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Übergewicht Mehr als ein paar Pfund zuviel

26.04.2011 ·  Je größer das Übergewicht eines Menschen ist, desto schwerer wird es für ihn, das Gewicht zu halten oder gar zu reduzieren. An zwei Frankfurter Krankenhäusern werden Übergewichtige von Ärzten beim Abnehmen unterstützt.

Von Thomas Hahn, Frankfurt
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Abnehmen wollen viele Menschen. Gerade im Frühling werden in Zeitschriften Diäten angepriesen, um zur Badesaison „in Form“ zu kommen. Es gibt Menschen, die haben nicht nur ein paar Pfund zu viel auf den Hüften. Sie leiden unter Fettsucht, Adipositas genannt. Viele Übergewichtige haben schon zahlreiche Diäten erfolglos absolviert. Doch je mehr die Menschen wiegen, desto schwerer wird es für sie nicht nur abzunehmen, sondern auch, das Gewicht überhaupt zu halten. Das Körperfett versucht, sich immer wieder herzustellen. Außerdem fällt Bewegung schwerer, weshalb sie unterlassen wird.

Extremes Übergewicht führt zu Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkschäden und erhöht das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen. Einige dieser Schäden sind bleibend, andere Beschwerden gehen mit dem Gewicht zurück. Vorbeugend wirkt nur eine Gewichtsreduzierung. An zwei Frankfurter Krankenhäusern gibt es deshalb Angebote für Adipositas-Patienten. Die Krankenhäuser Nordwest und Sachsenhausen verfügen jeweils über eine Abteilung für Adipositas-Chirurgie und ein so genanntes Optifast-Zentrum.

Die Zentren setzen auf Gruppentherapien

In den Zentren kümmern sich Ärzte, Ernährungsberater und Therapeuten um die Abnehmwilligen. Das Hauptprogramm erstreckt sich über ein Jahr und richtet sich an Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 oder höher (siehe auch Kasten). Nur 15 Wochen lang dauert das Programm für Menschen mit geringerem Übergewicht. An beiden Krankenhäusern durchlaufen derzeit je fünf Gruppen das Jahres- und eine Gruppe das Kurzprogramm. Aufgenommen werden nur Patienten, die von ihrem Arzt geschickt werden und ernsthafte Abnehmversuche in der Vergangenheit nachweisen können.

Die Zentren setzen auf Gruppentherapien. Eingangs werden die Teilnehmer medizinisch und psychologisch untersucht. Die Therapie gliedert sich in drei Phasen: Fasten, Umstellung und Stabilisierung. Die Teilnehmer müssen fortlaufend ein Ernährungsprotokoll führen, das von den Experten geprüft wird – ebenso wie die Blutwerte und andere gesundheitliche Messwerte. In der Umstellungsphase steht die Ernährungsberatung im Vordergrund, in den anderen beiden Phasen dagegen eher die Verhaltens- und Bewegungstherapie.

„Wesentlich intensiveres Geschmackserlebnis“

Nach der Einführung beginnt das Fasten. Dieses soll zwölf Wochen lang durchgehalten werden. Die Teilnehmer werden auf eine sogenannte Formula-Diät gesetzt. Aus Pulvern werden Shakes und Suppen in vier süßen und zwei herzhaften Geschmacksrichtungen angerührt. Sie sind das einzige, was die Patienten in dieser Zeit zu sich nehmen dürfen. Das Mittel enthalte alle notwendigen Nährstoffe in den empfohlenen oder höheren Mengen, versichert der Leiter des Zentrums in Sachsenhausen, Michael Brenner. Es liefere jedoch nur 800 Kalorien am Tag, womit ein Teilnehmer in der Woche zwischen einem halben und 2,5 Kilogramm abnehmen könne. Leistungsschwäche wegen der geringeren Energiezufuhr sei höchstens während einer kurzen Umstellungszeit zu befürchten, meint Brenner. Mit dem Fasten sollten negative Essgewohnheiten durchbrochen werden.

Imke Behnken, Fachärztin für Innere Medizin mit Schwerpunkt Übergewicht und Diabetes am Krankenhaus in Sachsenhausen, ist von dem Konzept überzeugt: „Die Beutel sind sicher nicht jedermanns Geschmack, aber die Teilnehmer berichten immer wieder, dass sie nach der Beutelphase ein wesentlich intensiveres Geschmackserlebnis haben.“

Nach und nach werden vollwertige Gerichte in den Speiseplan aufgenommen

Der anfängliche rapide Gewichtsverlust soll motivieren für das weitere Programm. Manchmal mit unerwünschter Konsequenz: Einige Teilnehmer seien mit dem erzielten Gewichtsverlust schon so zufrieden, dass sie das Programm abbrächen, berichtet die Ernährungswissenschaftlerin Heike Raab. Ohne eine Umstellung von Ernährung, Bewegung und Verhalten sei das Fasten aber lediglich eine gewöhnliche Diät unter ärztlicher Betreuung. Einen langfristigen Erfolg habe das nicht.

