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Christoph Schröder : „Sieben Monate unseres Lebens stecken in diesem Preis“

Die Jury des Deutschen Buchpreises: Sabine Vogel („Berliner Zeitung“), Christoph Schröder (freier Kritiker), Lena Bopp (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Susanne Jäggi (Librium Bücher, Baden), Thomas Andre („Hamburger Abendblatt“), Berthold Franke (Goethe-Institut Prag), und Najem Wali (Autor und Kritiker, Berlin) Bild: Claus Setzer

Sechs Romane stehen auf der Shortlist, einer von ihnen wird heute Abend im Frankfurter Römer mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Ein Kritiker erklärt die Arbeit der Jury.

          Gab es in der Jury Streit? Hat zwischendurch irgendjemand geschrien: „So kann ich nicht arbeiten?“

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Geschrien hat keiner. Aber es ging durchaus nicht immer friedlich zu. Man kann sagen, es wurde auch gestritten.

          Wie oft hat sich die Jury getroffen?

          Viermal seit Anfang März, meist hier in Frankfurt, im Haus des Buches an der Braubachstraße. Die Longlist haben wir in der Gerbermühle festgelegt, die Shortlist Anfang September in Berlin.

          Und wann haben Sie den Preisträger bestimmt?

          Gestern. Bis dahin wussten wir auch tatsächlich nicht, wohin die Reise gehen wird.

          178 Romane hatte die Jury zu bewerten. Wie macht man das?

          Alle Titel wurden von mindestens zwei Jurymitgliedern gelesen. Und wir haben einander von der ersten Sitzung an jeden Tag sehr viele E-Mails geschrieben. Wann immer einer von uns gesagt hat, da ist was, haben sich sofort auch andere darauf gestürzt. Alle waren permanent am Lesen.

          Die Jury darf auch Romane anfordern, die die Verlage zunächst gar nicht für den Preis eingereicht haben. War das auch in diesem Jahr so?

          Ja. Das Problem am Preis ist ja, dass jeder Verlag nur das Recht hat, zwei Titel zu nominieren, vom kleinsten Kleinverlag bis hin zu Häusern wie Suhrkamp, Fischer und Hanser. Die eingereichten Titel liest die Jury in jedem Fall. Aber es ist auch unsere Aufgabe, zu sagen, da gibt es andere, die wir ebenfalls bewerten wollen. Es gibt viele Verlage, die mehr als zwei Bücher drucken, die in Frage kommen.

          Nach dem Erscheinen der Longlist und der Shortlist hat eigentlich immer irgendjemand etwas an ihnen auszusetzen. Verfolgt die Jury das?

          Ich habe das sehr intensiv verfolgt. Es macht mich weniger nervös, wenn ich weiß, was auf mich zukommt. Aber ich finde, im Vergleich zu anderen Jahren war die Kritik recht moderat. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Aber das kann ja noch kommen.

          „Beim Buchpreis machen Kritiker zum ersten Mal die Erfahrung, selbst zum Gegenstand der Kritik zu werden.“ So hat Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig es neulich ausgedrückt, die als Literaturkritikerin vor fünf Jahren selbst Mitglied der Jury war.

          Genau das ist passiert. Ich habe an mir selbst beobachtet, wie dünnhäutig ich geworden bin. Zum Schluss habe ich jede negative Rezension eines Titels auf der Longlist oder der Shortlist fast persönlich genommen.

          Ist das Bewerten so vieler Titel für den Buchpreis etwas anderes als eine Rezension für die Zeitung?

          Man liest nicht anders. Das macht man so wie sonst. Aber ich glaube, wir haben alle gemerkt, dass es etwas anderes ist. Man hat eine größere Verantwortung.

          Als Literaturkritiker aus Frankfurt haben Sie die Überreichung des Buchpreises im Kaisersaal von Anfang an miterlebt. Wie war es, die Auszeichnung jetzt von innen kennenzulernen?

          Ich werde nie wieder öffentliche Kritik an einer Longlist oder einer Shortlist üben, weil ich mitbekommen habe, wie viel Sorgfalt hineinfließt. Ich bin sehr aufgeregt, heute als Jurysprecher vor all den Leuten in meiner Heimatstadt auf die Bühne zu treten. Und ich bin wahnsinnig gespannt auf die Reaktionen. Sieben Monate unseres Lebens stecken in diesem Preis.

          Was machen Sie nach der Preisverleihung?

          Erst muss ich noch ein paar Interviews geben, dann mische ich mich wie in all den anderen Jahren in den Römerhallen unter die Leute und hoffe, dass es nicht allzu viele gibt, die mir böse sind.

          Die Fragen stellte Florian Balke.

          Der Deutsche Buchpreis wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 2005 am Tag vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vergeben. Partner sind die Stadt Frankfurt, die Buchmesse und die Deutsche Bank Stiftung. Die Auszeichnung für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres ist mit 25 000 Euro dotiert. Den Preisträger bestimmt eine jährlich wechselnde Jury, der in diesem Jahr der Schriftsteller Najem Wali sowie sechs Literaturkritiker, Buchhändler und Kulturvermittler angehören. Für den Buchpreis nominiert sind Romane von Reinhard Kaiser-Mühlecker, Bodo Kirchhoff, André Kubiczek, Thomas Melle, Eva Schmidt und Philipp Winkler.

          Quelle: F.A.Z.

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