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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Stadtplanung Die Oberbürgermeisterin möchte, daß alles in den Main kippt

14.11.2005 ·  Eine Sehnsucht geht um in Frankfurt. Sie gilt der 1944 schwer beschädigten und 1950 restlos gesprengten Altstadt, und so heftig ist sie, daß böse Worte die Runde machen gegen alle, die anderes wollen als eine Rekonstruktion. Wie soll man sich den Wiederaufbau der Altstadt vorstellen?

Von Dieter Bartetzko
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Eine Sehnsucht geht um in Frankfurt. Sie gilt der 1944 schwer beschädigten und 1950 restlos gesprengten Altstadt, und so heftig ist sie, daß böse Worte die Runde machen gegen alle, die anderes wollen als eine Rekonstruktion. Oder was eben heute so Rekonstruktion genannt wird.

Zu jeder Sehnsucht gehört ein phantastisches Moment, ein Element der Übertreibung und Selbstüberbietung. In diesem Fall ist die Chance echt, an die sich die Wünsche knüpfen. Es gibt einen glücklichen Moment, der nun mit Geschick und Kunst genutzt werden will. Der anstehende Abriß des Technischen Rathauses, dieser 1972 eingeweihten, zu Recht als „Elefantenbunker“ verhöhnten Waschbetonfestung zwischen Dom und Römer, eröffnet die Gelegenheit, Kardinalsünden des Wiederaufbaus rückgängig zu machen.

Deshalb führte die Stadt im Mai dieses Jahres einen Ideenwettbewerb unter zwanzig ausgewählten Teilnehmern durch. Ziel war es, den historischen Kern in modernen Formen wieder aufleben zu lassen und organisch mit der vorhandenen disparaten Bebauung zu verbinden. Auflage war der Wiedergewinn des „Alten Markts“, der verschwundenen Hauptgasse zwischen Dom und Römer, die wegen ihrer gelegentlichen einstigen Funktion als Fußweg der neu gekrönten Kaiser nun vollmundig „Krönungsweg“ tituliert wurde. Als heikel, aber statthaft bezeichnete die Ausschreibung ein Überbauen des „Historischen Gartens“ am Dom, eines 1974 entstandene Ausgrabungsareals mit den Fundamenten einer römischen Badeanlage und der ersten Kaiserpfalz.

Streit um den Siegerentwurf

Kaum war vor drei Wochen der Entwurf des Frankfurter Architekturbüros KSP Engel und Zimmermann als Sieger präsentiert, brandete der Streit auf. Der berechtigte Tadel, KSP hätten oberflächlich, ja frivol gehandelt, als sie in ihrem Modell den Alten Markt um mehrere Meter nach Süden verschoben, um ihn als tourismusfördernde Zentralachse auf den Domturm zulaufen zu lassen, wuchs zur Forderung, auf Neues zu verzichten und statt dessen das Gewesene vollständig zu rekonstruieren.

Es geht um das Herz Frankfurts, seine Keimzelle und das Umfeld seiner wichtigsten historischen Wahrzeichen. Man mag sich darüber wundern, daß das „Vorwärts, wir müssen zurück“ gerade jetzt aufflammt und nicht vor elf Monaten. Damals nämlich war in Frankfurts Historischem Museum eine bemerkenswerte Kabinettausstellung zu sehen. Sie galt dem sogenannten „Salzhaus“, das bis 1944 mit einer geschnitzten Renaissancefassade die fünf Giebel des Frankfurter Römer abgeschlossen hatte und dessen Nachfolge, ein Giebelhaus in Stahlbetonfachwerk, den Frankfurtern nie richtig ans Herz wuchs.

Die Ausstellung breitete die geretteten Fragmente der Schnitztafeln aus, die das Salzhaus zu einem der kostbarsten Bürgerhäuser Deutschlands gemacht hatten. Fragmente? Nein. Fassungslos stand man vor fast drei Fünfteln der Fassade - Arabes- ken, Sphingen, Porträtbüsten; nicht mitgezählt die figürlichen Reliefs, die einen isolierten Gnadenbrotplatz in der Fassade des Ersatzbaus gefunden haben, was 1952 mit dem Hinweis legitimiert worden war, es seien außer ihnen kaum Reste vom historischen Schmuck übriggeblieben.

