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Tuvia Tenenbom : Die Deutschen, ein Volk von Rassisten

Michael Moores Wiedergänger: Tuvia Tenenbom sieht nicht nur aus wie der Regisseur, er provoziert auch genauso gerne. Bild: Helmut Fricke

Der israelische Autor Tuvia Tenenbom liebt steile Thesen. Deutschland habe die Flüchtlinge nur aufgenommen, um besser zu sein als andere Nationen, sagt er im Literaturhaus.

          Warum hat Deutschland mehr Flüchtlinge aufgenommen als andere Länder? Das ist die entscheidende Frage, die der israelische Autor Tuvia Tenenbom auf seiner Reise kreuz und quer durch die Bundesrepublik Deutschen jeden Alters und Standes stellte, die er teils zufällig, teils gezielt getroffen hat. „Die Geschichte“, hat ihm Eike aus Fahrenzhausen in Oberbayern geantwortet. Wenn die Deutschen nicht all diese Flüchtlinge hineinließen, würde man überall sagen, sie seien Nazis, erläutert Eike. Die Anekdote steht in Tenenboms neuem Buch „Allein unter Flüchtlingen“, das jetzt bei Suhrkamp herausgekommen ist und recht eigentlich eine Großreportage ist, erzählt von einem scheinbaren Naivling, der durch die Republik fährt und den Leuten aufs Maul schaut: den Deutschen und den Flüchtlingen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon als Jochen Nix am Donnerstagabend im Literaturhaus Frankfurt die Episode mit Eike aus Fahrenzhausen vorliest oder die mit einem Studenten in München, der im Gespräch über Flüchtlinge aus heiterem Himmel die „jüdischen Wurzeln“ seines Gesprächspartners zu erkennen glaubt, merkt man, dass Tenenbom ein zuspitzender Erzähler ist, dessen Texte Witz haben und in denen viel Ironie mitschwingt. Deshalb wohl sind die Vorgänger-Bücher „Allein unter Deutschen“, in denen er seinen Interviewgebern reihenweise antisemitische Sätze entlockte, sowie die beiden Nachfolgebände „Allein unter Juden“ oder „Allein unter Amerikanern“ Bestseller geworden. Im Gespräch mit Alf Mentzer von HR2-Kultur erweist sich der 1957 in Israel geborene Tenenbom, der in New York das Jewish Theater betreibt, auch als großer Polemiker und Showmaster vor dem Herrn.

          Radikaler Unsinn stört ihn nicht

          Seine Markenzeichen sind seine Hosenträger und sein Lieblingsgetränk Cola Light, das ihm das Literaturhaus und das Jüdische Museum als Veranstalter aufmerksamerweise in einem großen Glas servieren – natürlich on the rocks. Tenenbom ähnelt in Statur und Ausdruck verblüffend dem amerikanischen Filmregisseur Michael Moore: Wie dieser ist er mit großer Leibesfülle gesegnet, wie dieser arbeitet er dokumentarisch, genauer: erzählend dokumentarisch, wobei er ebenfalls zugespitzte Thesen liebt. Die entscheidende lautet: Die Deutschen haben so viele Flüchtlinge aufgenommen, weil sie, die schwere Last der Vergangenheit auf den Schultern, moralisch jetzt besser sein wollten als die übrigen europäischen Völker. Das, so behauptet Tenenbom, ist nichts anderes als Rassismus. Um die Flüchtlinge als Menschen sei es den Deutschen gar nicht gegangen, glaubt der Autor bei seinen mehr als zwei Monate dauernden Recherchen an vielen Orten in Deutschland herausgefunden zu haben.

          Vielmehr ließen sie die Asylbewerber in miserablen Camps auf engstem Raum bei schlechtem Essen und mangelhafter Hygiene dahinvegetieren, lautet seine zweite These. Tenenbom beruft sich dabei auf Besuche in Flüchtlingsunterkünften und viele Gespräche mit Flüchtlingen, die er auf Video aufnehmen ließ. Wie repräsentativ seine Erfahrungen sind, bleibt dahingestellt. In Frankfurt jedenfalls könne von solchen Zuständen keine Rede sein, sagt nach der Veranstaltung eine verärgerte städtische Mitarbeiterin, die sich damals wie viele andere Kollegen aus der Verwaltung freiwillig zur Versorgung der Flüchtlinge gemeldet hatte Man kann Tenenbom zugutehalten, dass er ohne Scheu recherchiert hat. Normale Journalisten hätten nicht so unbefangen rechtsradikale Anführer wie Lutz Bachmann, den Pegida-Begründer, oder Götz Kubitschek, einen der Vordenker der Neuen Rechten, aufgesucht.

          Der Israeli aus Amerika hat auch so unterschiedliche Politiker wie Frauke Petry, Gregor Gysi oder Volker Beck zu seinem Flüchtlingsthema befragt. Auch zu dem Schriftsteller Akif Pirinçci hat Tenenbom eine recht spezielle Meinung. Er weist darauf hin, dass Pirinçcis ironische Äußerung während einer Pegida-Rede – „Die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb“ – gerichtsbezeugt von den Medien falsch wiedergegeben worden sei und dessen harmlose Katzenromane jetzt boykottiert würden. Auch hier sieht Tenenbom Rassismus gegen einen türkischstämmigen Dunkelhäutigen am Werk. Dass Pirinçci auch das unappetitliche Werk „Deutschland von Sinnen“ und anderen radikalen Unsinn geschrieben hat, scheint Tenenbom nicht zu stören, solange der Fall in seine steile These vom deutschen Rassismus passt.

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