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Trauerredner „Wir beerdigen gerade Opa, was gibt’s?“

 ·  Trauerredner sprechen über Menschen, die sie nie kannten. Sie finden Worte, wenn andere weinen – oder aber das Handy zücken. Manche der Gäste schimpfen gar auf die Toten.

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Bernd Litke kennt sie gut, die Liebe. Er sieht sie, wenn ihm eine alte Frau ein Glasauge hinhält, das Glasauge ihres Mannes, der noch keine 48 Stunden tot ist, ein Andenken an den Geliebten. Er sieht sie auch, wenn ein Greis ihn in das Schlafzimmer führt, das er ein Leben lang teilte mit seiner Frau, die gestern gestorben ist, und ihm das große Ehebett zeigt, in dem er auf der Seite der Frau ihr Nachthemd ausgebreitet hat. Über das Gewand, dorthin, wo das Kragenloch ist, hat er ein Kinderbild gelegt: ein Porträt der Frau, krakelig gemalt vom Enkel; ein letztes bisschen Vertrautheit in dem Raum, in dem er nun allein sein wird bis zum eigenen Tod. Bernd Litke sieht dann dort nicht das Groteske, das Traurige. Er sieht die Liebe, und er fasst sie in Worte.

Litke ist Trauerredner von Beruf, und so aufmerksam und herzlich, wie er ist, muss man dafür wohl sein. Es ist, wenn man es genau betrachtet, eine unmögliche Aufgabe, die Litke täglich wieder übernimmt: auf einen völlig fremden Menschen eine Rede zu halten, die seine Bekannten, Freunde, Kinder, Eltern berührt, sie aber auch tröstet, den Toten noch einmal zurückholt, wenn auch nur mit Worten. Wenig Zeit hat er dafür, oft nur ein paar Tage. Stirbt ein Mensch, suchen die Angehörigen einen Bestatter auf. Der Bestatter empfiehlt, wenn die Angehörigen es wünschen, einen Trauerredner. Immer häufiger geschieht das in den vergangenen Jahren: denn der Trauerredner spricht, wenn kein Pastor spricht, wenn also der Tote nicht Mitglied der Kirche war. Etwa 5500 Menschen werden jedes Jahr in Frankfurt bestattet, nur die Hälfte von ihnen christlich. Der freie Trauerredner hat Konjunktur.

„Aber Amen sage ich nicht“

Und es gibt viele von ihnen; viele bieten auch Reden auf Hochzeiten an oder Trauerbegleitung. Es sind Quereinsteiger aus anderen Berufen, viele Theologen, die in der Kirche keine Arbeit gefunden haben, auch Pädagogen, oder, wie Litke, Journalisten. Bei einem Fachverlag war er lange angestellt, schrieb Porträts über Manager und Branchenberichte. Dann irgendwann sei für ihn, den Ältesten, kein Platz mehr gewesen, sagt er. Das war vor vier Jahren. Da kam er auf die Idee, sein Schreibtalent anders zu nutzen. Aus der Kirche ist Litke, evangelisch getauft, mit 18 Jahren ausgetreten, las dann lieber Sokrates als die Bibel. Heute spricht er, wenn die Trauergäste das Vaterunser unbedingt wünschen, zwar das Gebet mit ihnen: „Aber Amen sage ich nicht.“

Vermittelt ihm ein Bestattungsunternehmer einen Kunden, beginnt Litkes Arbeit damit, dass er ihm einen Fragebogen schickt. Viel werde da erfragt, Details wolle er nicht in der Zeitung lesen, damit kein Konkurrent die Fragen übernehme, sagt Litke. Bald darauf besucht er die Menschen, meist dort, wo der Verstorbene lebte. Die Verwandten zeigen dann sein Bücherregal, seine alten Fotoalben, seine Lieblingskleidung, sie reden, weinen und reden weiter. In Litkes Kopf wächst dabei eine Vorstellung von dem Menschen, über den er bald sprechen soll; er fragt nach Spitznamen, Haustieren, Anekdoten, die sich für einen heiteren Schluss der Rede eignen. Sechzehn, siebzehn Minuten hat er meist Zeit; die Trauerfeiern sind eng getaktet auf Frankfurts Friedhöfen. Wenn denn getrauert wird.

„Gell, Sie machen’s doch kurz“

Zehn Prozent seiner Fälle, sagt Litke, seien gar keine echten Trauerfälle. „Da sind die Leute heilfroh.“ Nur aus Angst vor dem Gerede der Nachbarn kümmerten die sich überhaupt um eine würdige Feier. „Gell, Sie machen’s doch kurz“, sagten sie aber zu ihm. Er wurde Zeuge absurder Sparversuche: Ein Mann, der aus einer anderen Stadt als einziger Angehöriger zu einem Begräbnis nach Frankfurt kam, bat den Bestatter um einen Schlafplatz bei diesem zu Hause: „Er wollte kein Hotel bezahlen, obwohl er durchaus nicht arm war.“ Jemand anders wollte dem Bestatter das Kissen im Sarg ausreden mit den Worten „Das ist doch eine Leiche, kein Mensch“, wieder andere, ebenfalls gut betucht, begnügten sich mit der Innenurne, einer Art Rohling, über den normalerweise eine Schmuckurne gestülpt wird. So wie Bernd Litke die Liebe kennt, kennt er auch den Geiz.