Rekonstruktion der Frauenkirche als Anstoß?

Weshalb tönte bei dieser Wiederentdeckung im Dezember 2004 kein Ruf nach Rekonstruktion? Hat der landesweite Jubel über die rekonstruierte Dresdner Frauenkirche die Zungen der Frankfurter gelöst? Vielleicht war das tatsächlich ein letzter Anstoß. Doch die Heißglut, mit der in Frankfurt nun eine interessante Koalition aus alteingesessenen Bürgern und jungen Konservativen, die die Altstadt nur aus Bildbänden kennen, die Replik nicht nur eines Wahrzeichens fordert, sondern die Wiederkehr Dutzender, entspricht einer gesamtdeutschen Stimmung. In ihr mischen sich die verständlichen Wiedergutmachungsforderungen einer Gesellschaft, der drei Generationen von Stadtplanern und Architekten unwürdige Architektur zumuteten, mit der Panik der zunehmenden allgemeinen Existenzangst: Wo in unserer Republik alles ins Wanken geraten ist, soll wenigstens die Architektur das Wunder der Kontinuität vollbringen.

Berlin will sein Stadtschloß wieder, Potsdam desgleichen und die verschwundene Garnisonkirche dazu, Braunschweig ist freudig einverstanden, sein 1964 geschleiftes Schloß wenigstens als Fassadenmanschette eines Einkaufszentrums zurückzubekommen, und in Hannover wollen Bürgerinitiativen das verschwundene Schloß Herrenhausen zurück. Frankfurt wiederum feierte vor vier Wochen die Auferstehung seiner kriegszerstörten klassizistischen Stadtbibliothek und rechnet fest mit der Rekonstruktion des 1950 gesprengten barocken Thurn-und-Taxis-Palais als Luxushotel. Was nicht hindert, über die sieben 1983 am Römerberg rekonstruierten Altfrankfurter Fachwerkhäuser hinaus nun auch noch den Nachbau des gesamten Altstadtkerns zu fordern.

Damit übertrifft Frankfurt Dresden, wo derzeit ähnliches geschieht. Ermutigt nämlich vom Wunder der Frauenkirche, hat man sich dort zur Rekonstruktion des Neumarkts entschlossen, der die Kirche einst umgab. Inzwischen wachsen dessen Bauten in Windeseile. Aber ist es Neumarkt? Weder wird, wie es den Regeln der strengen Rekonstruktion entspräche, der Vorkriegszustand nachgebaut, noch werden die barocken Häuser dieses Quartiers so einzeln aufgerichtet, wie sie vor ihrer Sprengung standen.

Statt dessen montieren Kräne vorgestanzte Betonplatten über Tiefgaragen, für deren Bau wiederum die zuvor unter dem Pflaster der DDR erhaltenen historischen Keller und Gewölbe der Neumarkt-Häuser abgeräumt wurden. Auf die Betonfronten werden in einem zweiten Arbeitsgang Fassaden appliziert, die Kopien der verschwundenen historischen Häuser sind - sehr freie Kopien von Fall zu Fall, denn je nach Investorenwünschen verlängert oder verschmälert man Achsen, unterfüttert die barocken Mansarddächer mit diskret eingeschobenen Zwischengeschossen oder setzt ihnen von unten nicht wahrnehmbare Zusatzgeschosse auf.

Mit 1983 geschaffenen Tatsachen zu arrangieren

Da Bürger und Touristen, geschult durch Canalettos Veduten und die Hochglanzverpackungen des berühmten Dresdner Stollens, ein lupenrein barockes Elbflorenz bevorzugen, scheiden Neumarkt-Bauten des neunzehnten Jahrhunderts aus, wie beispielsweise die wilhelminische Post, an deren Stelle das barock-klassizistische, schon 1890 abgerissene „Hotel de Saxe“ nachgebaut, besser: nachempfunden wird. Die glühendsten Neumarkt-Anhänger plädieren sogar dafür, die im Siebenjährigen Krieg zerstörte prächtige Hauptwache vor der Frauenkirche zu kopieren, weil Canaletto sie schließlich bis in die winzigste Fenstersprosse exakt gemalt habe.

