19.10.2009 · Schläger bringen den öffentlichen Nahverkehr auch in Frankfurt in Verruf. Mehr Personal für die Sicherheit und eine gestärkte Zivilcourage sollen helfen.
Von Katharina IskandarDie U-Bahn-Station im Stadtteil Heddernheim wirkt heute ein wenig heller. Irgendwie freundlicher. Fast schon einladend. Vielleicht liegt das an der neuen Beleuchtung. Die Erinnerung an den Abend des 5. Januar 2008 fällt schwer. In jener Nacht waren Jugendliche aus dem Viertel „Am Bügel“ unterwegs. Sie hatten Whiskey getrunken, den ganzen Abend schon. Es muss gegen Mitternacht gewesen sein, als sie beschlossen, sich in die U-Bahn zu setzen und in die Stadt zu fahren. Raus aus dem „Getto“, wie sie ihre Siedlung nennen.
In einer U-Bahn schlagen sie mit dem Nothammer mehrere Scheiben ein. Als sie gegen halb eins schließlich an der Station Heddernheim stranden, begegnen sie dem U-Bahn-Fahrer Knut Z. Sie greifen den ahnungslosen Mann an, schlagen und treten ihn, brechen ihm fast das Jochbein und fügen ihm eine Gehirnerschütterung zu. Noch heute leidet Knut Z. unter dem Überfall. Bis heute fährt er nur tagsüber. Nachts ist die Angst zu groß.
Dass man sich an „Heddernheim“ wie in einem Reflex erinnert, wenn über Gewalt im öffentlichen Raum der Großstadt Frankfurt geredet wird, hat viele Gründe. Der Fall schockierte viele, weil noch die Videobilder vom Überfall auf einen Rentner in München präsent waren. Und der Fall wurde aufgeladen, weil mit ihm das Thema Jugendkriminalität danach den hessischen Wahlkampf beherrschte. Aber der Angriff auf den U-Bahn-Fahrer in Heddernheim bleibt auch an sich ein Zerrbild für Gewalt, die ohne erkennbaren Anlass ausbricht in einer vermeintlichen Schutzzone, die nicht von ungefähr betulich bieder öffentlicher Personennahverkehr heißt.
84 Auseinandersetzungen zwischen Fahrgästen
Dabei war „Heddernheim“ längst nicht der erste Anlass zur Sorge: Wenig später gab die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) bekannt, in den Bussen, Straßen- und U-Bahnen hätten solche Vorfälle im Jahr zuvor deutlich zugenommen. 31 Mal wurden Fahrer angegriffen, zehn von ihnen verletzt. 84 Mal kam es zwischen Fahrgästen zu Auseinandersetzungen, die in etlichen Fällen mit Körperverletzungen endeten. Diese Zahlen sind zwar in den vergangenen Monaten zurückgegangen. Auch steht Frankfurt im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten gut da. Von Mitte 2008 bis Mitte 2009 wurden aber immer noch 19 Übergriffe auf Fahr- und Prüfpersonal sowie 38 Angriffe auf Fahrgäste und Passanten registriert.
Polizei und Verkehrsbetriebe beklagen eine immer größer werdende Aggressivität der Angreifer. Polizeisprecher Jürgen Linker sagt, bei fast allen Übergriffen, die sich in den vergangenen Jahren in Frankfurt ereignet hätten, handele es sich um Mehrfachtäter. Fast immer stünden die jungen Männer bei ihren Taten unter Alkoholeinfluss, fast immer kämen sie aus einem schwierigen Umfeld. „Sind sie dann noch in der Gruppe unterwegs, entwickelt sich ein Gemisch aus Aktivität und Aggressivität, das sich irgendwann entlädt.“
Frankfurt, das seit vielen Jahren mit dem Image „Hauptstadt des Verbrechens“ zu kämpfen hat und deshalb besonders sensibel auf Auswüchse von Kriminalität reagiert, sucht nun nach Lösungen. Denn obwohl es den städtischen Präventionsrat gibt und die Polizei bekannte U-Bahn-Schläger bisher immer schnell ermittelt hat, hat man erkannt, dass offenbar gerade in den Abend- und Nachtstunden zu wenig Sicherheitspersonal eingesetzt war; laut einer Umfrage des städtischen Präventionsrats hatten 68 Prozent der Fahrgäste dieses Defizit beklagt, 45 Prozent sprachen sich für mehr Videoüberwachung aus. Frankfurter Ordnungsdezernent Volker Stein (FDP) will Mitarbeiter der „Stadtpolizei“ zur Verfügung stellen. In den S-Bahnen hat der Rhein-Main-Verkehrsverbund reagiert. Seit einigen Jahren schon fahren ab 21 Uhr jeweils im ersten Abteil Sicherheitsleute mit. In den Frankfurter U-Bahnen fehlen sie noch immer.
