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Trinkhallen Zweitschönstes Versteck unter der Sonne

 ·  In Frankfurt gibt es 330 Trinkhallen, im Umland kommen noch mal doppelt so viele hinzu. Ein neuer Führer widmet sich den berühmten Büdchen. Der „Orange Beach“ an der Gutleutstraße schneidet am besten ab.

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Er hat sich ein frisch gebügeltes Hemd angezogen, die Haare sind gescheitelt, Parfüm hat er auch aufgetragen. Olaf Gries steht auf der Rasenfläche nahe der Trinkhalle in Bornheim, hinterer Stehtisch, bester Blick auf die Szenerie. Am Tisch rechts von ihm verteilt eine Verlagsmitarbeiterin die noch in Folie eingeschweißten Bücher, links blättern Journalisten im neuerschienenen Führer zu Büdchen- und Trinkhallen in der Stadt, Titel: „Die unteren Zehntausend“. In der Hand hält der 47 Jahre alte Gries eine Urkunde. „Die Trinkhalle ,Orange Beach‘ wird empfohlen“, steht darauf. Verliehen wurde sie ihm von den Autoren des Trinkhallenführers. Einer von ihnen ist Andreas Heller. „Schön, dass Sie gekommen sind“, begrüßt er Olaf Gries.

In Frankfurt gibt es 330 der berühmten Büdchen, im Umland kommen noch mal doppelt so viele hinzu. „Sie sind die Mittelpunkte des proletarischen Lebens“, sagt Autor Ulrich Sonnenschein, im Hauptberuf Kulturredakteur beim Hessischen Rundfunk. Und Peter Schenk meint: „Man erlebt hier wirklich Frankfurt.“ Seit Jahren kommen die vier Autoren zusammen, einmal wöchentlich, immer an einer anderen Trinkhalle. So ein Buch entstehe nicht von heute auf morgen, sagt Schenk. Sie hätten viele Bierchen trinken und viele Würstchen essen müssen.

Wie „ein Sechser im Lotto“

Gries’ „Orange Beach“ ist die Nummer eins unter den Büdchen, das sagen jedenfalls die Tester. Gerade wer auf Industriekultur stehe, meint Heller, der sollte „Orange Beach“ kennen. Der Kiosk im Gutleutviertel hat in den Kategorien „Atmosphäre“, „Essbares“, „Getränkeauswahl“, und „Service/Freundlichkeit“ jeweils die höchstmögliche Punktzahl erreicht. Geschmeichelt fühle er sich ja schon, sagt Gries und deutet auf die fünf Sonnen auf Seite 83, die ihm und seinem Kiosk verliehen wurden. Volle Punktzahl, „ein Sechser im Lotto“. Nun aber drängelt ein Freund, in der Hand hat er eine Spiegelreflexkamera. „Los, halt die Urkunde doch mal hoch“ – es ist ein Stammgast, den Gries mit zum Wasserhäuschen am Kurfürstenplatz gebracht hat. Gries’ Mundwinkel zucken, zögerlich zieht er sie auseinander, lacht. Der Fotograf knipst. Ob er sich das Bild aufhängt? „Ja“, meint Gries, „so was kann man ja schon mal zeigen.“ Auch die Urkunde will er einrahmen, gut plaziert in seinem Büdchen.

Zwei Tage später ist Gries aber noch nicht dazu gekommen. Sein Wasserhäuschen liegt an der hinteren Gutleutstraße, zwischen Westhafen und Galluswarte. Die Gegend – kurz hinter dem Briefzentrum, kurz vor der Autobahnauffahrt – wirkt öde. Die Gebäude sind groß, die Straßen breit. Ein Reisebus rast vorbei, dahinter ein Lastwagen – die Idylle vermutet man hier nicht. Ein Schild weist den Weg links zum „Orange Beach“. Es geht quer über ein Fabrikgelände, direkt zum Main. Dort – zwischen viel Grün – hockt ein Angler, starrt auf den Fluss, auf dem ein Segelboot seine Runden dreht, Wellen schwappen ans Ufer. Es ist das „zweitschönste Versteck unter der Sonne“, heißt es auf dem Schild vor dem weißen Büdchen. Direkt darüber donnert ein Regionalexpress vorbei.

Vor der Trinkhalle hockt eine junge Mutter, die Jeans hat sie hochgekrempelt, das Kind spielt im Sand. Ein junges Pärchen sonnt sich im Liegestuhl. Dahinter, auf einer Bierzeltgarnitur, kauern Stammgäste. Sie tragen Shorts, Turnschuhe, Muskelshirts. Einer von ihnen erzählt, dass sie nach Feierabend hier einkehren, Bierchen trinken. Die Verheirateten fluchten dann, dass sie verheiratet sind, die Unverheirateten, dass sie noch unverheiratet sind.

Als erstes wurden Blümchen aufgestellt

Manchmal, sagt Gries, gehe es bis morgens um fünf, mittags stehe er dann wieder auf der Matte. „Er trinkt zwei Kaffee und ist wieder fit – auch nach einer langen Gaudi“, sagt Wiebke Langwald. Die junge Frau werkelt am Herd in der Hütte, in der Pfanne brutzeln Rindswürstchen. Früher, erzählt Langwald, habe sie, wenn die Leute fragten, ob Olaf ihr Vater sei, immer die wahre Geschichte erzählt: Dass sie nicht seine Tochter sei, sondern eigentlich aus Thüringen komme und nur wegen des Studiums nach Frankfurt gezogen sei, dass ihr Nachbar sie immer mit zu dem Büdchen geschleift habe, wo sie nun aushelfe, weil es ihr Spaß mache und weil sie dann nicht immer nur hinter den Büchern stecke. Irgendwann aber habe sie es sattgehabt, immer die gleichen Sätze herunterzuleiern.

