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„Tage der Industriekultur“ Mit Schnaufen und Stampfen an Autobahnen vorbei

28.08.2006 ·  Die „Tage der Industriekultur Rhein-Main“ sind in diesem Jahr erfolgreicher gewesen als je zuvor. Doch was begeistert die Menschen an alten Dampflokomotiven? Eine Museumsfahrt von Frankfurt nach Wiesbaden.

Von Christian Siedenbiedel
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Sonntag morgen, kurz vor elf. Vor allem Väter mit ihren Söhnen stehen am Bahnsteig des Frankfurter Südbahnhofs. Dazwischen ältere Herren mit Digitalkameras. Gerade hat ein ICE das Gleis verlassen. Nun rattert es, rumpelt, pfeift. Alle treten vorsichtshalber einen Schritt zurück. Es riecht nach Schwefel und qualmt. Majestätisch rollt eine Dampflok ein.

„23 042“ steht vorn am Kessel: eine ehemalige Personenzuglokomotive der Deutschen Bundesbahn, wie ein Eisenbahnfan erklärt. Baujahr 1954, Höchstgeschwindigkeit 110 Kilometer je Stunde. Sie steht sonst im Eisenbahnmuseum in Kranichstein. Heute, zu den „Tagen der Route der Industriekultur“, fährt sie nach Wiesbaden - als Teil einer Sternfahrt: Ein Schienenbus ist in Rüdesheim aufgebrochen, eine kleinere Dampflok in Darmstadt. Mit einem Geräusch, als ob jemand auf einen Blecheimer schlägt, rollt der Zug an. Immer stoßweise, während es durch das halbgeöffnete Fenster raucht. „Nicht hinauslehnen“, steht an der Scheibe. Vor dem Fenster sieht man durch den Dampf Sportplätze auftauchen, Bäume und, irgendwie unpassend, auch Autobahnen.

Der Reiz des Unbequemen

„Die Fahrkarten, bitte!“ Der Schaffner ist offenkundig Sachse. Er gehört zu einem Verein von Eisenbahnfreunden. Die Uniform stammt noch aus DDR-Zeiten. Im normalen Leben arbeitet Michael Dathe als Qualitätsmanager in der Automobilindustrie, wie er sagt: „Aber einen Ausgleich braucht der Mensch.“ Kelsterbach zieht vorbei, Raunheim. Die Papierkörbe an den Fenstern erinnern in ihrer rundlichen Form an die fünfziger Jahre. In einem Waggon hängt eine Werbung für Kärnten - dorthin fuhren die Menschen nach dem Krieg in Urlaub.

Was ist es, das die Menschen an Dampfzügen fasziniert? Die Fahrqualität kann es unmöglich sein. Es wackelt viel mehr als in modernen Zügen, überall ist Qualm, und es zieht. Also alles Verrückte? Vielleicht spielt die Sehnsucht eine Rolle nach einer Zeit, in der die Welt sich noch langsamer gedreht haben soll: archaische Technik, im Rückblick nostalgisch verklärt. Das Sperrige, Unbequeme, hat seinen eigenen Reiz.

In einem Waggon etwa sitzt man auf Holzbänken: eine Erinnerung an Zeiten, in denen die Menschen noch nicht alles haben konnten; als Zugfahren noch ein kleines Wunder war - und harte Arbeit, etwa für den Heizer. Jedesmal, wenn dem Dampfzug eine S-Bahn entgegenkommt, drückt der Fahrtwind die Scheiben etwas nach innen, und alles wackelt. Draußen sieht man jetzt Rüsselsheim: die alten Opel-Hallen und daneben die neuen. Alles muß immer moderner werden, die Konkurrenz schläft nicht. Wer aber schützt das alte?

Schwarzes Ungetüm mit großen roten Räder

Der Zug pfeift, und es ist, als ob ein Schiff hupt oder jemand das erste Mal in eine Trompete bläst: kein gleichmäßiges Geräusch, eher ein Husten. Vorn in der Lok steht Volker Jenderny. Auf dem Kopf trägt er eine Mütze, die an Lukas den Lokomotivführer aus „Jim Knopf“ erinnert. Im normalen Leben ist Jenderny Pensionär. Bei der Bundesbahn ist er mal als Heizer mitgefahren. „Alles läuft gut“, sagt er, „wir sind sogar vor der Zeit.“

Es gibt sogar einen Speisewagen, mit Bier vom Schlappeseppel. Auf einem Schild steht, daß die Eisenbahnfreunde Hanau dringend Heizer suchen. Um Spenden wird gebeten, weil die Stahlrösser, die bei vielen Vereinen ihr Gnadenbrot erhalten, offenbar in die Jahre kommen und immer mehr Geld verschlingen.

Am Bahnsteig im imposanten Wiesbadener Hauptbahnhof stehen so viele Menschen, als käme die Weltmeister-Elf. Musik spielt. Ein Mann singt das Jim-Knopf-Lied „Eine Insel mit zwei Bergen“. Kinder wollen das schwarze Ungetüm mit den großen roten Rädern streicheln. Es stampft und zischt, viel mehr wie ein Lebewesen als wie eine Maschine. Jetzt trifft an einem anderen Gleis der Sechziger-Jahre-Schienenbus aus Rüsselsheim ein, allerdings weniger beachtet; später auch die kleine Dampflok aus Darmstadt. An einer Glasvitrine mit einer elektrischen Eisenbahn sagt ein Kind: „Guck mal, das ist doch die Dampflok, mit der wir gekommen sind.“ Steuern aber will es lieber den ICE.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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