20.09.2009 · Eigentlich will Daniel nicht wählen. Doch dann überwindet er sich. Für die SPD wolle er stimmen, sagt Daniel. Weil er gehört habe, dass die für Gerechtigkeit seien. Im Jugendzentrum (Juz) Frankfurter Bogen hat sich das offenbar so herumgesprochen.
Von Til Huber, FrankfurtEigentlich will Daniel nicht wählen. Der fünfzehnjährige Schüler, schlank, blonde Gelfrisur, sitzt auf einem gepolsterten Stuhl und drückt auf den Steuerungstasten seiner Spielkonsole herum. „Meine Stimme zählt doch eh nix“, sagt er. „Und dafür steh’ ich dann ewig rum und mach’ Kreuze.“ Die Betreuerin bleibt hartnäckig: „Du musst doch nur ein Kreuz machen, hier wo Zweitstimme steht.“ Daniel denkt kurz nach. „Na gut, dann gehe ich halt doch wählen.“ Der Junge legt seine Steuerung auf den Boden, dann nimmt er sich einen Zettel und einen Stift von dem kleinen runden Tisch, läuft auf den Gang und verschwindet hinter dem weit aufgebogenen Pappkarton mit der Aufschrift „Wahlkabine“. Für die SPD wolle er stimmen, sagt Daniel. Weil er gehört habe, dass die für Gerechtigkeit seien. Im Jugendzentrum (Juz) Frankfurter Bogen hat sich das offenbar so herumgesprochen.
An diesem Tag ist nicht viel los. Einige seien vermutlich auf der Dippemess, meint die Leiterin der Einrichtung. Außerdem ist Ramadan. Während der muslimischen Fastenzeit bleiben viele der Stammgäste des Jugendzentrums zu Hause. Schlechte Voraussetzung also für eine hohe Beteiligung im Wahllokal Nummer 880 der U-18-Bundestagswahl 2009.
Mehr als 1000 Wahllokale
Die Abstimmung ist Teil eines bundesweiten Projekts des Landesjugendrings Berlin. Seit Monaten informieren Jugendeinrichtungen und Schulen, Sozialarbeiter und Lehrer junge Menschen über die Bundestagswahl, die Parteien und Politik im Allgemeinen. Jugendgruppen haben Diskussionsrunden mit regionalen Politikern veranstaltet oder Fußballspiele gegen sie organisiert. Manche Schüler konnten sogar bei Planspielen in die Rolle der Politiker schlüpfen, Parteiprogramme schreiben, Wahlkämpfe organisieren.
Am vergangenen Freitag, neun Tage vor der richtigen Bundestagswahl, durften die Jugendlichen dann in mehr als 1000 Wahllokalen abstimmen. In Frankfurt gaben fünf Einrichtungen Stimmzettel aus. Als die Wahl vor vier Jahren zum ersten Mal bundesweit stattfand, triumphierte die SPD mit knapp 37 Prozent der Stimmen, vor der CDU mit 17 Prozent. Nach der jüngsten Hochrechnung gewannen die Sozialdemokraten nun abermals – allerdings nur noch mit etwas mehr als 20 Prozent der Stimmen, gefolgt von den Grünen und der CDU. Ginge es nach den Jugendlichen, würde auch die Partei mit dem aufregenden Namen „Piraten“ mit knapp 8 Prozent Wählerstimmen in den Bundestag einziehen. Natürlich seien die Zahlen nicht repräsentativ, sagen die Organisatoren. Man wolle kein Abbild der Meinungen von Jugendlichen ermitteln, sondern vor allem Interesse für Politik wecken. Nachdem vor vier Jahren noch knapp 50 000 Jugendliche teilnahmen, waren es in diesem Jahr mehr als doppelt so viele.
König von Deutschland
Im Jugendzentrum Frankfurter Bogen liegen am Wahltag Postkarten aus, auf denen die Jugendlichen anhand von Forderungen testen können, welche Partei zu ihnen passt: „Die Atomkraftwerke sollten abgeschaltet werden“, steht da zum Beispiel, oder „Die Erweiterung der Mindestlöhne finde ich gut!“. Darunter kann man ankreuzen, ob man das unterstützt oder ablehnt. Auf einem Plakat steht, welche Partei die jeweiligen Forderungen stellt.
Mert hat seine Stimme schon abgegeben. Der 14 Jahre alte Junge sagt, die Bundestagswahl sei in seiner Klasse schon seit einer Woche Thema im Schulunterricht. Texte hätten die Schüler gelesen und sich die Wahlprogramme der Parteien angesehen. Und dann hätten sie sich überlegt, was sie machen würden, wenn sie König von Deutschland wären – inspiriert durch das gleichnamige Lied von Rio Reiser, dem einstigen Sänger der Band Ton Steine Scherben.
Auch Mert hat die SPD gewählt. Vor allem weil die gegen Studiengebühren seien und für mehr Umweltschutz. Außerdem, findet Mert, wäre es gerechter, wenn man weniger Geld für Steuern zahlen müsste. Welche Partei man dann am besten wählen sollte? „Am besten die SPD, die Grünen und ein bisschen auch die Linke.“ Später stehen die Sozialdemokraten im Juz dann als überragender Sieger fest: 44 Prozent bekommt die Partei – von insgesamt 30 abgegebenen Stimmen.