01.09.2010 · Bei der Saisonpremiere im Tigerpalast hat mancher Stadtgewaltige mit Alpha-Gen eine Lektion fürs Leben und die weitere Karriere gelernt.
Von Hans Riebsamen, FrankfurtDas wird nichts mit den Frankfurter Sozialdemokraten – allen Umfragen und allem Reden von der stärksten Partei nach der Kommunalwahl zum Trotz. Gehofft haben ihre Anführer wahrscheinlich. Aber sie waren dann doch nicht geladen zur Saison-Premiere des Tigerpalastes.
Gastgeber Johnny Klinke ist nämlich Sozialdarwinist, und zwar ein viel besserer als der Möchtegern-Darwin von der Bundesbank. Für den Varieté-Direktor gilt das Gesetz des „Survival of the Fittest“ – zumindest bei der politischen Zusammensetzung der Gästeliste. Und zu den Fittesten zählen die Sozis derzeit einfach nicht. Deshalb hält sich Klinke bei seiner Einladungspolitik an die alte Indianerweisheit: Nur ein a. D.-Sozialdemokrat ist ein guter Sozialdemokrat. Also zum Beispiel Alt-Oberbürgermeister Andreas von Schoeler oder der einstige Planungsdezernent Martin Wentz.
Immer den Schein wahren
Der Königstiger vom Tigerpalast hat das Frankfurt-Gen. Ein gutes Gen, das eine gewisse Grundschlauheit garantiert und zuweilen sogar Klugheit und Weisheit evoziert. Es befähigt Klinke, Menschen mit dem Alpha-Gen frühzeitig zu erkennen. Ob jeder dieser seltenen Spezies es am Ende zum Alpha-Tier schafft, lässt sich natürlich nur erahnen. Frankfurts neuer höchster Katholik, der Stadtdekan Johannes zu Eltz, muss erst mal beweisen, dass er ein „Reformator“ ist. Zumindest in Zölibatsfragen hat Klinke ihm Hilfe angeboten. Zu den Hoffnungsträgern zählt auch Boris Rhein, seit Dienstag CDU-Innenminister. Fünf Stunden nach seiner Vereidigung im Landtag durfte er auf der Tigerpalast-Regierungsbank Platz nehmen. Den Ehrensitz hat Rhein, galanter Ehemann, der er ist, seiner schwangeren Gattin Tanja überlassen und sich mit einem Stuhl begnügt. Und da er ja auch noch in Frankfurt was werden möchte, nämlich Oberbürgermeister, hat der neue Minister sich im Lauf des Abends unter das Volk gemischt.
Auch er habe mit 38 Jahren angefangen, etwas Vernünftiges zu machen, ließ der Varieté-Direktor Rhein wissen. Dieser hat seit dem Premierenabend nun die besten Voraussetzungen, ein Alpha-Politiker zu werden. Denn Rhein durfte im Schnellkurs bei dem Katastrophenmagier Otto Wessely die wichtigste Politik-Lektion lernen, die da lautet: immer den Schein wahren. Dem schrägen Wiener Zauberer misslingt alles, was er anpackt: Seinem Zaubertisch fallen die Beine ab, seine Kaninchen purzeln durch den Zylinder, und seine Tauben lassen ihre Federn. Wessely Kunst besteht darin, das Scheitern meisterhaft zu beherrschen.
Die Frankfurter Queen war leider nicht da
Diese Kunst hat Rhein natürlich auch schon als Staatssekretär in der Landesregierung studieren können, die zum Beispiel das bürgerliche Ideal der Sparsamkeit immer hochgehalten und dennoch regelmäßig rekordverdächtige Schuldenhaushalte produziert hat. Aber man hört als junger Karrieremann den Vätern und großen Schwestern ja nicht gerne zu. Da ist es besser, wenn man mal ins richtige Leben schaut, also in die Welt der Varieté-Kunst, wo das Lektionenlernen Freude macht. Es würde einen nicht wundern, wenn der Minister jetzt den gestandenen Otto Wessely und seine Christa als Katastrophenberater engagieren würde.
