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Technisches Rathaus in Frankfurt : Nackt bis auf den Beton

Zu den Dingen, die nicht wiederverwendet werden, gehören auch die Kloschüsseln. Bild: Helmut Fricke

Vom Technischen Rathaus ist nur noch der Rohbau übrig. Nach der Entkernung beginnt im April der „Filigranabbruch“: Kleine Bagger knabbern sich vom Dach nach unten durch.

          Im Foyer geben Xavier Naidoo und Justin Timberlake den Bauarbeitern den Takt vor. Der Schall aus den Boxen eines Radios trägt weit, es gibt kaum noch Hindernisse, an denen er sich brechen kann. Das Stadtmodell ist verschwunden, die Pförtnerloge abgeräumt. Vor den Türen türmen sich die letzten Zeugnisse von 35 Jahren Verwaltungshandeln: alte Computer, Kloschüsseln und Neonleuchten. Ein Vierteljahr nach dem Umzug der Ämter an die Kurt-Schumacher-Straße ist das Technische Rathaus innen nackt bis auf den Beton.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor dem Abriss steht der Aufbau. An der Braubachstraße füllen Bauarbeiter mit flüssigem Beton das Fundament eines Krans. Der Riese wird kleine Bagger auf das Dach hieven, die von April an die Betontürme schichtweise abtragen. Rund um das Technische Rathaus ist es derart eng, dass die Abbruchunternehmen nicht einfach mit der Abrissbirne vorfahren können. „Sprengen in der Innenstadt geht schon gar nicht“, sagt Andreas Brack von der Trumpfheller GmbH, der den Abbruch koordiniert.

          Blaue Flecken für eine ganze Beamtengeneration

          Man muss sich das Technische Rathaus wie eine mehrstöckige Torte vorstellen. Kleine Bagger knabbern sich mit ihren Schaufeln von oben bis unten durch. Die Schuttberge werden sofort abtransportiert. Damit die Straßenbahn ihren Betrieb nicht einstellen muss, können sich nur zwölf bis 15 Lastwagen am Tag den Weg zur Baustelle bahnen. „Filigranabbruch“ nennen das die Fachleute. Im November soll er beendet sein.

          Der Fahrstuhl im „roten“ der vier nach ihrer Wandfarbe benannten Betontürme schaukelt noch wie früher. Die Tür, an der sich eine ganze Beamtengeneration blaue Flecken geholt hat, schließt rasant. Die Schalttafel weist stoisch den Weg zur „Bebauungsplan-Auskunft“ im 10. Stock, die übrigen Etiketten sind schon verschwunden. Hoch oben, wo der Planungsamtsleiter die Stadt im Blick hatte, ist nur noch sichtbar, was das Gebäude im Innersten zusammenhält: Stahl und sehr viel Beton. Abgehängte Decken, Kabel, Bodenbelag, Leichtbauwände und Heizungen sind draußen.

          Am Zaun rütteln

          Vor dem Gebäude sind die Lastwagen der Firma Asbestos schon vorgefahren. Die Belastung mit Schadstoffen hält sich aber in Grenzen. Vor allem Glaswolle, die in den siebziger Jahren zum Dämmen verwendet wurde, landet auf der Deponie. Das meiste Material kann wiederverwendet werden. Die Kupferdrähte werden geschält, der Stahl wird eingeschmolzen.

          35 Jahre lang haben die Mitarbeiter der Stadtverwaltung im Technischen Rathaus Akten gewälzt. Einige werden beim Blick auf das langsam verschwindende Gebäude sentimental. „Es kommt schon mal vor, dass jemand am Zaun rüttelt“, sagt Brack. In die Sitzungssäle sind längst die Bauarbeiter eingezogen.

          Der Volksmund ist gnadenlos

          Henning Wöhlke ist ein norddeutscher Charakter: sparsam mit den Worten und nüchtern in der Analyse. Die Bausubstanz sei robust, sagt der Bauleiter des Unternehmens Bilfinger Berger, das sich um die größten Abschnitte des Abbruchs kümmert. „Wenn das Gebäude nicht so hässlich wäre, könnte man es noch hundert Jahre stehen lassen.“

          Der Volksmund ist gnadenlos. „Elefantenfüße“, so heißen in Frankfurt die vier massiven Betontürme des Technischen Rathauses, die seit 1974 dort ruhen, wo vor dem Krieg die Fachwerkhäuser der verwinkelten Altstadt standen. Die Architektur des Technischen Rathauses hat nur wenige Liebhaber, das Urteil der meisten Besucher ist vernichtend.

          Im Herzen der Stadt

          Der Abbruch dieses in die Jahre gekommenen Beispiels eines gegenüber der Umgebung rücksichtslosen Brutalismus stößt kaum auf Widerstand. Wer gegen den Abriss opponiert, tut dies selten aus ästhetischen Gründen, sondern wegen der Kosten. Eine neue Bebauung der Altstadt wird rund hundert Millionen Euro kosten. Geld, das selbst Frankfurt als eine vergleichsweise vermögende Kommune nicht einfach aus dem Ärmel schüttelt.

          Das Technische Rathaus ruht mitten im Herzen der Stadt zwischen Kaiserdom und Römer. Die ursprünglich kleinteilige und von engen Gassen geprägte Bebauung fiel 1944 den Bomben zum Opfer. Mit dem Abriss des Technischen Rathauses ist die Diskussion entflammt, wie die „neue Altstadt“ aussehen soll. Bisher ist klar, dass sechs, vielleicht sieben Häuser möglichst originalgetreu und am historischen Standort rekonstruiert werden. Für die Häuser, die auf den übrigen der rund 30 Parzellen entstehen sollen, wird eine Gestaltungssatzung erlassen, die klare Vorgaben etwa hinsichtlich Dachneigung, Fassadenmaterial und Fensterformen macht.

          Der Eisverkäufer geht auch

          Da die Entscheidung über die neuen Formen der Altstadt aber noch nicht gefallen ist, wird aus statischen Gründen zunächst nur der oberirdische Teil des Technischen Rathauses bis zur Pförtnerebene abgerissen. Die Tiefgarage und das Erdgeschoss an der tiefer gelegenen Braubachstraße bleiben stehen, um ein Aufschwemmen des Gebäuderestes durch das Grundwasser zu verhindern.

          Der Schornstein des Technischen Rathauses raucht noch. Die Heizungsanlage im Keller versorgt auch andere Gebäude wie die benachbarte Schirn mit Wärme. Zurzeit sind Handwerker mit Umschlussarbeiten beschäftigt, um die Energieversorgung zu sichern.

          Nicht nur die Beamten sind gegangen. Mit dem Abriss schließen auch die Souvenirläden und Restaurants im Sockel des Rathauses. Das Eiscafé Dante hat einen Zettel aufgehängt: Familie Alessi dankt für die Treue.

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