Home
http://www.faz.net/-gzh-11yh2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stadtplanung Frankfurt soll „Ökotropolis“ werden

02.02.2009 ·  In Frankfurt soll in den nächsten Jahrzehnten neuer Wohnraum geschaffen werden. Außerdem sollen ökologische Projekte umgesetzt werden. In schwierigen Stadtteilen sollten „Leuchtturmschulen“ entstehen. Das sind drei Ideen aus einer langen Reihe von Vorschlägen, die in der Denkschrift „Frankfurt für alle“ zu finden sind.

Von Matthias Alexander
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Für die Schaffung von neuem Wohnraum in Frankfurt in den nächsten Jahrzehnten solle ein Masterplan erarbeitet werden. Frankfurt solle sich mit ökologischen Projekten als eine Art „Ökotropolis“ profilieren. In schwierigen Stadtteilen sollten „Leuchtturmschulen“ eingerichtet werden. Das sind drei Ideen aus einer langen Reihe von Vorschlägen, die in der Denkschrift „Frankfurt für alle“ zu finden sind. Die rund 200 Seiten starke Studie, die Handlungsperspektiven bis zum Jahr 2030 geben soll, wurde Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) überreicht. Roth kündigte an, dass die Ergebnisse der Studie in politische Initiativen münden sollen. Auch sei beabsichtigt, mit den Bürgern darüber zu diskutieren.

Laut Albert Speer, dessen Büro AS&P die Denkschrift federführend erstellt hat, gab die wachsende Städtekonkurrenz Anlass, sich über die Zukunft Frankfurts systematisch Gedanken zu machen. Es gehe darum, die Anziehungskraft der Stadt auf die kreativen Eliten der Wissenschaftsgesellschaft zu stärken. Nur dann könnten auch künftig Unternehmen erfolgreich angesiedelt werden. Gleichzeitig dürfe man über die „Wissensnomaden“ aber nicht die übrige Gesellschaft aus dem Blick verlieren, daher der Titel „Frankfurt für alle“. Gemeinsam mit Vertretern der Polytechnischen Gesellschaft und deren Stiftung habe man ein Jahr lang rund 130 Experten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft und Kultur befragt. Die Studie wurde von Unternehmen finanziert. Zu den Geldgebern gehören die Deutsche Immobilien Chancen, die UBS und die Steubing AG. Auch die Interessengemeinschaft Frankfurter Geldinstitute, die Handwerkskammer Rhein-Main und die Industrie- und Handelskammer Frankfurt haben sich an der Finanzierung beteiligt.

Beleuchtete Joggingpfade

Die Autoren der Studie haben fünf Themenschwerpunkte, für die sie jeweils Thesen formulieren. Zum Fokus „Lebensqualität“ etwa ist zu lesen, dass mehr preiswerter Wohnraum für Familien geschaffen werden müsse. Auch unkonventionelles Wohnen, etwa Mehr-Generationen-Häuser oder Atelierwohnungen, sollte gefördert werden. Anhand von Modellquartieren wie der Heinrich-Lübke-Siedlung in Praunheim könne gezeigt werden, wie ökologische, soziale, technische, wirtschaftliche und gestalterische Neuerungen miteinander verbunden werden könnten. Zusätzlicher Wohnraum solle vor allem durch Verdichtung vorhandener Quartiere geschaffen werden.

Der öffentliche Raum sei aufzuwerten, etwa durch ein besseres Fußwegenetz in der Innenstadt oder durch „Shared Space“ in den Stadtteilen, also die gemeinsame Nutzung des Straßenraums durch Autofahrer, Fußgänger und Benutzer anderer Verkehrsmittel. Die Tatsache, dass Frankfurt eine Sportstadt sei, müsse stärker ins allgemeine Bewusstsein gerückt werden, sagte Speer. Das könne etwa durch beleuchtete Joggingpfade geschehen.

Kaehlbrandt: „Bewusste Zuwandererstadt“

Speer hob hervor, dass sich Frankfurt noch stärker als Stadt der Künste profilieren müsse. So sollte nach Amsterdamer Vorbild eine Agentur eingerichtet werden, die Künstlern günstige Ateliers beschaffe. Im Osthafen könnte ein Campus für Musik und Darstellende Künste entstehen; dort sei auch neben klassischen Hafennutzungen Platz für „experimentelle Stadtbausteine“ mit Kultureinrichtungen und Wohnungen. Speer schwebt ferner eine schwimmende Bühne im Fluss vor. In der Kultur sollte Frankfurt eine enge Zusammenarbeit mit Offenbach anstreben. Das könnte auch der Ausgangspunkt für eine stärkere regionale Zusammenarbeit sein, die in die gemeinsame Ausrichtung einer Internationalen Bauausstellung münde.

