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Terminus-Klause : Eins trinkst du doch noch

Am Bierschwenker: Wirt Mario Ivanow in der Terminus-Klause im Frankfurter Bahnhofsviertel. Bild: Grapatin, Niklas

Die Terminus-Klause im Frankfurter Bahnhofsviertel ist Kult. Jetzt wurde dem Wirt der Mietvertrag gekündigt. Für viele Gäste ein klarer Fall von Immobilienspekulation. So einfach ist es aber nicht.

          Der Bierschwenker ist das eine, das andere ist die Luft. Wo kommt das Bier denn heute noch im Schwenker, dicker Bauch und langer Stiel, sogar dann, wenn es ein Pils ist? Mario Ivanow stellt den Schwenker hin, um den Stiel ein Pilsdeckchen, und malt auf den Deckelrand: ein Strich das kleine Bier, ein Kreuz das große, und selbst, wenn der Rand voll ist, wird der Gast nicht arm.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dann die Luft. Der Rauch steht wie eine Wand in der Terminus-Klause, Freitag Nacht, Samstag Nacht, wenn der Laden voll ist. Mario Ivanow kommt dann oft, um die Aschenbecher auszuleeren. Bei der Gelegenheit und bei jeder anderen nimmt er die Schwenker mit, sobald darin nur noch eine Pfütze steht, und er sieht grimmig aus, wenn er fragt oder später in der Nacht nur noch so guckt: Eins trinkst du doch noch.

          Aber Mario Ivanow liebt seine Gäste, wie er sagt, es ist nur viel zu tun am Wochenende, deshalb der Blick, eher konzentriert als grimmig, und die Gäste, die lieben Mario Ivanow zurück, so wie sie das lieben, was anders ist an der Terminus-Klause. Das sind die Bierschwenker und die Luft, die Tischdecken und die Spitzengardinen, der Pistazienspender, in den erstaunlicherweise Euromünzen passen. Sie lieben auch, dass anno 2015 draußen an der Scheibe geworben wird: „vollklimatisiert“.

          Vor zwei, drei Jahren wurde die Klause zum Kult

          Was sie lieben, ist bedroht. Das sagen die Gäste selbst, und das sagt Hüseyin Taskin, Chef von Mario Ivanow und Chef der Terminus-Klause. „Ich habe das Lokal hochgebracht, und jetzt will er mir das Brot aus meiner Hand nehmen.“ Er, das ist Harry Schnabel, und er ist, so gehört sich das in solchen Geschichten, Immobilienbesitzer. Schnabel hat den Mietvertrag mit Taskin zum 30. Juni gekündigt. Die Stammgäste sammeln Unterschriften für den Erhalt der Klause, rund 1000 haben sie schon, und sie nennen Harry Schnabel einen Spekulanten. Aber ganz so einfach ist es nicht.

          Bis vor zwei, drei Jahren war die Terminus-Klause ein gewöhnlicher Laden im Bahnhofsviertel, Moselstraße14. Hüseyin Taskin besitzt ihn seit 1994, verdiente damit aber lange kaum Geld, sein Bruder half ihm oft aus. Dann liefen ein paar Städelschüler über den Holbeinsteg, der genau dafür einmal gebaut worden ist, nämlich um die Welten diesseits und jenseits des Flusses zu verbinden.

          Sie tranken Bier in der Terminus-Klause, kamen wieder, und mit ihnen kamen Schauspieler, Banker, Journalisten, Künstler, und – das ist das Schöne – immer noch die Gescheiterten, die schon vorher da waren. Es entstand eine Mischung, die es sonst nirgendwo gibt in der Stadt, etwas, das gleichzeitig Gentrifizierung und das Gegenteil davon ist, gleichzeitig Rauch von Selbstgedrehten und Duft von Schnitzel mit Spiegelei.

