26.02.2010 · Die Stadt Frankfurt weiß nicht, wie sie mit dem Traditionskino Turmpalast umgehen soll. Die Bauaufsicht will, dass das Kino den Betrieb einstellen muss, falls das Gebäude nicht grundlegend saniert wird. Zum Leidwesen vieler Fans. Die Stadtplaner geben sich zugeknöpft.
Von Rainer SchulzeAls George Clooney auf der Leinwand gerade seinen Koffer packt, fällt der Ton aus. Eine Minute lang hören die Zuschauer von „Up in the air“ nur mono, ein einziger Lautsprecher oben rechts funktioniert noch. Es knistert, dann packt Clooney seine Sachen wieder in Dolby Surround. Da solche Missgeschicke im Turmpalast, dem Kino für Originalversionen in der Frankfurter Innenstadt, häufiger vorkommen, bereiten Aushänge die Gäste schonend darauf vor: Falls in den ersten zwanzig Minuten das Bild oder der Ton ausfällt, bekommen sie ihr Geld zurück, wie es dort heißt.
Der Turmpalast ist in die Jahre gekommen. Die Bauaufsicht hat verfügt, dass das Kino aus statischen und aus Brandschutzgründen den Betrieb einstellen muss, falls das Gebäude nicht grundlegend saniert wird. Da es sich für den Eigentümer Gerd Rieche, dessen Erbpacht für die Kinosäle ohnehin in zehn Jahren ausläuft, nicht lohnt, Millionen in die Ertüchtigung zu investieren, schließt das Kino im Juni zum Leidwesen seiner vielen Fans.
„Es gibt keinen Zeitdruck“
Außerdem hofft Rieche, von einer neuen Bebauung zu profitieren. Er will den Block am Eschenheimer Turm weitgehend neu gestalten und sitzt dem Vernehmen nach mit dem bekannten Frankfurter Architekturbüro KSP Jürgen Engel an einem Konzept für einen Wohn- und Geschäftskomplex. Liegenschaftsamtsleiter Alfred Gangel hat angeboten, die Grundstücke der Stadt im Erbbaurecht für 66 Jahre an Rieche zu vergeben, sollte die Stadtplanung mit dessen Plänen einverstanden sein. Gangel zufolge will KSP den Gewerbeanteil selbst nutzen: „Rieche hätte wirtschaftliche Sicherheit.“ Der Eigentümer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Die Stadtplaner geben sich zugeknöpft. Der Vorschlag – Rieche favorisiert dem Vernehmen nach eine sechsgeschossige Blockrandbebauung – stößt nicht auf Begeisterung. „Bisher wurde der Stadtplanung kein überzeugendes Konzept vorgelegt“, sagt der Sprecher des Planungsdezernenten. Und er fügt hinzu: „Es gibt keinen Zeitdruck.“ Möglicherweise zeigt sich das Dezernat auch von der Protestwelle beeindruckt, die sich gegen die Abrisspläne besonders im Internet formiert. Die Gegner befürchten den Verlust eines liebgewonnen Stücks Stadtgeschichte und sehen in den Abrissplänen für den Turmpalast ein Beispiel dafür, wie unsensibel in Frankfurt mit alter Bausubstanz umgegangen werde.
Wo einst die Nitribitt wohnte
In den vergangenen Jahren hatten mehrere Projektentwickler Interesse bekundet, in dem Block zwischen Katzenpforte, Stiftstraße, Bleichstraße und Eschenheimer Tor Neubauten zu errichten. Die Eigentumsverhältnisse sind kompliziert. Rieche selbst gehört das Apartmenthaus am Eschenheimer Tor, in dem sich der Kinoeingang befindet. Für das angrenzende Gebäude mit den Kinosälen, das sich an der Bleichstraße entlang bis zur Katzenpforte erstreckt, hat er einen Erbpachtvertrag bis zum Jahr 2020, den die Stadt laut Gangel um 66 Jahre verlängern könnte. Auch für das Grundstück Stiftstraße 32, das ebenfalls der Stadt gehört, favorisiert Gangel eine Erbpachtlösung. Einen Verkauf schließt er aus.
Das angrenzende Areal an der Katzenpforte ist nicht im städtischen Eigentum. Es ist unklar, inwiefern Rieche dieses Grundstück, auf dem ein Wohnturm geplant ist, in seine Pläne einbezogen hat. Ein Hochhaus soll aber nicht Teil seiner Planungen sein. Das im Privateigentum befindliche Apartmenthaus auf dem Grundstück Stiftstraße 36, in dem die Prostituierte Rosemarie Nitribitt ihre Freier empfing und am 1. November 1957 ermordet aufgefunden wurde, soll nicht Teil der Planungen werden. Der Eigentümer hat offenbar zu hohe Preisvorstellungen. Der markante Fünfziger-Jahre-Bau mit der berühmten „Detektiv Tudor“-Leuchtreklame bleibt also voraussichtlich erhalten.
60 Meter hoher Wohnturm
Die Stadtplanung bezieht zur Neuordnung des Blocks am Eschenheimer Tor keine klare Position. Während im Entwurf des Innenstadtkonzepts, über den die Stadtverordneten berieten, von einer „behutsamen Stadtreparatur“, einer bis zu sechsgeschossigen Bebauung und einer weiteren Verdichtung die Rede ist und „ein nennenswerter Wohnanteil“ gefordert wird, empfiehlt der aktuelle Hochhausrahmenplan auf dem zur Katzenpforte hin gelegenen Grundstück einen 60 Meter hohen Wohnturm.
Mit Bezug auf die benachbarten neuen Türme des Palais Quartiers und das Wohnhochhaus „Skylight“ heißt es dort: „Über eine Neuordnung innerhalb des heutigen Turmpalast-Baublocks bietet sich die Chance der räumlichen Verknüpfung der vorhandenen beziehungsweise entstehenden Hochhäuser mit einem weiteren Hochpunkt zu einem neuen kleinen Cluster.“ Allerdings soll die Aussicht der Skylight-Bewohner nicht beeinträchtigt werden. Mit Rücksicht auf die „Skylight“- Bewohner hat die Stadt auch den ursprünglichen Vorschlag des Stadtplaners Jochem Jourdan verworfen, in dem Block einen zweiten Wohnturm zuzulassen.
„Viertel städtebaulich voranbringen“
Angesichts dieser widersprüchlichen Planungen drängt sich der Eindruck auf, dass die Stadt selbst nicht genau weiß, was sie am Eschenheimer Tor eigentlich will. Planungsamtsleiter Dieter von Lüpke wollte sich auf Anfrage zu den städtebaulichen Plänen nicht konkret äußern. Liegenschaftsamtsleiter Gangel sagt: „Wir wollen das Viertel städtebaulich voranbringen.“
Auch die Fraktionen halten sich zurück. Sie sind sich nur insofern einig, dass sie die Schließung des Turmpalast-Kinos bedauern. Die Grünen wollen sich dafür einsetzen, dass bei einer neuen Bebauung in dem Komplex wieder ein Kino unterkommt. Das benachbarte Metropolis zeigt immerhin wie angekündigt seit gestern in dreien seiner Säle die ersten Originalversionen.