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Veröffentlicht: 12.05.2017, 18:48 Uhr

Transsexualität „Das neue Leben ist lebenswert“

Wenn ein Mann sich entscheidet, als Frau weiterzuleben, bleibt oft eine Partnerin zurück, für die eine Welt zusammenbricht. Regina Schneider hat das erlebt. Sie will anderen Frauen helfen.

von , Frankfurt
© Helmut Fricke Ausblick mit Perspektive: Regina Schneider will Betroffenen vermitteln, dass ihr neues Leben viele schöne Seiten haben kann.

Regina Schneider ist 59 Jahre alt. Drei Söhne hat sie großgezogen, ein tolles Leben habe sie mit ihrer Familie geführt, sagt die Frau, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Und im Alter, da wollte sie mit ihrem Mann viel verreisen, nach Indien zum Beispiel wollte sie mit ihm fahren.

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Doch dazu wird es nicht kommen. Denn diesen Mann gibt es nicht mehr. Der Mensch, der Regina Schneiders Ehemann war, lebt zwar noch, und er lebt mit ihr zusammen. Das Paar ist auch noch verheiratet. Doch der Mann, den sie geheiratet hat, ist jetzt eine Frau. Und mit einer Ehefrau nach Indien zu fahren, das traut Schneider sich nicht. Doch das ist noch eines der kleineren Probleme, mit denen sie sich auf einmal konfrontiert sah, nachdem ihr Mann ihr nach 33 Ehejahren gesagt hatte, dass er eine Frau sei.

„Ich bin die ganzen Ehejahre hindurch belogen und betrogen worden“

Das war am 6. Mai 2015. Die Neunundfünfzigjährige erinnert sich sehr genau an jedes Datum, an dem ein weiterer Teil ihrer bisherigen „heilen Welt“ zusammengebrochen ist. Sie hat handbeschriebene DIN-A4-Seiten vor sich liegen; anhand der Notizen versucht sie, ihre Gedanken zu ordnen. Das ist, auch zwei Jahre nachdem ihr Mann gesagt hat, dass er transident sei, immer noch schwer. An jenem 6. Mai kam er von einer Dienstreise zurück und wirkte übermüdet. Es lag unter anderem daran, dass er schlecht abgeschminkt war.

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Schneider hatte davon nichts geahnt. „Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich bin die ganzen Ehejahre hindurch belogen und betrogen worden.“ Das war ihre Reaktion nach dem Gespräch. Mittlerweile weiß sie, dass das nicht stimmt und wie schwer es für die Betroffenen ist, im falschen Körper geboren zu sein. Doch viele Fragen ergeben sich eben auch für diejenigen, die mit einem Transmenschen zusammen sind und das bisher nicht wussten. Diesen Menschen will Schneider helfen und eine Selbsthilfegruppe gründen. Dafür sucht sie Interessenten, Frauen, die ähnliches erleben oder erlebt haben.

Nachdem das Geheimnis ausgesprochen war, änderte sich auch Schneiders Leben dramatisch. Ihr Mann, der sein Geheimnis eigentlich mit ins Grab nehmen wollte, dachte daran, sich umzubringen. Schneider, die zu dieser Zeit einige Tage verreisen musste, rang ihrem Mann das Versprechen ab, sich nicht das Leben zu nehmen. Danach begann das Paar, Schritt für Schritt in ein neues Leben zu gehen. Gemeinsam. „Ich stand ganz plötzlich und unerwartet vor dieser Tatsache, aber ich wusste in dem Augenblick, dass ich mit ihr zusammenbleiben will“, sagt Regina Schneider. Sie erzählte es ihrer Mutter, dann gemeinsam mit dem Ehepartner den Kindern, schließlich guten Freunden. Und irgendwann erzählten sie es auch beim Weihnachtsessen den gutbetuchten Bürgern aus den „besseren Kreisen“, wie Schneider sagt. In der Gesellschaft einer kleinen Stadt im Rhein-Main-Gebiet hatte sich das Paar jahrelang wohltätig engagiert, Schneiders Mann sollte irgendwann Präsident des Vereins werden. Nur vereinzelt seien die Reaktionen bei all diesen Gesprächen enttäuschend gewesen.