Roland Kaehlbrandt, der die Studie mitverfasst hat, hob die hohe Qualität und die Vielgestaltigkeit der vorhandenen Bildungseinrichtungen hervor. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft sprach von den „Begabungen“ der Stadt Frankfurt. Er warb dafür, die frühkindliche Bildung und die Elternbildung auszubauen und zwischen den Trägern besser zu koordinieren. Frankfurt sei eine „bewusste Zuwandererstadt“; man wisse, dass Integration nicht von selbst geschehe. Insbesondere in der Sprachförderung sei jedoch noch viel zu tun.

„Science Center“

Kaehlbrandt empfahl die Einrichtung innerstädtischer Modellschulen in schwierigen Stadtteilen nach dem Vorbild der Partnerstadt Toronto. Dort seien Integrationsberater und Sprachförderlehrer tätig. Eltern würden in Erziehungsfragen, aber auch bei der Wohnungs- und Arbeitssuche unterstützt. Ein weiteres Projekt, das die Stiftung unterstützen wolle, sei die Bürgerakademie, die ehrenamtlich Tätige qualifiziere. Klaus Ring, Präsident der Polytechnischen Gesellschaft und ebenfalls Koautor der Studie, hob den Rang des Wissenschaftsstandorts Frankfurt hervor. Die Goethe-Universität stehe von jeher für gesellschafts- und wirtschaftsnahe Forschung und Lehre. Auch durch die Gründung von Instituten wie dem „House of Finance“ sei der Weg an die Spitze frei gemacht worden. Die Kooperation auch mit den vielen wissenschaftlichen Einrichtungen in der Region müsse verstärkt, zugleich müsse das Image verbessert werden. So sollte unter qualifizierten Schulabgängern für ein Studium in Frankfurt geworben werden. Gastwissenschaftler müssten individuell betreut und angemessen untergebracht werden.

Ring plädierte auch dafür, der Bevölkerung die Bedeutung von Wissenschaft und Technik stärker zu vermitteln. Dies könne zum Beispiel durch eine große Dauerausstellung im Senckenbergmuseum zum Thema „Mensch – Natur – Kosmos“ geschehen. Auch ein „Science Center“, in dem die Besucher selbst experimentieren könnten, sei wünschenswert. Physikalischer Verein und Polytechnische Gesellschaft seien schon mit den Vorplanungen beschäftigt.

Attraktives Zukunftsbild

Speer sagte, Frankfurt nehme in der Umwelttechnik schon eine Vorreiterrolle ein, etwa im Passivhausbau. Dieser Wissensvorsprung sollte zur Marke entwickelt werden; er unterstütze Überlegungen des Umweltdezernats, Frankfurt als nachhaltige Stadt zertifizieren zu lassen. Es sei ratsam, die Mobilität verträglicher zu gestalten: Die Stadt sollte ihr Fahrradwegenetz ausbauen und die Regionaltangente West vorantreiben. Zudem sei dafür zu sorgen, dass der Grüngürtel stärker in die Stadt hineingezogen werde. Trotz der vielen Grünflächen werde Frankfurt derzeit nicht als grüne Stadt wahrgenommen.

Zum Schwerpunkt Wirtschaftskraft gehört der Ausbau des Flughafens zu einer Airport City. Speer sagte, diese müsse ein „schillernder Stadtteil“ mit urbanen Qualitäten werden, der in der Konkurrenz zu Flughäfen wie Amsterdam-Schiphol oder Dubai bestehen könne.

Die Autoren der Studie schlagen vor, eine Stabsstelle Standortprofilierung zu schaffen. Sie soll damit beauftragt werden, die Vorschläge weiter zu verfolgen. Sie könnte auch ein Marketingkonzept 2030 entwickeln, das ein attraktives Zukunftsbild der Stadt vermitteln solle.

Eine Kurzfassung der Studie findet sich im Internet unter www.frankfurt-fuer.alle.de

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr