09.10.2007 · Kurz vor Semesterbeginn suchen noch immer Hunderte Studenten nach einer Bleibe. Viele müssen bei der Miete scharf kalkulieren - auch wegen der Studiengebühren.
Von Juliane VoorgangSeit mehr als drei Jahren wohnt René Fleckner in einer Wohngemeinschaft. Fünfzehn Quadratmeter groß ist sein Zimmer. Es bietet gerade genug Platz für ein Bett, einen Schreibtisch und einen Schrank. Der Student aus Marburg hat in den vergangenen Semestern viel gearbeitet, damit er sich eine größere Wohnung leisten kann – doch die Studiengebühren machen ihm einen Umzug nach eigenen Worten unmöglich.
„Ich kellnere zwei- oder dreimal in der Woche in einem Brauhaus, manchmal auch bis spät in die Nacht. Ich kann nicht noch mehr arbeiten, nur um mir eine ordentliche Wohnung zu leisten, irgendwann muss ich mich auch um mein Jurastudium kümmern.“ Nicht nur in Marburg haben Studenten Mühe, bezahlbare Zimmer zu finden, auch in Gießen, Frankfurt und Darmstadt sind in diesen Tagen noch viele auf der Suche.
„Die Mieten in Frankfurt sind horrend“
Anja Engelhorn, AStA-Vorsitzende der Universität Frankfurt, ist überzeugt, dass sich durch die Studiengebühren die Situation auf dem Wohnungsmarkt verschärft habe. „Die Mieten in Frankfurt sind horrend, ich glaube kaum, dass sich viele Studenten mit den Studiengebühren weiterhin ein privates Zimmer, geschweige denn eine private Wohnung leisten können.“ Wer knapp bei Kasse sei, müsse arbeiten gehen, um sich ein Zimmer leisten zu können, worunter das Studium leide – ohne zusätzliches Einkommen seien lediglich Wohnheimzimmer erschwinglich. Auf einen Platz in den Häusern des Studentenwerks muss man in Frankfurt jedoch mindestens drei Monate warten, wie der stellvertretende Geschäftsführer Gerd Zoller sagt.
Eine verstärkte Nachfrage nach besonders günstigen Wohnheimplätzen lässt sich nach Zollers Angaben dieses Semester allerdings noch nicht beobachten. „Wahrscheinlich zeigt sich der Einfluss der Studiengebühren erst in den nächsten Monaten. Wir müssen die Bewerberzahlen außerdem erst noch mit den Studentenzahlen abgleichen.“ Es sei möglich, dass im Verhältnis dazu ein leichter Anstieg im Vergleich zum vergangenen Jahr zu beobachten sei. Zoller erwartet, dass in den nächsten Semestern immer weniger Abiturienten aus finanziell schwächeren Familien studieren werden, da sie die stetig steigenden Mieten zusätzlich zu den übrigen Kosten nicht zahlen könnten.
Kai Schmidt, Geologiestudent aus Darmstadt, würde nach eigenem Bekunden heute wegen der Gebühren kein Studium mehr beginnen. Schon vorher sei die Wohnsituation für ihn schwierig gewesen, und nur weil ihn eine Burschenschaft länger im Verbindungshaus habe wohnen lassen, habe er ein Dach über dem Kopf gehabt. Mittlerweile ist Schmidt im Studentenwohnheim untergekommen – in Darmstadt liegen die Wartezeiten zwischen sechs und 18 Monaten. „Zum Glück werde ich mit dem Studium fertig, bevor ich wieder aus dem Wohnheim raus muss, sonst müsste ich zurück zu meinen Eltern ziehen und dann jeden Tag pendeln – mit den Gebühren könnte ich mir auf keinen Fall eine private Wohnung leisten.“
Notquartiere für Erstsemester
Auf der Wiese vor dem Hochschulhochhaus in Darmstadt hatten im vergangenen Jahr einige Studenten ihre Zelte aufgeschlagen. Allerdings war das nur eine Protestaktion gegen die Studiengebühren. „Auf Wohnwagen oder Zelte müssen die Hochschüler dieses Semester hoffentlich nicht zurückgreifen, aber die Nachfrage nach Wohnheimplätzen ist deutlich angestiegen, weshalb sie sich dringend eine Alternative suchen sollten“, sagt ein Verantwortlicher vom Studentenwerk. Die Zimmervermittlung erläutert, dass dies nicht ausschließlich an den Studiengebühren liege, sondern auch daran, dass der Numerus clausus für einige Fächer an der Hochschule Darmstadt aufgehoben worden sei. „Unsere Zimmer sind schon komplett belegt – nur nach Dieburg können Studenten noch ziehen, aber von dort aus zu pendeln dauert einige Zeit.“ Insgesamt könne das Studentenwerk Darmstadt 2700 Zimmer vergeben – viel zu wenig, um alle Studenten unterzubringen.
Ähnliche Sorgen hat das Studentenwerk in Marburg. Hans-Peter Hardt von der Zimmervermittlung fürchtet, dass viele Erstsemester in Notquartieren untergebracht werden müssen, damit sie zum Studienbeginn einen Schlafplatz haben. „Im Moment warten mehr als 700 Studenten auf einen Platz bei uns – ich hoffe, dass sich viele von ihnen trotz der Studiengebühren etwas Eigenes leisten können.“ Es seien aber schon jetzt einige Betten im Notquartier belegt, wahrscheinlich würden in den nächsten Monaten noch viele Hochschüler das Angebot nutzen müssen.
Die Pressesprecherin des Studentenwerks in Gießen, Susanne Gerisch, glaubt hingegen nicht, dass die Studiengebühren einen bemerkbaren Einfluss auf den Wohnungsmarkt haben. „Es ist jetzt zwar schwieriger, aber doch nicht unmöglich, ein ordentliches Zimmer zu finden.“ Zudem könne man die Gebühren sehr einfach über einen Kredit finanzieren. Auch Frank Junker, Geschäftsführer der städtischen ABG Holding, die rund ein Siebtel aller Wohnungen in Frankfurt verwaltet, sieht momentan keine Veränderungen für den Wohnungsmarkt. „In den kommenden Semestern wird es die aber sicher noch geben“, meint ein Mitarbeiter der Wohnheimverwaltung des Studentenwerks in Gießen. „Die Studentenzahlen werden weiter ansteigen, und das Land kann sich keine neuen Wohnheime leisten – und diejenigen, die in öffentlich-privater Partnerschaft fertiggestellt werden, sind zu teuer. Zimmer in solchen Häusern oder privates Wohnen werden sich wegen der Studiengebühren in Zukunft nur noch wenige leisten können.“