Er kennt auch die Wut, die Menschen auf andere haben und die nicht verfliegt, nur weil der Verhasste tot ist: Litke hat bei den mehr als 800 Trauerfeiern, die er schon gestaltet hat, Gäste gesehen, die in den Sarg brüllten, Schlägereien im letzten Moment verhindert, Eifersuchtsszenen zwischen Exfrauen beobachtet. Doch am schlimmsten, sagt der Trauerredner, sei die Achtlosigkeit. Er ärgert sich derart über Geschmacklosigkeiten, dass er einen stichwortartigen Friedhofsknigge erstellt hat. Denn auch Menschen, die trauerten, sollten die Form wahren, sagt er.

Litke, der selbst immer „dunkle und festliche Kleidung“ trägt, sah Frauen im Minikleid und mit Flipflops, rauchend oder ins Handy blökend („Wir beerdigen gerade Opa, was gibt’s?“). Manche brachten selbstgebrannte CDs mit, die beim Abspielen auf der Feier dann sprangen, oder die billigsten Tonengel, die sie finden konnten. „Haltet den Baumarkt vom Friedhof fern“, mahnt Litke. Er selbst bringt neben seiner schwarzen Mappe mit dem Redetext drei Dinge zu jeder Trauerfeier mit: einen kleinen Spiegel, um zu prüfen, ob der Kragen sitzt. Ein Taschenmesser, weil oft noch Blumen oder Zweige zurechtgestutzt werden müssen. Und einen Deckel für sein Wasserglas, damit ihm kein Insekt hinein fliegt und er sich verschluckt.

Trauerrednerin im Nebenjob

Auch Beate Manns-Düppers hat immer ein nützliches Trauerredner-Accessoire dabei: ein Feuerzeug, um beim Kerzenanzünden zu helfen. Ansonsten ist sie in vielem das Gegenteil von Litke: eine Frau, tätig für ein Consultant-Unternehmen und nur im Nebenjob Trauerrednerin, studierte Theologin. Pfarrerin bei den Baptisten wollte sie werden, doch damit wurde es nichts; heute sei sie noch gläubig, habe sich aber von der Institution Kirche weit entfernt, sagt sie. Als Manns-Düppers nach Jahren der Arbeit in der Erwachsenenbildung 2002 arbeitslos wurde, kam ihr die Idee mit den Trauerreden. Doch es lief schleppend an: Alle Bestatter, die sie fragte, hatten schon Redner, mit denen sie kooperierten. So griff die Siebenundvierzigjährige zu, als ihr der jetzige Arbeitsplatz angeboten wurde. Nur „fünf bis acht“ Trauerreden im Jahr hält sie noch; dafür nimmt sie einen Tag Urlaub oder nutzt die Gleitzeit im Unternehmen.

300 Euro, alles inklusive, kostet eine Trauerfeier mit Manns-Düppers. Kollege Litke will nicht, dass sein genauer Preis in der Zeitung steht, aber er liegt auf ähnlichem Niveau. Ihre Kunden finden Manns-Düppers über deren Internetseite, auf der sie auch Reden zu anderen Anlässen anbietet. Manche kommen, weil sie lieber eine Frau als einen Mann wollen – auch Litke erwähnt das, „sie haben was Mütterliches und machen das milder“. Tatsächlich berichtet Manns-Düppers davon, wie sie selbst manchmal bei fremden Trauerfeiern den Tränen nah sei, „wenn diese Atmosphäre im Raum, die Musik so ergreifend ist, sind ganz viele Emotionen da“ – geweint habe sie freilich nie.

Und die eigene Trauerfeier, irgendwann einmal? Beate Manns-Düppers möchte auf einem Friedhof in der Stadt beerdigt werden, unter Bäumen, in einer Urne. Als Lieder wünscht sie sich das Instrumentalstück „Arrival“ von Abba und das Kirchenlied „Ich möcht’, dass einer mit mir geht“. Litke hat einen Ordner „Letztes“ in der Wohnung stehen: Darin ist verfügt, dass sein Körper der Universitätsklinik zur Verwertung gespendet wird. Für sich selbst will er keine große Feier.

Am Tag des Friedhofs, 18. September, hält Bernd Litke von 10.30 Uhr an einen heiter gehaltenen Vortrag zum „Knigge auf dem Friedhof“ in der Trauerhalle des Hauptfriedhofs, Eckenheimer Landstraße 194.

Quelle: F.A.Z.
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Von Matthias Alexander

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