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Unterricht am Krankenbett Die Schattenkinder von Frankfurt

Sie leiden an Krebs, psychischen Krankheiten oder sitzen im Rollstuhl: die Heinrich-Hoffmann-Schule hilft Kindern, die im normalen Schulalltag keinen Platz mehr haben.

© Wonge Bergmann Kinder mit einer Behinderung sind für die Gesellschaft zeitweilig regelrecht unsichtbar. Die Heinrich-Hoffmann-Schule kümmert sich um die, die im normalen Schulalltag keinen Platz mehr haben

Fast wäre Natascha im Schwimmbad ertrunken. Vergangenen Sommer rutschte die 14 Jahre alte Schülerin am Beckenrand aus und fiel rücklings auf einen schwimmenden Badegast. Nataschas Bänder entlang der Halswirbel rissen beim Aufprall. Ihre Arme und Beine waren sofort gelähmt. Allein aufmerksamen Badbesuchern hat das Mädchen zu verdanken, dass es noch lebt.

Seither sitzt Natascha im Rollstuhl. Täglich bewältigt sie mehr als acht Stunden Rehabilitationstherapie. Ihr Einsatz, oft bis zur Erschöpfung, hat sich gelohnt. Heute, sechs Monate später, ist ihre rechte Hand zwar noch zur Faust erstarrt, doch den rechten Arm kann sie schon wieder bewegen. Links funktioniert die Motorik sogar noch besser. Außer dem Arm gehorchen auch die Finger wieder. Sie kann sich selbst ankleiden, den Rollstuhl bewegen und auch schreiben. Ihrem Traum, eines Tages wieder mit ihren Freundinnen die Schule zu besuchen, ist sie damit ein großes Stück näher gekommen.

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Unterricht in der Teeküche

Allerdings kostet die Therapie viel Zeit. Damit die Wissenslücken nicht zu groß werden, nimmt Natascha als eine von derzeit etwa 200 Schülern Unterricht an der Heinrich-Hoffmann-Schule in Frankfurt. Um den Anschluss nicht zu verpassen, bekommt Natascha Einzelunterricht an dieser besonderen Schule, die ausschließlich kranke oder behinderte Kinder und Jugendliche unterrichtet. Dreimal in der Woche paukt sie mit Lehrerin Hildegard Pflaum in der Teeküche der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt Mathe, Deutsch und Englisch.

Natascha hat gute Chancen, den Wiedereinstieg in ihre alte Klasse zu schaffen, wie Pflaum sagt. Sie sei begabt und willensstark. Das hübsche, blonde Mädchen im Rollstuhl ist für die 56 Jahre alte Lehrerin kein Sonderfall, denn Pflaum arbeitet für die größte hessische Schule für kranke Kinder; sie wird vom Land getragen.

Kinder, die wegen ihrer Krankheit unsichtbar sind

Etwa 1000 Kinder und Jugendliche besuchen die Schule jedes Jahr. Schulleiter Frank Pastorek nennt sie „Schattenkinder“. Es sind Kinder, die wegen ihrer Krankheit zeitweise nahezu unsichtbar sind – aber natürlich trotzdem dazugehören. Ein Schulhaus haben diese Schattenkinder nicht. Die Heinrich-Hoffmann-Schule ist überall dort tätig, wo langzeitkranke oder behinderte Kinder und Jugendliche wie Natascha behandelt werden.

Dazu gehören außer der Uniklinik zum Beispiel das Clementine Kinderhospital und das Krankenhaus in Höchst. In den meisten Fällen findet der Schulunterricht dann am Klinikbett der Kinder statt. Einige Patienten besuchen die Lehrer aber auch zu Hause. Dann zum Beispiel, wenn der Besuch einer öffentlichen Schule wegen Infektionsgefahr nicht möglich ist. Dabei kommt auch „Puls“ zum Einsatz, der PC-gestützte Unterricht langzeitkranker Schüler. Mittels Webcam und Laptop können die Kinder von zu Hause aus am Unterricht in ihrer alten Schule teilnehmen. Sie hören und sehen, was die Lehrerin erzählt, gleichzeitig ist das Kind für die anderen Schüler auf einem im Klassenraum installierten Monitor sichtbar.

Ziel ist die Rückkehr in den Schulalltag

Für Schulleiter Pastorek steht die Rückkehr der Kinder in den Schulalltag an erster Stelle. Der Namensgeber der Schule wäre zufrieden. Die Wiedereingliederung kranker Menschen war dem Struwwelpeter-Erfinder zeitlebens wichtig. Pastorek hat am Niederräder Ufer auch einige permanente Unterrichtsräume, im dritten Stock eines weißen Gebäudes, eingeklemmt zwischen Uniklinik und Orthopädischer Universitätsklinik.

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