          Ist der Laden erst mal „hip“, wollen einige nicht mehr kommen

          Heute ist die Terminus-Klause so „in“, dass der „Rolling Stone“ über sie schreibt, Krimis im Gastraum gedreht werden und dort neulich eine Modefotografin aus New York gearbeitet hat. Hüseyin Taskin verdient jetzt Geld. Die Studenten können bei ihm anschreiben, sagt er, und wenn es für die Miete einmal nicht reicht, leiht er ihnen hundert Euro. Es gibt Leute, die finden, man könne eigentlich nicht mehr in die Klause gehen, jetzt, wo sie so „in“ ist. Sie kommen aber trotzdem alle immer noch. Es gehört zu der Einzigartigkeit der Terminus-Klause, dass die, die den Laden erst „hip“ gemacht haben, ihn nun vor der totalen Hipness schützen wollen.

          Denn, und das ist das befürchtete Szenario: Ein Neffe von Hausbesitzer Harry Schnabel will, vielleicht, irgendwann, eine eigene Kneipe im Bahnhofsviertel aufmachen. Ein zweites „Maxie Eisen“ möglicherweise, oder noch einen Ort, an dem statt Bier aus dem Schwenker Moscow Mule mit aus natürlichem Quellwasser gebrautem Ingwerbier gereicht wird. Schnabel beruhigt: Es stimme zwar, an ein eigenes Lokal sei gedacht worden, aber konkret sei überhaupt nichts geplant.

          Vermieter will kürzere Vertragslaufzeit

          Hätte Schnabel den Vertrag mit Taskin nicht gekündigt, dann hätte er sich automatisch verlängert. Schnabel hat einen neuen Vertrag angeboten: gleicher Mietpreis, aber mit einer Kündigungsfrist von nur drei Monaten. „Wie soll ich so ein Gewerbe führen?“, fragt Taskin. Er will nicht unterschreiben, ist aber bereit, mehr Miete zu zahlen. „Wie soll ich einen langfristigen Mietvertrag geben, wenn ich nicht weiß, was wird?“, fragt Schnabel. Er sagt, dass in dem Haus irgendwann die Steigleitungen neu gemacht werden müssen, dass er dann die Sicherheit haben will, an die Räume heranzukommen.

          Er hat das Haus, unten Klause, oben Büros, vor zweieinhalb Jahren gekauft. Mit Taskin schloss er, wie er sagt, den ersten langfristigen Vertrag seit beinahe 20 Jahren. Der Wirt behauptet das Gegenteil; die Vorbesitzerin des Gebäudes behauptet, sie habe es nie besessen.

          Wahr ist vielleicht nur das Gefühl von Taskin, noch nie gekündigt worden zu sein – und dass das jetzt das Ende seiner Existenz sein könnte. Harry Schnabel sagt, die Verunsicherung könne er verstehen. Aber nichts an seinen Plänen, ob Lokal oder Renovierung, sei verwerflich. Und, wie gesagt: nichts konkret. „Herr Taskin ficht eine Art Klassenkampf aus und spielt dabei den Trumpf, dass er eine Kultkneipe betreibt.“

          Die Stammgäste der Klause haben ein Schild in die Tür gehängt. „Je suis Terminus-Klause“ steht darauf, ein inzwischen ikonisch gewordener Satz für die größtmögliche Solidarität. Sie reden über Demonstrationszüge, von der Moselstraße zum Büro von Harry Schnabel an der Kaiserstraße vielleicht, über Anwälte und noch mehr Unterschriften. Für die wird auch in Berlin und im Ruhrgebiet geworben.

          Für Anfang Mai ist ein weiteres Gespräch zwischen Taskin und Schnabel geplant. Der Hausbesitzer wünscht sich, dass Taskin schon früher unterschreibt und erst einmal alles beim Alten bleibt. Taskin sagt, dass das dann das Ende wäre. Im September schon, wenn die ersten drei Monate des neuen Vertrages vorbei wären, müsste er dann raus, so hat er Schnabel verstanden.

          Mario Ivanow, der nachts den Füllstand der Bierschwenker in der Terminus-Klause überwacht, sagt, er versteht von all dem nichts. Er fragt, ob das denn, für den Fall der Fälle, etwas nützen würde, die vielen Unterschriften und die ganzen Zeitungsartikel. Er schweigt, gibt sich die Antwort selbst und sagt schließlich: „Dann suchen wir eine neue Terminus-Klause.“

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