"Hast du schon gewählt?" ruft Laura einem vorbeikommenden Jungen mit selbstbewußter Stimme zu. Die fünfzehnjährige Schülerin sitzt an einem Tisch in der Pausenhalle der Liebigschule, die Hände auf einen Stapel mit kopierten Wahlzetteln gelegt. Der Junge zuckt zusammen und steuert pflichtbewußt auf den improvisierten Wahlstand zu - offensichtlich hat sie den Richtigen erwischt.
An der Liebigschule ist die Bundestagswahl schon entschieden. Am Mittwoch wählten die Klassen neun bis dreizehn das höchste Parlament in Deutschland - so, wie sie es gerne hätten, denn natürlich ist die Wahl nicht real. "Wir hätten nicht erwartet, daß die Jugendlichen so engagiert sind", berichtet Herbert Kramm-Abendroth, Lehrer der Klasse 10b, die die Wahl organisiert hat. Die Wahlbeteiligung liege bei etwa 73 Prozent - eine bemerkenswerte Zahl.
Nur die dreizehnte Jahrgangsstufe konnte sich nicht so recht für den Gang zur Wahlurne erwärmen. "Das liegt daran, daß die Dreizehner zu faul sind, um vom Oberstufenhof hinüber in die Pausenhalle zu kommen - mit Politikverdrossenheit hat das nichts zu tun", beteuert Schulsprecher Tim Schröder. Am Sonntag würden sie definitiv zur Wahl gehen. "Das Thema Bundestagswahlen zieht sich durch viele Fachbereiche", sagt Schulleiter Werner Kexel stolz. Im Mathematik-Unterricht rede man über die Berechnung der Sitze im Parlament, im Geschichtsunterricht über die Entstehung der Fünf-Prozent-Hürde. "Das motiviert Schüler zum Weiterfragen", sagt Kexel.
Auch Laura, Souad, Sandra und Tuba aus der Klasse 10b interessieren sich mittlerweile stärker für Politik. Gerade haben die vier Mädchen ihren Dienst an der Wahlurne angetreten. Auf die Frage, welche Themen in der Bundespolitik denn für sie am wichtigsten seien, nennen die jungen Wahlhelferinnen ganz abgeklärt die Steuerpolitik, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt die Ausländerpolitik - schließlich liegt der Anteil der Schüler an ihrer Schule, die keinen deutschen Paß haben, bei etwa einem Viertel. Wenn sie dürften, würden die vier Fünfzehnjährigen am Sonntag "auf jeden Fall" wählen gehen.
Daß die meisten Schüler der Liebigschule noch nicht stimmberechtigt sind, dürfte indes so manchen Politiker beruhigen: So landete die CDU bei der Auszählung der Stimmen gerade mal bei 14 Prozent - weit abgeschlagen hinter den Grünen und der SPD, die zusammen ohne Probleme eine absolute Mehrheit auf sich vereinigten. (amöl.)

