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Tigerpalast Wetterauer Zwillinge am Trapez

02.04.2010 ·  Von der Bad Nauheimer Waldorfschule auf die Tigerpalast-Bühne und in den internationalen Artistenhimmel: Die Landarzt-Töchter Julia und Ele Janke haben Karriere gemacht.

Von Hans Riebsamen
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„Wir werden Artisten.“ Entstammten Julia und Ele Janke einer Zirkusfamilie, die Eltern wären wohl begeistert gewesen über einen solchen Entschluss. Doch die Zwillinge wurden in die bürgerliche Familie eines Landarztes in Bingenheim in der Wetterau hineingeboren. In solchen Kreisen gilt die Arbeit in der Manege oder auf einer Varieté-Bühne nicht gerade als das höchste aller erstrebenswerten Berufsziele. Die Eltern Janke haben indes den Entschluss der beiden Töchter akzeptiert, den sie mit gerade einmal 16 Jahren gefällt hatten.

Es ist, im Nachhinein betrachtet, eine gute Entscheidung gewesen. Elja, wie Ele und Julia ihr Trapez-Duo nennen, hat vor zwei Jahren das Nachwuchsfestival „European Youth Circus“ in Wiesbaden gewonnen und begeistert seit einigen Wochen mit seiner gewagten Nummer das Publikum im Frankfurter Varieté Tigerpalast. Die Zwillinge stehen mit ihren 26 Jahren vermutlich vor einer Weltkarriere – was deutschen Artisten sonst im allerseltensten Fall gelingt. Von der Waldorfschule auf die Bretter der großen Varieté-Bühnen und die Manegen der bekannten Zirkusse – das ist eine eher kuriose Erfolgsgeschichte.

Der Weg hätte auch in einer Sackgasse enden können

Hätten die Zwillinge damals in Bad Nauheim nur den Anthroposophen-Sport Eurythmie betrieben, es wären aus ihnen vielleicht tüchtige Erzieherinnen oder Heilpraktikerinnen geworden. Doch zum Glück gab es an der Schule eine frühere Artistin, die Schülern ein Trapez-Training anbot. Als Turnhalle diente das Treppenhaus, wo das Trapez herunterbaumelte und das spätere Elja-Duo seine ersten Klimmzüge übte.

Der ersehnte Weg der Schwestern in den Artistenhimmel hätte freilich leicht in einer Sackgasse enden können. Denn die Zwillinge aus der Wetterau haben nicht wie andere Körperkünstler mit dem Artistentraining in frühester Jugend begonnen, sondern erst richtig mit 18 Jahren auf der staatlichen Artistenschule in Berlin – also eigentlich ein Jahrzehnt zu spät. Und dann wäre ihre Karriere auch noch am dritten Tag, nachdem sie endlich mit öffentlichen Aufritten begonnen hatte, fast schon wieder beendet gewesen. „Hurra, ein Vertrag“, hatten Julia und Ele damals gejubelt, als sie in Bamberg ihr erstes Engagement antraten. Bei der dritten Vorstellung brach sich Ele den Fuß. „Das war’s“, dachten die beiden Möchtegern-Stars – und gingen dann doch bald darauf wieder aufs Trapez. Ele übernahm den Part der Fängerin, da störte der Gips nicht so stark.

Viel Krafttraining

Doch der Unfall hatte auch seine guten Seiten. Während jenes eher missglückten Engagements entschlossen sich die von der Berliner Schule als staatlich geprüfte Artisten entlassenen jungen Frauen, noch einmal in die Lehre zu gehen – und zwar beim besten Lehrer der Welt.

Nicht dass ihre Ausbilder an der Zirkusschule in Berlin, die sich als Relikt der untergegangenen DDR über die Wendezeit hinweg ins vereinte Deutschland hatte retten können, schlecht gewesen wären. Sie waren sogar für die Janke-Schwestern anfangs die bestmöglichen gewesen, denn sie boten das, was Julia und Ele als 19 Jahre alte Späteinsteiger am dringendsten brauchten: ein reines Krafttraining. Nach dem erwähnten Beschluss mit 16 Jahren, Artistinnen zu werden, hatten die Zwillinge nämlich zur Freude ihrer Eltern erst noch Abitur gemacht. Zwischen ihrer schriftlichen und mündlichen Prüfung in Bad Nauheim absolvierten sie in Berlin die Aufnahmeprüfung für die Artistenschule. Jede Menge Klimmzüge und ein paar Übungen am Trapez – schon waren aus den beiden Abiturientinnen zwei Artistik-Schülerinnen geworden.

Hart und teuer

Klimmzüge blieben ihr Los während der nächsten zwei Jahre. Und Liegestütze. Denn in der Artistenschule wurde der alte DDR-Drill weiter praktiziert. Für jede Minute, die ein Schüler zu spät ins Training kam, musste er zehn Liegestütze stemmen. „Seither bin ich pünktlich“, sagt Julia. Technik und Kraft, sie wurden gebimst an der Artistenschule. Für die künstlerische Seite der Artistik interessierte sich dagegen niemand. Was vermutlich der Grund dafür ist, dass aus der Berliner Schule kaum ein Weltstar kommt.

Julia und Ele Janke jedenfalls merkten bald, dass ihnen nach ihrem Examen zum Star-Duo noch einiges fehlte. Deshalb sind sie nach Kanada gefahren zu dem ihrer Meinung nach besten Trapez-Trainer der Welt, zu Viktor Fomine, einem Russen, der in Montreal ein Studio betreibt. Es war ein hartes Training, dem sie sich dort unterziehen mussten. Und ein teures. Immer wieder, wenn die Zwillinge etwas Geld verdient hatten, flogen sie zu Fomine und nahmen Stunden.

Privat versucht jede, möglichst ihr eigenes Ding zu machen

Dieser Meister brachte ihnen eine ganz neue Technik bei. Eine Technik, die es ihnen erlaubte, ihren Zwillings-Nachteil auszugleichen. Denn normalerweise besteht ein Trapez-Duo aus einem großen, kräftigen Mann und einer eher kleinen Frau. Julia und Ele, die drei Minuten jünger ist als ihre Schwester, sind dagegen gleich groß und gleich schwer. Das erschwert ihnen die Trapez-Arbeit, denn es gibt keinen Fänger, der alles mit Kraft macht. Das Duo Elja muss vor allem mit einer äußerst genau abgestimmten Technik arbeiten. Bei ihrer Nummer übernimmt mal die eine, mal die andere den Part des Fängers beziehungsweise des Fliegers.

Als Artisten-Duo sind die Schwestern in eine Halbehe eingebunden. Privat versucht jede, möglichst ihr eigenes Ding zu machen. Ihr Ehrgeiz richtet sich indes auf dasselbe Ziel: einmal in Paris oder Monte Carlo eine Goldmedaille bei einem Festival zu gewinnen.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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