Kein Stein steht mehr auf dem anderen

Fürchterliche Rückschläge habe es aber immer wieder gegeben, etwa am 13. November 2015. Wieder so ein Tag, an den Schneider sich sehr genau erinnert. Am Abend dieses Tages suchten sie und ihre Söhne Bahngleise in der Umgebung ab. Später an diesem verregneten Abend sei ihr Mann dann doch nach Hause gekommen, durchnässt und völlig apathisch. Er hatte versucht, sich vor einen Zug zu werfen, blieb aber an einem Ast hängen. Die Suizidrate bei Transmenschen ist höher als die der restlichen Bevölkerung. Die Sorge um den eigenen Partner ist die eine Seite. Die Erfahrungen, dass das bisherige Leben komplett in sich zusammenfällt, sich Zukunftspläne in Luft auflösen und man mit jedem Schritt des Partners in die neue Identität den Verlust des bisherigen Lebens vor Augen geführt bekommt, sind weitere Aspekte, mit denen Partner von Transmenschen sich arrangieren müssen. Sofern sie bereit sind, die Partnerschaft beizubehalten.

„Das ganze Leben hat sich geändert, kein Stein steht mehr auf dem anderen“, sagt Schneider. Die Liste der Dinge, die sie aufzählt, um das zu verdeutlichen, könnte sie ewig fortsetzen. Da ist der neue Name. „Kann ich sie mit einem Frauennamen ansprechen, bringe ich das über mich?“ „Sie“ zu sagen, wenn sie über ihren ehemaligen Ehemann spricht, das schafft Schneider mittlerweile problemlos. Manchmal hilft ihr auch ein wenig schwarzer Humor. So gab sie ihrem Partner einen Frauennamen, den sie selbst nie mochte.

Und doch waren da immer wieder diese Augenblicke, die sehr schmerzhaft für sie waren: der Tag, an dem sie das erste Mal eine Bluse kauften, die Partnerin geschminkt wurde, Lippenstift, Bikini, die beginnende Hormonbehandlung – alles Augenblicke und Nackenschläge, die Schneider immer wieder vor Augen führten, dass das bisherige Leben vorbei ist und es keinen Weg zurück gibt. „Ich habe hinterher oft geweint, weil ich traurig war.“ An dem Tag, an dem der Gerichtsbeschluss kam, der die Personenstandsänderung erlaubte, nahm Schneider das Hemd, in dem sie ihren Mann so gerne gesehen hatte, und vergrub es im Garten. Die zwei Ärmel schnitt sie ab. „Vielleicht wollte ich eine Erinnerung behalten.“

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Sie selbst zog sich in der Zeit oft zurück. Und anstatt sich extrovertiert zu kleiden, wie sie es immer gerne getan hatte, zog sie „Gammeljeans“ an, wie sie sagt. „Ich habe nicht mehr den Wunsch gespürt, mich so zu kleiden. Für wen denn?“ Mittlerweile erlebt Regina Schneider auch andere, erfüllende Phasen. Sie gingen zum Beispiel gemeinsam shoppen, das mache Spaß. „Ich habe meine heile Welt verloren, aber das neue Leben ist lebenswert. Vieles ist fremd, aber ich bin glücklich, dass es diesen Menschen noch gibt“, sagt sie. Das wolle sie anderen Betroffenen vermitteln, darüber wolle sie mit ihnen reden. „Mein bisheriges Leben war toll, aber es ist vorbei. Jetzt bin ich manchmal traurig, dass wir das neue Leben nur so kurz gemeinsam haben werden.“

Betroffene Frauen können sich unter der Telefonnummer 55 94 44 und per E-Mail an service@selbsthilfe-frankfurt.net an die Gruppe wenden.

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