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Studentenbuden in Frankfurt Wenn es kalt wird, einfach den Backofen aufdrehen

07.04.2009 ·  Ein Vorhang ersetzt die Wand. Faltig fallend trennt er das angebotene Zimmer vom Nachbarraum. „Aber der ist absolut blickdicht“, sagt die Vermieterin. Wer als Student in Frankfurt ein Zimmer sucht, darf nicht anspruchsvoll sein - und muss sich manchmal fotografieren lassen.

Von Matthias Wyssuwa
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Ein Vorhang ersetzt die Wand. Faltig fallend trennt er das angebotene Zimmer vom Nachbarraum. „Aber der ist absolut blickdicht“, sagt die Vermieterin. Sie lächelt nicht einmal. Der Interessent geht das Zimmer ab, drei Schritte nach vorn, zwei zur Seite. Grüne Blümchentapete, Wasserflecken unter dem Fenster, ein brauner Teppich liegt wulstig auf kalten Steinen. „Und es ist auch kein Durchgangszimmer“, schiebt die Vermieterin hinterher. Immer noch bleiben ihre Mundwinkel unten. Ein Zimmer, drei Wände, ein Vorhang, 300 Euro.

Es sind nur noch wenige Tage, bis das Sommersemester beginnt. Es ist die Zeit, in der die letzten Neustudenten Frankfurt erreichen und eine Bleibe suchen. Da die Kontakte oft fehlen, die Heimat fern und Frankfurt fremd ist, führt der Weg zu den eigenen vier Wänden oft durch Internetportale. Das bekannteste heißt WG-Gesucht. Der Anbieter bezeichnet es auf der Homepage gar als eine der führenden „WG-Zimmer- und Wohnungs-Börsen in Europa“. Bis zu 2,5 Millionen Menschen sollen die Seite monatlich nutzen und dabei bis zu 120.000 Anzeigen aufgeben. Der Dienst ist gebührenfrei.

Elf Quadratmeter in Oberrad für 378 Euro

Also gibt der Neuankömmling ein Gesuch auf: Junger Student sucht WG-Zimmer. In der Innenstadt, maximal 300 Euro, Mindestgröße zwölf Quadratmeter. Es kommt nur ein Angebot: elf Quadratmeter in Oberrad für 378 Euro.

Dabei hat er versucht, die Hinweise des Internetanbieters zu befolgen: „Bitte geben Sie Ihrer Anzeige eine persönliche Note“, steht da als Tipp. „Das ist sehr wichtig, denn es erhöht die Chancen ungemein, dass sich Leute melden, die zu Ihnen passen.“ Also hat er geschrieben: „Ich heiße Matthias, bin 24 Jahre alt, studiere Politik und Soziologie und suche ein Zimmer in Frankfurt. Neben dem Studium interessiere ich mich vor allem für Bücher und Musik.“ Auf wenigen Zeilen hat er mehr über sich verraten, als er mancher Kneipenbekanntschaft erzählen würde. Nur das vorgeschlagene Foto hat er nicht eingestellt. Vielleicht war das der Fehler.

Da der einfache Weg also keinen Erfolg verspricht, gilt es, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen - und online Anzeigen zu wälzen. Damit der grobe Zuschnitt stimmt, gibt der Suchende in die Maske der Homepage wieder seine Grundanforderungen ein: Zimmer, nicht kleiner als zwölf Quadratmeter, in Bockenheim, Bornheim oder Sachsenhausen, Einzug spätestens am 15. April. Nicht teurer als 300 Euro.

Viele Fragen

Es erscheinen drei Treffer. Berufstätige „älteren Semesters“ suchen einen Mitbewohner „älteren Semesters“. Dann noch ein kleines Durchgangszimmer in einer kleinen Wohnung und eine Anzeige, in der die Vorlage eines Personalsausweises verlangt wird. Der Suchende ändert die Anforderungen, verzichtet auf die Wunschviertel. 39 Treffer.