Kampagne „Gewalt-Sehen-Helfen“
Das Gefühl, weitgehend auf sich allein gestellt zu sein, mag erklären, warum die meisten sich abwenden oder apathisch reagieren, wenn sie Zeugen einer solchen Gewalttat werden. Der Frankfurter Präventionsrat versucht schon seit mehr als zehn Jahren, die Schockstarre aufzulösen. Der Geschäftsführer des Rats, Frank Goldberg, initiierte damals die Kampagne „Gewalt-Sehen-Helfen“, nachdem in Hamburg in einer S-Bahn eine junge Frau vergewaltigt worden war und niemand dem Opfer geholfen hatte. Frankfurt war die erste Stadt, die ihren Bürgern für diese Situationen nicht nur Ratschläge erteilte, sondern ein umfangreiches Konzept vorlegte, wie Menschen in Notsituationen, die aus einer Straftat heraus entstanden sind, handeln können - ohne sich selbst zu gefährden. Goldberg ist überzeugt, dass die meisten Menschen Zivilcourage zeigen würden, wenn sie wüssten, wie.
Die Nachfrage nach den Kursen, die der Präventionsrat dazu anbietet, ist immer dann besonders groß, wenn sich wieder eine Gewalttat im öffentlichen Nahverkehr ereignet hat. Das zeigt auch der jüngste Fall: Nachdem es in einer U-Bahn in Heddernheim zu einer Auseinandersetzung zwischen drei jungen Frauen und einem 51 Jahre alten Mann gekommen war, bei der der Frankfurter schwer verletzt wurde, sind die Kurse bis Jahresende ausgebucht.
Den Notruf wählte der Busfahrer schließlich selbst
Die Teilnehmer spielen Szenen nach, um das richtige Verhalten zu trainieren. Die Regeln lauten: nie den Täter ansprechen. Immer versuchen, das Opfer aus der Gefahrenzone herauszuholen. Öffentlichkeit herstellen und die Polizei rufen. Doch damit hört die Hilfe längst nicht auf, wie Goldberg sagt. Ebenso wichtig sei es, den Tatort bis zum Eintreffen der Polizei nicht zu verlassen, um später als Zeuge dienen zu können. „Das wird oft vergessen.“
Dieses Problem kennt die Polizei. Als im November 2008 in der Frankfurter Innenstadt am Willy-Brandt-Platz der Fahrer eines Nachtbusses von zwei jungen Männern angegriffen wurde, sahen mehrere Fahrgäste zu. Den Notruf wählte der Busfahrer schließlich selbst. Anschließend suchte die Polizei öffentlich nach Zeugen, aber niemand meldete sich. Der Fall konnte schließlich nur deshalb aufgeklärt werden, weil der Bus mit einer Überwachungskamera ausgestattet war und Beamte aus den Fachkommissariaten die Männer wiedererkannten - auch sie waren einschlägig vorbestraft.
Goldberg hofft, dass das Interesse an der Kampagne „Gewalt-Sehen-Helfen“ weiter anhalten wird - auch, wenn es gerade keinen schlimmen Vorfall gegeben hat. „Die Menschen möchten helfen“, sagt er. Gerade in der vergangenen Woche hat er viele Anrufe bekommen. „Und das waren keine verängstigten Bürger, sondern Leute, die gefragt haben: Was kann ich tun?“ Der Münchner Fall, wo ein Helfer zu Tode geprügelt worden war, schrecke sie nicht ab. Im Gegenteil. „Die Anrufer sagten mir, sie wollten helfen. Jetzt erst recht.“