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Stadtplanung Gute Plätze, schlechte Plätze

11.11.2009 ·  Die Planer können stolz sein auf das Mainufer. Sie sollten sich schämen für den Goetheplatz. Es ist Zeit für eine Debatte über die Gestaltung des öffentlichen Raums in Frankfurt.

Von Matthias Alexander
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Der Anfang geht noch. Wer mit dem Zug nach Frankfurt kommt, dessen erster Eindruck ist positiv. Doch kaum hat er die prächtig renovierte Halle des Hauptbahnhofs verlassen, konfrontieren Zumutungen den Reisenden. Tritt er auf den Bahnhofsvorplatz, steht er vor einem Chaos aus Treppenabgängen, kümmerlichen Bäumen, Masten, Barrieren, Wartehäuschen und Autos.

Nur der Kenner wird da noch bemerken, wie großartig der Platz mit dem Halbrund der Randbebauung angelegt ist. Kaum eine andere deutsche Großstadt hat ein Entree mit so viel Potential – München nicht und Hamburg nicht und selbst Berlin nicht. Es müsste nur genutzt werden. Fotos aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zeigen, dass das möglich war. Architekten überarbeiten derzeit ihre Pläne für die Neugestaltung des Platzes. Die ersten Entwürfe konnten nicht voll überzeugen, was auch auf die vielen Funktionen zurückzuführen ist, die auf dem Platz unterzubringen sind.

Dimensionen des Platzes verrutscht

Es ist aber auch eine grundsätzliche Unsicherheit von Architekten bei der Gestaltung von Straßen und Plätzen festzustellen. Es scheint, dass Architekten und Städtebauer diesen Teil ihres Handwerk verlernt haben. Man denke nur an den Riesenraum von Roßmarkt, Goethe- und Rathenauplatz, der vor kurzem umgestaltet wurde. Das Ergebnis gilt allgemein als misslungen. Er bietet ein trostloses Erscheinungsbild; vor allem die dunkle wassergebundene Oberfläche rund um das Goethe-Denkmal ist dafür verantwortlich. Über die berechtigte Kritik wird mitunter vergessen, dass die Platzfolge auch vorher keinen erhebenden Anblick geboten hatte. Der eine oder andere Blumenfreund mag sich zwar im Sommer an den Hochbeeten erfreut haben; doch wirkte dieser Hauch von Kurpark in der Mitte Frankfurts befremdlich, zumal die Beete im Herbst und Winter nicht schön anzusehen waren.

Das Grundübel der Platzfolge an der Börsenstraße ist ihre Größe. Der bedeutende Städtebautheoretiker Camillo Sitte hatte Anfang des 20. Jahrhunderts die Platzangst, ein Krankheitsbild der nervösen Moderne, auf die menschenfeindliche Dimensionierung solcher Riesenplätze zurückgeführt. Nicht nur der einzelne Mensch fühle sich hier klein, so Sitte, auch Statuen schrumpften in der Wahrnehmung. Man kann das an dem wahrlich nicht klein geratenen Goethedenkmal beobachten, auch für die Brunnenstele auf dem Rathenauplatz gilt das. Die Dimensionen des Platzes sind verrutscht, als nach dem Zweiten Weltkrieg eine Häuserzeile nicht wieder aufgebaut wurde, die den Goetheplatz verengte. Dieser war erst dadurch vom Roßmarkt und Rathenauplatz zu unterscheiden.

Pflasterung gelungen

Nun ist nicht alles schlechter geworden, im Gegenteil: In den vergangenen Jahren sind im Stadtgebiet etliche Straßenzüge attraktiv neu gestaltet worden. So ist die Fahrt von der Messe bis zur Alten Oper an schönen Tagen ein Vergnügen. Die Grünanlage im Mittelstreifen der Friedrich-Ebert-Anlage ist gepflegt, die Straßenlaternen sind vom gleichen Typ wie jene an der Mainzer Landstraße zwischen Platz der Republik und Taunusanlage. Hier war ein klarer, einheitlicher Gestaltungswille am Werk.

Auch der öffentliche Raum im Neubaugebiet Westhafen ist gelungen. Die Pflasterung der Promenade am Hafenbecken, Poller, Laternen, Bänke – alles ist durchdacht, ansehnlich und im Stil aufeinander abgestimmt. Anders als in anderen Vierteln läuft der Flaneur nicht alle 50 Meter über ein anderes Pflaster. Man kann allenfalls darüber streiten, ob die drei Bürogebäude an der Friedensbrücke, die den Auftakt des Westhafens bilden, glücklich zueinander stehen. Die Platzfläche zwischen dem runden Westhafen-Turm, dem dreieckigen Westhafen-Haus und dem rechteckigen Brückenhaus ist zu offen geraten, um anheimelnd zu wirken. Doch auch hier ist zumindest die handwerkliche Qualität der Pflasterung gelungen.

Blinden die Orientierung erleichtern

Überhaupt, die Mainufer. Was hier in den vergangenen zehn Jahren im Abschnitt zwischen der Main-Neckar-Brücke im Westen und der Deutschherrnbrücke im Osten geleistet wurde, ist vorbildlich. Alle kommen zu ihrem Recht: Auto- und Radfahrer, Fußgänger, Skater, Jogger. Eine dezente Lichtregie inszeniert Brücken und herausragende Gebäude. Die Zuneigung vieler Frankfurter zu ihrer Stadt ist deutlich gestiegen, seit sie das Mainufer in Besitz nehmen können.

Doch schon droht in den Stadtteilen eine massive Verschandelung des öffentlichen Raums. Ausgerechnet im gründerzeitlich geprägten Nordend mit seinem weitgehend intakten Erscheinungsbild haben die Planer ihr unheilvolles Werk begonnen – unter der harmlosen Bezeichnung „vernetzte Spiel- und Bewegungsräume“. Für 800.000 Euro wurden in den vergangenen Monaten an etlichen Kreuzungen sogenannte Gehwegnasen eingerichtet. Dabei handelt es sich um Ausbuchtungen des Bürgersteigs an Kreuzungen. Um die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer noch weiter zu erhöhen, werden die Nasen rot gepflastert. Und um Blinden die Orientierung zu erleichtern, werden an den Zebrastreifen Rillensteine eingesetzt.

Praktische Schwierigkeiten

Wer ein wenig Sinn für Schönheit hat, wendet sich mit Grausen. „Die Verkehrstechniker bestimmen die Stadtgestaltung“, schimpft ein bekannter Frankfurter Architekt, und kritisiert die Herauslösung der Verkehrsplanung aus dem Planungsdezernat. Die Frage lautet, ob sich das löbliche Bemühen um mehr Verkehrssicherheit nicht doch verwirklichen lässt, ohne so tief in den Farbeimer zu greifen. Nach einer Erprobungsphase soll die Umgestaltung auch auf andere Stadtviertel ausgedehnt werden; es bleibt zu hoffen, dass es vorher zum Aufstand der Ästheten kommt.

Sie dürfen sich nicht damit begnügen, die Vorherrschaft der Verkehrsplaner zu brechen. Wünschenswert wäre eine einheitlichere Gestaltung des öffentlichen Raums insgesamt. Das ist eine Aufgabe für Generationen. Es wäre dafür zu sorgen, dass in Fechenheim wie in Höchst die gleichen Pflastersteine und Straßenlaternen verwendet würden. Dem stehen allerdings manchmal ganz praktische Schwierigkeiten entgegen. Die Materialien sind oft nach wenigen Jahren nicht mehr verfügbar.

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