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Minderjährige Flüchtlinge : Teenager mit Vollbart und tiefer Stimme

Wie alt sind Flüchtlinge wirklich? Das Frankfurter Jugendamt bezweifelt, dass Medizintests wie Röntgen zuverlässig sind Bild: dpa

Wie alt sind Flüchtlinge wirklich? Das Frankfurter Jugendamt bezweifelt, dass Medizintests zuverlässig sind.

          Die Fälle ähneln sich: In Kandel hat ein angeblich 15 Jahre alter Afghane Ende Dezember seine Ex-Freundin erstochen. Wenige Tage zuvor war in Darmstadt ein angeblich 16 Jahre alter Afghane mit dem Messer auf seine ehemalige Freundin losgegangen. Die junge Frau überlebte schwerverletzt.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bei beiden mutmaßlichen Tätern handelt es sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Und in beiden Fällen bestehen Zweifel an ihrer Minderjährigkeit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war das Frankfurter Jugendamt für die Altersprüfung der jungen Afghanen zuständig. „Für den Fall in Kandel kann ich das bestätigen. Im Falle des mutmaßlichen Täters aus Darmstadt liegt uns der Name noch nicht vor“, sagt Inge Büttner, Fachbereichsleiterin des Jugend- und Sozialamtes Frankfurt.

          Verfahren der „qualifizierten Inaugenscheinnahme“

          Sie geht davon aus, dass auch dieser junge Mann das sogenannte Altersfeststellungsverfahren in Frankfurt durchlaufen hat. Das Verfahren der „qualifizierten Inaugenscheinnahme“, das einem bundesweit geregelten Ablauf folgt, sei professionell ausgearbeitet, ihre Mitarbeiter seien zu jeder Zeit gewissenhaft vorgegangen, stellt sich Büttner vor ihre Kollegen.

          Bild: F.A.Z.

          3208 junge Flüchtlinge gaben in den vergangenen drei Jahren vor dem Jugendamt Frankfurt an, minderjährig zu sein. 968, also knapp ein Drittel von ihnen, wurden nach einer intensiven Überprüfung als volljährig eingestuft. Eine aufwendige Befragung sei notwendig, weil viele Flüchtlinge ohne Papiere einreisten würden, erklärt Büttner. Die Mitarbeiter des Jugendamtes würden dann anhand gezielter Fragestellungen versuchen einzugrenzen, ob das angegebene Alter mit den Angaben übereinstimmen kann. Zwei Sozialpädagogen, unterstützt durch einen Dolmetscher, stellen den Jugendlichen Fragen zu ihrer Biographie, ihrer Familie, dem Fluchtweg und ihrem Bildungsstand.

          „Wir wollen uns ein genaues Bild der Lebensumstände der jungen Menschen machen.“ In einem zweiten Schritt gehe es darum, das äußere Erscheinungsbild der Flüchtlinge zu bewerten. Etwa Stimmlage, Bartwuchs und Körperbau. „Die jungen Menschen waren oft monatelang unterwegs – sie mussten körperliche Entbehrungen hinnehmen“, sagt sie. Viele habe die Flucht gezeichnet.

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          Ihr Erscheinungsbild und Auftreten lasse sie oft älter wirken. Inge Büttner räumt ein, dass die Sozialarbeiter auch nach gezieltem Nachhaken nicht immer zu einem eindeutigen Ergebnis kämen. In diesem Fall werde ein dritter Gutachter hinzugerufen. Wenn selbst dieser keine eindeutige Einschätzung abgeben könne, werde im Zweifelsfall eher für eine Minderjährigkeit und somit auf die vorläufige Inobhutnahme durch das Jugendamt entschieden. Später werden die jungen Flüchtlinge nach einer bestimmten Quote bundesweit verteilt.

          Wirklich minderjährig?

          In Kandel und Darmstadt wird nun die Frage laut, ob die mutmaßlichen Täter wirklich minderjährig sind. Derzeit würden sie nach dem Jugendrecht verurteilt, das kürzere Gefängnisstrafen vorsieht. „Es wäre fatal, wenn ein Minderjähriger nicht die Unterstützung bekommt, die er bekommen müsste“, sagt Büttner.

          Die Forderung der FDP-Landtagsfraktion, durch medizinische Untersuchungen das Alter im Zweifelsfall näher einzugrenzen, lehnt sie ab. „Das genaue Alter kann man weder mit der Befragung feststellen noch mit einer medizinischen Untersuchung.“ Es komme auch bei der medizinischen Untersuchung zu Abweichungen von bis zu drei Jahren. Lediglich in zwei der über dreitausend Altersüberprüfungen, die das Jugendamt in den vergangenen drei Jahren durchgeführt hat, sei eine medizinische Untersuchung der Flüchtlinge erfolgt. Dieser körperliche Eingriff könne nur vorgenommen werden, wenn die Betroffenen ihre Zustimmung gäben.

          Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, René Gottschalk, wird noch deutlicher. „Das medizinische Verfahren ist ungenau. Aber die Politik fragt uns ja nicht“, sagt er. Bei der medizinischen Untersuchung werde unter anderem eine Röntgenaufnahme des Handwurzelknochens gemacht. Ist die Handskelettentwicklung abgeschlossen, kann dies ein Hinweis sein, dass die Person älter als 18 Jahre ist. Gottschalk verweist auf die Medizinethik. Wenn Kinder und Jugendliche geröntgt werden, brauche es einen triftigen medizinischen Grund, sagt er. Die Strahlen könnten besonders für Heranwachsende gefährlich sein.

          Eine zweite Röntgen- oder CT-Untersuchung des Schlüsselbeins sei zudem notwendig, wenn auch die Aufnahmen der Handwurzelknochen kein eindeutiges Ergebnis lieferten. „Wenn man ohne Not ein Kind röntgt, nur um das Alter zu bestimmen, dann ist das meines Erachtens nach ein Kunstfehler“, sagt Gottschalk.

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