brennpunkt-Linie Frankfurts gefahren sind, war es ganz schön ruhig.
Deutsche Gesellschaft
Marcel Münch (osterhas85)
- 05.01.2010, 08:17 Uhr
>>„Es ist gut, dass unsere Kleidung nicht besonders auffällig ist“, sagt Mitula.
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
- 05.01.2010, 08:52 Uhr
"südländisch"
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 06.01.2010, 07:02 Uhr