15.08.2009 · Gernhardt, Waechter, Poth, Traxler, Knorr - die fabelhaften fünf. Sie, die Gründer der „Titanic“, haben in Deutschland den Humor neu erfunden und Frankfurt zur Satirehauptstadt gemacht. Drei unterhalten mittlerweile den lieben Gott, wenn er sich langweilt. Pit Knorr aber ist 70 und munter.
Von Hans RiebsamenGernhardt, Waechter, Poth, Traxler, Knorr - die fabelhaften fünf. Sie, die Gründer der „Titanic“, haben in Deutschland den Humor neu erfunden und Frankfurt zur Satirehauptstadt gemacht. Robert Gernhardt, F. K. Waechter und Chlodwig Poth unterhalten mittlerweile den lieben Gott, wenn er sich langweilt. Hans Traxler, der Erfinder der Kohl-Birne, ruht sich mit seinen achtzig Jahren auf seinem Lorbeer aus. Pit Knorr dagegen ist recht munter, denn er, der 70 geworden ist, feiert heute seine Geburtstagsparty vor. Den unbedingten Wunsch, berühmt zu werden, wie ihn sein Freund und Autorenpartner Gernhardt hegte, hat Knorr nie verspürt. Trotzdem ist er berühmt geworden.
„Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.“ Der legendäre Zweizeiler zu einer Zeichnung Traxlers geht nicht auf das Konto Knorrs, sondern auf das von F. W. Bernstein. Niemand wird indes bestreiten, dass Knorr ein scharfer Kritiker und auch ein großer Elch ist. Mittlerweile kann er für sich Artenschutz beantragen, denn er gehört einer aussterbenden Rasse an. Er ist einer der letzten Großelche. Die Comedians aus Funk und Fernsehen reichen ihm mit ihren Geweihen allerhöchstens bis zur Schulter. Knorrs Witz hat nie wie der ihre zum Schenkelklopfen ermuntert, er war intellektuell geprägt und flitzte am liebsten um die Ecke.
Dank Otto eine gewisse Zeit lang fett verdient
Damals, als er mit der Satire anfing bei der „Pardon“ und Gernhardt, Bernd Eilert und die anderen Jungelche traf, hat er sich nicht vorstellen können, dass seine Art von Frechheit jemals von einem breiteren Publikum goutiert werden würde. Gernhardt, Eilert, Knorr waren lange das produktivste Kollektiv in der deutschen Spießerhölle, sie spießten die ordentlichen Rechthaber mit ihren Füllern und Zeichenstiften auf und grillten sie im Feuer ihrer Satire. Gernhardt war der Antreiber (“Schreib's auf!“), Eilert der Literat und Knorr der Volkstümliche, der die diversen Milieus aus eigener Anschauung kannte. Viermal die Woche haben sie sich um 11 Uhr getroffen und bis 17 Uhr durchgeackert. Satire fällt schließlich nicht vom Himmel. Wie produktiv sie waren, kann man daran ablesen, dass im Archiv des Hessischen Rundfunks allein an die 500 Sketche aus ihrer Feder aufgezeichnet sind.
Seine Finca in Mallorca hat Knorr, der mittlerweile Großvater ist, sich nur leisten können, weil er dank Otto eine gewisse Zeit lang fett verdient hat. Otto Waalkes und die drei Frankfurter Satiriker bildeten ein Erfolgsteam, ihr erstes Werk, „Das Buch Otto“, stand zehn Wochen lang auf dem ersten Platz der Bestseller-Liste. Gernhardt, Eilert und Knorr haben Otto die Gags geliefert für seine Otto-Filme, diese waren etwas derber als ihre üblichen Witze, aber doch nie primitiv.
Knorrs wohl größte Tat war die Gründung der „Titanic“ im Jahr 1979 und das Über-Wasser-Halten dieses Satireschlachtschiffs über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten. Er hat die anderen vier dazu überredet, mit jeweils 50 000 Mark - damals eine große Summe - in das Projekt einzusteigen in der Erwartung, dass das finanzielle Interesse an dem Blatt die Künstler zusammenhalten werde. In den vergangenen 30 Jahren ist die „Titanic“ mehrmals am großen Eisberg vorbeigeschrammt. Finanziell eng ging's immer zu, auch haben die Verleger gewechselt, doch das Magazin ist bisher kein einziges Mal zu spät am Kiosk erschienen. Dafür hat nicht zuletzt Knorr gesorgt, der, weil er ein gewisses organisatorisches Talent besaß, immer die Rolle des Retters spielen musste. Mittlerweile hat er die Anteile der Gründer an eine junge Generation von Satire-Journalisten übertragen.
Er muss nicht mehr satirisch dichten
Um die „Titanic“ herum hat sich ein ganzes Netzwerk von Satirikern und Karikaturisten gebildet, die Zeitschrift zieht seit Jahrzehnten Talente aus der ganzen Republik an. Ohne sie würde es wohl keine Neue Frankfurter Schule, wie die Gruppe der Altsatiriker um Gernhardt und Knorr irgendwann einmal genannt wurde, geben. Und natürlich auch kein Caricatura-Museum, dessen wichtigster Schatz Arbeiten der Frankfurter Satiriker-Schule sind. Wer es im komischen Fach zu etwas bringen will, muss immer noch in die Mainmetropole gehen. Knorr hat viele Talente unter seine Fittiche genommen, die F.A.Z-Karikaturisten Greser und Lenz etwa verdanken ihm einiges.
Jetzt, mit seinen 70 Jahren, kann Knorr die Früchte seiner Schaffens im Dienste des Volkshumors ernten. Er muss nicht mehr satirisch dichten, er kann aber noch - wenn ihm nicht eher danach ist, mit ein paar Freunden seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Boule-Spiel, nachzugehen.