12.03.2008 · Wie Terre des hommes sagt, gibt es mindestens 9000 „Straßenkinder“ in Deutschland. In Frankfurt kümmern sich im Namen der Stadt die Streetworker von „Walkman“ um die jungen Menschen.
Wie Terre des hommes sagt, gibt es mindestens 9000 „Straßenkinder“ in Deutschland. In Frankfurt kümmern sich im Namen der Stadt die Streetworker von „Walkman“ um die jungen Menschen.
Gibt es in Frankfurt tatsächlich Straßenkinder?
Dörrlamm: Natürlich nicht solche, wie wir sie etwa aus Mexiko-Stadt oder anderen riesigen Metropolen kennen, in denen Kinder über lange Zeit auf der Straße oder in der Kanalisation schlafen. Aber junge Menschen, die keinen festen Schlafplatz haben und sehen, wo sie bleiben müssen, gibt es natürlich auch in Frankfurt. Internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation sprechen übrigens bei allen Minderjährigen von Straßenkindern.
Bender-Seyda: Die Erfahrungen, die diese Kinder machen, sind überall ähnlich: Sie haben in ihren Familien und im näheren Umfeld Ausgrenzung, Vernachlässigung und Missbrauch erlebt. Viele haben drogen- oder alkoholabhängige Eltern oder sind aus Heimen, Psychiatrien und Wohngruppen geflohen und irgendwann zum Beispiel im Bahnhofsviertel gelandet.
Wo sie dann vom Regen in die Traufe kommen?
Bender-Seyda: Die Verhältnisse im Kiez sind sicherlich belastend, aber die, aus denen die Kinder und Jugendlichen geflohen sind, waren für sie noch schlimmer. Sie haben gezeigt, dass sie etwas ändern wollen in ihrem Leben. Daran können wir als Sozialarbeiter anknüpfen.
Wovon leben die Straßenkinder?
Dörrlamm: In der Drogenszene vor allem von der Prostitution. So kommen sie auch an Plätze zum Übernachten. Bei den Jungen kommt es vor, dass sie bis zu einem halben Jahr bei einem Freier leben, der so etwas wie einen Vaterersatz abgeben will. Mädchen bleiben höchstens ein paar Nächte bei ein und demselben Mann. Die Drogenabhängigen können mit der Prostitution außerdem ihre Sucht finanzieren. Diejenigen, die nachts anschaffen gehen, schlafen oft tagsüber, auch in Einrichtungen der Drogenhilfe. Es gibt sehr tragische Geschichten, etwa die einer Sechzehnjährigen, die bei einem Freier war und eine Überdosis Heroin zu sich nahm. Der Freier überlegte lange, ob er einen Krankenwagen rufen sollte, schließlich hatte er eine Minderjährige bei sich. Nach mehreren Wochen im Koma und Monaten in der Reha blieben Lähmungserscheinungen aufgrund der späten medizinischen Versorgung.
Mit wie vielen Kindern und Jugendlichen kommen Sie zusammen?
Bender-Seyda: Im vergangenen Jahr waren es 72 junge Menschen, 63 Mädchen und neun Jungen.
Ein großer Unterschied.
Bender-Seyda: Ja. Mädchen leben, wenn sie von zu Hause geflohen sind, eher allein und fallen auf der Straße eher auf. Jungs dagegen sind oft in Gruppen zusammen, etwa an der Konstablerwache. Zu ihnen gehören mit Sicherheit auch „Straßenkinder“, aber die sind eben nicht so auffällig. Die jüngste, mit der wir zu tun hatten, war erst 13. Die meisten sind zwischen 15 und 17 Jahren alt. Wir versuchen, ihnen Unterkünfte zu vermitteln, etwa im „Sleep-In“, einer Notschlafstelle für Minderjährige und junge Volljährige bis 21 Jahren oder in preiswerten Hotels. Unser wichtigstes Ziel ist, gemeinsam mit den Kids und dem zuständigen Amt für Jugendhilfe Angebote zu finden, die für sie passen.
Wie kommen Sie in Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen?
Bender-Seyda: Der Kiez ist sehr geschwätzig. Es spricht sich herum, wer wir sind. Außerdem bekommen wir Hinweise aus Drogenhilfeeinrichtungen oder von früheren Klienten, die sehen, wenn jemand neu ins Viertel gekommen ist.
Dörrlamm: Manche sprechen wir auch gezielt an und geben ihnen Essensmärkchen oder auch einmal ein wenig Bargeld. Wir haben inzwischen einen Blick für unsere Klienten.
Kommt es vor, dass Eltern bei Ihnen anrufen?
Dörrlamm: Sehr selten. Es wäre auch nicht gut, wenn die Kinder uns als verlängerten Arm ihrer Eltern erleben würden. Überhaupt begegnen sie Erwachsenen mit großer Skepsis. Für Straßenkinder sind Erwachsene durchweg negativ besetzt, sie erleben sie als Freier, Dealer oder Polizisten. Wir versuchen, positive Bezugspersonen zu werden. Das braucht Zeit, denn das Vertrauen der Kids muss erst wachsen.
Bender-Seyda: Das heißt auch, dass wir für sie eine Entgiftung in einer Klinik in die Wege leiten, sie zu Behörden oder Gerichtsverhandlungen begleiten, mit ihnen Klamotten einkaufen oder auch mal ins Kino gehen. Diese Jugendlichen haben ganz normale Wünsche, wollen einen Schulabschluss machen, Freundschaften pflegen.
Gibt es Freundschaften im Kiez?
Bender-Seyda: Viele haben hier eine Art Familie gefunden, allerdings sind die Beziehungen fragil. Es gibt oft Streit um Stoff oder Freier. Allerdings gibt es auch gewisse Regeln, die Außenstehenden verborgen bleiben. Zum Beispiel die, dass man Schulden zurückzahlt oder sich anderen gegenüber korrekt verhält. Wer das nicht tut, hat einen schlechten Stand im Viertel.
Haben Straßenkinder feste Treffpunkte?
Dörrlamm: Nein. Fragil sind die Beziehungen nämlich auch, weil im Viertel alle in Bewegung sind. Entweder weil sie auf der Suche nach Freiern sind oder vor der Polizei weglaufen. Der Druck durch die Polizei ist in den vergangenen Jahren immens gestiegen. Draußen zu schlafen ist unmöglich geworden. Das heißt für uns, dass wir noch mobiler geworden sind. Außerdem gibt es in Frankfurt weniger Nischen für Straßenkinder als etwa in Hamburg oder Berlin, das heißt zum Beispiel keine leerstehenden Häuser, in denen man wohnen könnte.
Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?
Bender-Seyda: Das ist nicht so einfach. Manchmal ist es schon ein Erfolg, wenn jemand uns nur ein kurzes „Hallo“ über die Straße zuruft und so Kontaktbereitschaft zeigt. Andere melden uns zurück, dass sie einen Schulabschluss gemacht haben. Wichtig ist uns, den Kindern und Jugendlichen zu zeigen: Es gibt jemanden, dem ihr nicht egal seid. Und das spüren sie. Man darf diese Menschen nicht aufgeben.