Keine Chance hat er wohl in dem „chilligen WG-Haus“ mit Kicker und Sauna, denn die wollen nur Frauen. Um Täuschungsversuche zu unterbinden, wird ein Vorstellungsbogen mit Foto gefordert, schon bevor der Besichtigungstermin vergeben wird. Disqualifiziert werden auch alle Inserenten, die zwar „Frankfurt Innenstadt“ als Standort angeben, deren Wohnungen aber am Offenbacher Hauptbahnhof liegen. Und auch das Angebot einer jungen Frau klingt wenig verlockend. Sie bietet ihr „helles Zimmer in einer Sechser-WG“ nur zur Zwischenmiete an - für sechs Tage.

Ein Versuch führt in die Nähe eines großen Friedhofs. Gleich zwei Zimmer gibt es in der WG, aber auch viele Fragen. In wie vielen Wohngemeinschaften man bereits gelebt habe und mit wie vielen Mitbewohnern, ob es Streit gegeben habe, welche Musik man wie laut und wann höre, ob und wie oft man verreise - und wie man zum Rauchen stehe. Denn der Anbieter mag keine Raucher, er mag auch keinen Dreck, keine laute Musik, keinen Streit, keine wilden Partys und keine komischen Typen. Die Zimmer sind nicht der Rede wert, kleine Räume, die Wände in Schwammtechnik bunt bemalt. Die Vormieter packen noch die Sachen. „Bis jetzt wollte noch jeder hier einziehen“, sagt der Anbieter. Am Schluss wird der Suchende noch fotografiert. „Zur leichteren Auswahl.“ Der Interessent setzt den Familienfest-Blick auf und hinterlässt eine falsche Telefonnummer.

„Citynah“, „verkehrsgünstig“ und zugleich „ruhig“

So zieht sich die Suche hin, und nicht Zusagen, nur Anekdoten sammeln sich an. Die Wahrnehmung von Lärm ist offensichtlich eine sehr subjektive, Quadratmeterzahlen sind Verhandlungssache und Ortsangaben so weit dehnbar, bis auch noch die fernste Wohnung „citynah“, „verkehrsgünstig“ und zugleich „ruhig“ gelegen ist. Und dann gibt es auch noch Bewerberrunden, Wohnungen mit Schimmel an den Wänden, eingerissenen Tapeten, fehlenden Wohnungstüren, Löchern im Boden oder Räumen ohne Heizung. „In der Küche ist das auch kein Problem“, sagt eine Bewohnerin über die fehlenden Heizkörper. Wenn es kalt werde, mache sie einfach den Backofen an und dann auf. Während der Suchende nach einer Andeutung von Ironie in ihrem Gesicht forscht, drängt sich der nächste Interessent an ihm vorbei: „Ich will das Zimmer. Wo soll ich unterschreiben?“

Das Beste zum Schluss, ein großes Zimmer an der Sandstraße. Der Preis stimmt, auch die Lage, nur die Tankstelle vor dem Hauseingang irritiert. Klingeln ist nicht möglich, denn seinen Nachnamen wollte der Bewohner nicht verraten. Der Suchende sollte ihn anrufen, wenn er die Sandstraße erreicht hat. Wenigstens die Hausnummer war kein Geheimnis. Doch das Telefon ist aus. Noch ein Versuch, der Teilnehmer bleibt unerreichbar. Der Suchende prüft das Sortiment der Tankstelle, kauft sich Zigaretten, setzt sich auf den Bordsteinrand und wartet. Eine Zigarette und noch eine. Das Telefon bleibt aus. Vielleicht sitzt der Bewohner ja oben am Fenster und prüft den Interessenten. Vielleicht gefallen ihm seine Kleider nicht, seine Haare, oder es stört ihn, dass er raucht. Der Suchende macht sich auf den Weg zur U-Bahn. Vielleicht ist ein blickdichter Vorhang gar nicht so schlimm.

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik.

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