Fragt jetzt jemand, ob Olaf ihr Vater sei, sagt sie: „Nein, mein Onkel.“ Olaf macht das nichts aus, er meint: „Kein Problem, ich adoptiere dich gerne.“ Und Wiebke findet, er sei eben ein liebenswerter Chaot, der Olaf, der nicht ihr Onkel ist, sondern ihr Chef, die gute Seele des „Orange Beach“. An der Wand in dem Büdchen hängen zwei Fotografien, der Main im Sonnenuntergang. Eine verzierte Vase steht auf der Theke neben einer champagnerfarbenen Kerze mit Vanilleduft, davor ein Porzellaneierbecher, der mit Blümchen bemalt ist. „Schnickschnack“, meint Wiebke, ihr Geschmack sei’s ja nicht, aber Olaf möge es, „er sammelt solches Geschirr“.

Olaf Gries hat all seinen Stammgästen erzählt, dass er und sein beliebtes Büdchen groß rauskommen. „Ganz stolz ist er gewesen“, sagt seine Mutter, eine gepflegte Frau, gerade 70 geworden. Im grünen Blouson sitzt sie auf der Veranda, erzählt von Olaf, ihrem Mittleren, der schon immer ein „bisschen exotisch“ gewesen sei. Dass er damals, ein Jahr vor dem Wirtschaftsabitur, die Schule schmeißen musste, verstehe sie bis heute nicht, aber so sei er eben. Was er sich in den Kopf setze, das mache er auch, entweder ganz oder gar nicht. So sei es auch mit der Trinkhalle gewesen. Vor einem Jahr hat sie Gries, der zuvor 20 Jahre lang eine Gaststätte im Ostend betrieben hat, gepachtet. „Völlig heruntergekommen“ habe es damals ausgesehen. Als Erstes – noch bevor er zwei Container Trinkhallen-Schrott der vergangenen sechzig Jahre entsorgte – habe er Blümchen aufgestellt. Danach ließ er vor der Hütte zehn Tonnen Sand aufschütten.

Eine zweite Heimat

In den Vierzigern, erzählt Gries, soll es an dem Platz eine Wirtin namens Tante Lina gegeben haben, bei der die „High Society“ eingekehrt sei. „Fühlen Sie sich als neues Mitglied der High Society in Orange Beach“, hat er daher auf die gelben Speisekarten gedruckt, die Preise aber niedrig gehalten: Einen halben Liter Wasser gibt es für einen Euro, das Bier schon für 1,30. Die Trinkhalle soll, so steht es auf der Karte, ein „zeitgemäßer, sympathischer Treffpunkt für Jung und Alt sein“.Peter Schliewe ist Stammgast, die Trinkhalle kennt er noch aus den Achtzigern. Als er acht Jahre alt war, habe er sich dort immer seine Limo geholt. Wie es damals ausgesehen habe, könne man sich nicht mehr vorstellen. „Eine Bruchbude schlechthin“, sagt Schliewe, die Leute seien gleich wieder rausgegangen. Seit Olaf es so richtig schön gemacht habe, komme er jeden Tag her, immer nach Feierabend.

Dass die Leute sein Büdchen so gut annehmen, habe er anfangs nicht gedacht. „Hier ist immer was los“, sagt Gries, sogar an Weihnachten. Da habe er vor der Hütte einen aufblasbaren Weihnachtsmann aufgestellt und den Tannenbaum geschmückt. Seine Gäste und er aßen Gänsebrust, Rotkohl und Kartoffeln. Und im Oktober, da hatte er alles weißblau dekoriert, serviert wurde Weißwurst. Und die Blaskapelle, die er bestellt hatte, habe dicke Backen gemacht. Dass direkt über der Hütte ab und an ein Zug vorbeidonnert, stört niemanden. Das passt zu diesem Ort. Und manchmal, sagt Olaf Gries, wenn jemand zu viel dummes Zeug rede, dann freue er sich sogar über diese kurze Pause.

Das Büdchen sei sein Zuhause, eine zweite Heimat, er fühle sich hier wohl. Vor allem nachts, wenn sich die Lichter der Brücke und der Bahn im Wasser spiegeln, ab und an ein Fisch aus dem Wasser hopst, sei es Industrieromantik pur – für ihn ist dieser Platz der schönste unter der Sonne, es ist sein Paradies lauer Sommernächte. „Hat er Ihnen seinen Lieblingssatz erzählt?“, unterbricht Wiebke und serviert Würstchen mit Kartoffelsalat. Er falle zehnmal am Tag, sagt sie. Mindestens. Olaf Gries’ Mundwinkel zucken, ohne zu zögern sagt er: „Ich bin froh, dass es mich gibt.“

„Die unteren Zehntausend“. Der ultimative Büdchen- und Trinkhallen-Führer Rhein-Main. Von Jens Bredendieck, Andreas Heller, Peter Schenk und Ulrich Sonnenschein. Societäts-Verlag, Frankfurt 2007. 144 Seiten, 9,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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