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Frankfurter Oper : „Die meisten Familiendramen finden in der Küche statt“

Frauenthemen: „Tri Sestry“ (Drei Schwestern) von Peter Eötvös an der Oper Frankfurt. Bild: Rittershaus

Die Regisseurin Dorothea Kirschbaum interpretiert „Tri Sestry“ von Peter Eötvös auf unkonventionelle Weise. Bald ist Premiere des Stücks in der Oper Frankfurt.

          Wie kann man Langeweile auf der Bühne so darstellen, dass es nicht selbst langweilig wird? Eine Frage, die sich Dorothea Kirschbaum stellen musste für ihre Inszenierung der Oper „Tri Sestry“ („Drei Schwestern“) von Peter Eötvös. Bald ist Premiere an der Oper Frankfurt. Indem der Komponist die gleichnamige Dramenvorlage von Anton Tschechow stark konzentriert habe, passiere in seiner Oper aber eigentlich gar nicht so wenig, sagt Kirschbaum. Es entfalte sich immer etwas zwischen den Figuren.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gleichwohl spielt die Langeweile, die alle Protagonisten in dem russischen Provinzstädtchen empfinden, eben doch eine Rolle. Die Regisseurin, die in Frankfurt zuletzt Tschaikowskys „Eugen Onegin“ auf die Bühne gebracht hat, versteht das als „gefühlte Wiederkehr des Gleichen“. So wird es in ihrer Inszenierung des 1998 in Lyon uraufgeführten und seither schon 20 Mal an anderen Bühnen gespielten Eötvös-Stücks Momente geben, die variiert wiederkehren.

          Das Ganze sei schon ein sehr russisches Sujet, darin vergleichbar dem „Onegin“, ein Konversationsstück ebenso, doch während dort nur die Titelfigur von Langeweile betroffen sei, gehe es nun um eine ganze Gruppe. Und noch eine Gemeinsamkeit hat Kirschbaum gefunden: „Auch hier wird Wodka getrunken.“ Als musikalisch prägend bei Eötvös empfindet sie die Klänge des Akkordeons, die von Anfang an ein Gefühl von Melancholie und Stillstand vermittelten.

          Die Rolle der „inneren Dinge“

          Dezidiert in Russland wird ihre Inszenierung aber nicht angesiedelt sein. „Das könnte überall sein“, findet sie und fügt hinzu: „Die meisten Familiendramen finden in der Küche statt.“ Zu sehen sein werde eine „alltägliche Wohnsituation“ oder „ein Wohnraum zwischen Klangkörpern“. Denn das von Nikolai Petersen geleitete Orchester auf der Bühne werde erhöht über der Szene sichtbar sein, eingefasst in einem Rahmen, während die Musiker im Orchestergraben unter der Leitung von Dennis Russell Davies alles, was geschehe, so genau einbetteten, dass sogar jeder Figur einzelne Instrumente zugeordnet seien.

          Dorothea Kirschbaum im Bühnenbild der „Tri Sestry“: Die Premiere der Oper steht vor der Tür.

          Im Zentrum sieht Kirschbaum, anders als der Titel nahelegt, eine „Vierergruppe“. Eötvös widmet je eine der drei „Sequenzen“, in die er seine Oper unterteilt hat, den Schwestern Irina und Mascha sowie dem Bruder Andrei. Aber auch die dritte Schwester Olga sei sehr präsent und nicht minder wichtig, schon vom Umfang der Gesangspartie her. Sie sei die älteste unter den Geschwistern und nach dem frühen Tod der Mutter sicher schnell zum „Mutterersatz“ geworden. Sie arbeite als Lehrerin, sei mit dieser Aufgabe nicht glücklich, rede jedoch nicht darüber, sondern sei der „Blitzableiter“ für die anderen.

          Wirtschaftlich gehe es dabei allen gut. Es seien „innere Dinge“, die ihnen das Fortkommen unmöglich machten und sie gleichzeitig dazu brächten, alle ihre Sehnsüchte auf den Wegzug nach Moskau, den Ort ihrer Kindheit, zu projizieren. Irina sitze nun viel zu Hause und träume davon, zu arbeiten oder – nach Lesart der Regisseurin – „für etwas auf die Straße zu gehen“.

          Frauen werden von Männern gespielt

          Mascha scheine unterdessen die Sprache verloren zu haben. Sie pfeife vor sich hin, schweige viel und beobachte. Es brodele aber in ihr, und Irina gehe ihr auf die Nerven. Andrei sei „ein verschlossener Typ“, ein Vielleser, der, wie sie in ihrer Inszenierung „weitergesponnen“ habe, gerne Autor geworden wäre. Vereint sind die drei Schwestern unterdessen im Hass auf ihre Schwägerin Natascha, von der sie nämlich, ob ihrer Passivität, leicht untergebuttert würden.

          Eine Besonderheit ist, dass alle Frauenrollen von Männern gespielt und gesungen werden, die Schwestern von Countertenören. So bekomme alles eine andere „Abstraktionsebene“ und sei nicht auf die Frauen in Russland im 19. Jahrhundert beschränkt. Sie habe als Regisseurin versucht, die Darsteller als Männer in Frauenkleidern anzusehen, ohne dass das etwas von Travestie-Show oder Burleske bekomme. Das sei allerdings eine Gratwanderung. Denn Humor habe Eötvös durchaus einfließen lassen.

          Premiere in der Oper Frankfurt am Sonntag, den 9. September um 18 Uhr. Weitere Vorstellungen vom 12. September an.

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