Schade für die Queen, dass sie dieses Mal nicht zur Premiere kommen konnte. Gemeint ist nicht die englische, sondern natürlich die Frankfurter Queen, Frau Oberbürgermeisterin Petra Roth von der CDU. Sie musste im Römer den Konsuln und Honorarkonsuln die Hand drücken, anstatt sich im Tigerpalast bei Liliane Montevecci Trost für ihren weiteren Lebensweg zu holen. Die Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin, die unter anderen mit Elvis Presley vor der Kamera stand, ist der lebende Beweis dafür, dass es ein Leben und eine Bühne nach 65 gibt. Petra Roth hat freilich noch bis zum 31. Oktober Zeit, sich bei dem französischen Weltstar den Trick abzugucken, wie man auch nach dem offiziellen Eintritt ins Rentenalter die Bühne beherrscht.
Noch keine FDP
Abends um sieben ist die Welt noch in Ordnung – zumindest im Tigerpalast. Da kommen Künstler wie das wunderbare Akrobatik-Duo You & Me aus der Ukraine oder der Handstand-Künstler Alexander Veligosha in schwierigster Position nicht ins Wanken. Interessiert hat der CDU-Sportdezernent Markus Frank zu dem russischen Artisten aufgeblickt und sich vermutlich gefragt, ob er im Balanceakt um die Zweitliga-Aufbesserung des FSV-Stadions genauso fest seinen Mann stehen kann wie der Equilibrist aus Moskau.
Wär’s doch im Römer wie im Varieté an der Heiligkreuzgasse, mag der grüne Verkehrsdezernent Lutz Sikorski heimlich gedacht haben. Hier gibt es noch keine FDP, die auf die Regierungsbank drängt, hier beherrschten die schwarzen Stadträte mit Daniela Birkenfeld und Felix Semmelroth sowie die grünen mit Lutz Sikorski und Jutta Ebeling noch allein das politische Spielfeld. Könnten wir doch zur alten Turtelei der Frischverliebten zurückfinden, werden die Damen und Herren Dezernenten beim Anblick des Duos Madrona gedacht haben. So innig und doch so temperamentvoll wie beim amerikanischen Trapezpaar geht es im Römer längst nicht mehr zu.
Die Eintracht ist noch nicht verloren
Die wichtigsten Entscheidungen werden jetzt ohnehin im Tigerpalast gefällt. Klinke hat, ohne die Oberbürgermeisterin zu fragen, Goethes Stellvertreter auf Erden, Hilmar Hoffmann, zum „wahren Ehrenbürger“ der Stadt ernannt. Nicht nur des Kulturpapstes Begleiterin, die Hotelkönigin Anne-Marie Steigenberger, sondern auch der frühere Flughafenchef Wilhelm Bender, der einstige Messechef Michael von Zitzewitz und der im Vaterglück schwelgende Ex-Verleger mit großem Immobilien-Portfolio, Bernd Lunkewitz, haben diesen halbhoheitlichen Akt mit Applaus begrüßt.
Die Zukunft aber liegt in der Wissenschaft. Da schafft sich Deutschland nicht ab, zumindest nicht, wenn man nach Darmstadt schaut, wo GSI-Geschäftsführer Horst Stöcker über den Bau eines neuen, sündhaft teuren Teilchenbeschleuniger wacht. Im Tigerpalast schlug der Physiker unter Mithilfe des Bauchredners George Schlick auf einmal ungewöhnlich hohe Töne an. Hoffentlich können Stöcker, Universitätspräsident Werner Müller-Esterl und die anderen Frankfurter Leistungsträger so gut mit ihren vielen Pflichten und Verantwortungen jonglieren wie der Argentinier Paul Ponce mit seinen Keulen.
Bei dem Tempojongleur, der auch mit dem Fußball meisterlich umgeht, sollten die auf Platz 17 ruhenden Eintracht-Kicker unbedingt einmal eine Trainingsstunde nehmen. Denn noch ist die Eintracht nicht verloren, wie deren Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen von Klinke erfahren hat. Der Verein stehe ja nur drei Punkte hinter Bayern München. Wenn das am Ende der Saison immer noch so sei, könnten alle zufrieden sein.