Sechs Wochen dauert die Umstellungsphase von der Formula-Diät zu „normalem“ Essen. Nach und nach werden vollwertige Gerichte in den Speiseplan aufgenommen. Wichtig sei auch hier, direkt mit ausgewogener Ernährung einzusteigen, erklärt Raab, vor allem an Proteinen dürfe nicht gespart werden. Gemeinsame Kochabende sollen den Teilnehmer helfen, sich gesunde und leckere Gerichte zuzubereiten. Ein wichtiger Punkt sei außerdem, Lieblingsgerichte kalorienarmer zuzubereiten. Fettfreie Salatdressings seien ein häufiges Thema.

Es geht nicht um „Abnehmen um jeden Preis“

Auf dem Programm steht zudem Einkaufstraining. Dafür wird die Gruppe mit einer Einkaufsliste in den Supermarkt geschickt. Vor dem Erwerb sollen die Teilnehmer die Produkte auf ihre Nährwerte untersuchen. In der Getränkeabteilung gebe es da so manche Überraschung, berichtet Raab. Lebenspraktisch sind auch Besuche auf dem Weihnachtsmarkt oder in Restaurants. Die Stabilisierungsphase dient in den verbleibenden 33 Wochen des Jahres der Festigung des Gelernten. Die Patienten lernen mit kritischen Momenten und Stresssituationen umzugehen.

Es gehe bei Optifast nicht um „Abnehmen um jeden Preis“, sagt Brenner. Wenn ein Teilnehmer zu viel Gewicht verliere, müsse das Team eingreifen. Wichtiger als die Formula-Diät sei ohnehin, das Verhalten bezüglich der Ernährung und der Bewegung anzupassen. Vermittelt werden die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, sich 45 Minuten im Alltag aktiv zu verhalten, zum Beispiel die Treppe statt den Aufzug zu nehmen, und jeden zweiten Tag eine Stunde Sport zu treiben. Einige Teilnehmer sollten allerdings bestimmte Sportarten lieber sein lassen, sagt Behnken – so seien Joggen, Badminton oder Squash wegen der ruckartigen Bewegung für Übergewichtige zu belastend. Radfahren oder Schwimmen empfehle sie dagegen. Ihr Favorit ist Nordic Walking. Nicht, weil es die Gelenke schone, sondern weil es eine dynamische und koordinative Bewegungstherapie sei – wenn es richtig gemacht werde. Wie bei der Gewichtsabnahme gelte auch hier, dass die Teilnehmer nicht zu schnell zu viel Sport treiben sollten, sagt Behnken.

Adipositas-Sprechstunde

Laut einer Studie halten etwa 60 Prozent der Teilnehmer das gesamte Programm durch, mit entsprechendem Erfolg. Die häufigsten Abbruchgründe seien medizinischer oder beruflicher Natur. Aber auch viele, die es geschafft hätten, wünschten sich eine Nachbetreuung, erklärt Raab. Im Krankenhaus Sachsenhausen werde an einem entsprechenden Programm gearbeitet, sagt Brenner. Bislang werde die Nachbetreuung individuell organisiert; die Gruppenteilnehmer könnten mit dem gewünschten Therapeuten Termine vereinbaren. Auch weiterhin solle es Termine mit der Gruppe und zu bestimmten Themen geben. Der Zusammenhalt sei nach einem Jahr gemeinsamer Therapie sehr stark, berichtet Brenner. Regelmäßige Vorträge, zusätzliche Übungsabende und ein Austausch für alle Gruppen sollen die Nachbetreuung ergänzen.

Das Optifast-Zentrum am Krankenhaus Nordwest biete schon eine umfassende Nachbetreuung an, berichtet dessen ärztlicher Leiter, Ramon Chandra. Außerdem gibt es auch Einzeltherapien, bei denen die Angebote individuell zusammengestellt würden. Ein hoher Anteil an Ernährungsberatung, die von den Krankenkasse bezuschusst werde, reduziere die Kosten für die Teilnehmer. Eine weitere Besonderheit am Nordwestkrankenhaus sei die Adipositas-Sprechstunde, die sich an alle Übergewichtigen richte. Hier werde auch über mögliche chirurgische Eingriffe informiert.

Auch das Zentrum in Sachsenhausen kann Patienten gegebenenfalls an die Adipositas-Chirurgie im Krankenhaus vermitteln: Raab arbeitet in beide Abteilungen mit und betreut Optifast-Teilnehmer ebenso wie Adipositas-Patienten nach einer Operation. Chefarzt Rudolf Weiner, Leiter der chirurgischen Klinik in Sachsenhausen, gilt als Pionier der Adipositas-Chirurgie in Deutschland. Am Krankenhaus werden eine Reihe von Behandlungsmethoden angeboten: Vom Magenballon, der den Magen teilweise gefüllt hält, über das Magenband bis hin zum Magenbypass, bei dem ein Großteil des Magens operativ umgangen wird - die meisten davon können minimal invasiv angeboten werden. Allerdings sieht Weiner die Chirurgie bei Adipositas nur als letztes Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Liege der BMI jedoch über 40 seien konventionelle Methoden beinahe sinnlos, und es müsste operiert werden, sagt er. In Deutschland beträfe dies eine Millione Patienten. Es werde eher später als in anderen Ländern operiert.

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