In Frankfurt, so antworten die hiesigen Rekonstruktionsanhänger auf diese Beispiele, werde nichts Vergleichbares geschehen. Dort werde man die verbrannten Fachwerkhäuser in hergebrachter Zimmermannsart Balken für Balken nachbauen - wenn auch auf der Plattform jener Tiefgarage, die in den sechziger Jahren samt U-Bahn-Station zwischen Dom und Römer gebaut wurde. Auch werde der Nachbau der Häuser, Gassen und Winkel nur partiell gelingen, weil mit dem raumgreifenden Galeriebau der Kulturschirn und den postmodernen Stadthäusern der Saalgasse, einem ersten Versuch, Altstadtatmosphäre zurückzuholen, 1983 Tatsachen geschaffen worden seien, mit denen man sich arrangieren müsse. Zu diesen Tatsachen gehört allerdings auch, daß mit Ausnahme des Alten Markts und der Saalgasse sämtliche Gassen und Plätzchen ganz oder teilweise unter der vorhandenen Nachkriegsbebauung verschwunden oder im Ausgrabungsgelände des Historischen Gartens aufgegangen sind.

Auf ein Disney-Altdeutschland einer reinen Fachwerkidylle darf man sich übrigens, wenn wirklich historisch rekonstruiert werden soll, nicht freuen. Die Häuser des Alten Markts und seiner Umgebung waren zwar Holzkonstruktionen auf steinernen Erdgeschossen, doch ihre Fachwerkfronten waren seit dem siebzehnten Jahrhundert verputzt und verschiefert. Nur an zwei bedeutenden Bauten hatte man um 1900 das Fachwerk freigelegt, von allen übrigen ist unbekannt, ob sie überhaupt Schmuckfachwerk aufwiesen.

Als in jedem Fall zu rekonstruierendes Denkmal gilt die „Goldene Waage“, das einst stattlichste Bürgerhaus des Quartiers mit Treppenturm und entzückendem, „Belvederche“ genanntem Dachgarten. Doch könnte es nicht am selben Ort, dem östlichen Ende des Alten Markts, wiedererstehen. Denn dort entsteht, weit in die einstige Straßenflucht vorspringend, derzeit der Anbau des sogenannten „Hauses am Dom“. Er und die „Goldene Waage“ würden die Gasse zum mannsbreiten Engpaß verschmälern. Obendrein wurden vor der Altstadtsprengung 1950 die unversehrten Erdgeschoßarkaden des Hauses samt Treppenturm an einen Privatmann verkauft, der sie im Garten seiner Villa vor Frankfurt als Teile einer Bibliothek wiederaufrichtete, wo sie heute noch stehen.

Roth: Vorrang für historische Rekonstruktion

Der „Alte Markt“ selbst kann nur andeutungsweise nachgebaut werden. Denn an seiner Stelle verläuft, rund eineinhalb Meter höher als das historische Bodenniveau, die Decke der unersetzlichen Tiefgarage, die nur minimal abgesenkt werden kann. Die dortigen einstigen Giebelhäuser wiederum schlossen mit ihren Rückseiten an Häuser der parallel und quer zum Alten Markt verlaufenden Gassen an, deren Verlauf heute die Kulturschirn überdeckt. Also müßten die Rückseiten der rekonstruierten Altmarkt-Häuser mit nachempfundenen Fassaden versehen werden. Anspruchsvoll erscheint das beschlossene Raumprogramm von zwanzigtausend Quadratmeter Bruttogeschoßfläche, ein Hotel und eine Stadtbibliothek inbegriffen.

Oberbürgermeisterin Petra Roth hat sich klar geäußert: „Vorrang aber sollte in jedem Fall die historische Rekonstruktion haben.“ Allerdings bedürfen beide Begriffe selbst wiederum, man möchte sagen, der schonenden, historisch sensiblen Auslegung. Welcher historische Zustand soll an welchem Punkt wiedergewonnen werden? Wo ist das Konstruieren im historischen Geist einem buchstäblichen Rekonstruieren vorzuziehen, dessen Scheingewißheit in Dezisionismus umschlägt?

Daß die Dynamik der Debatte den Entwurf der Wettbewerbssieger, die die städtischen Auflagen befolgten, obsolet macht, daran sind KSP Engel und Zimmermann wahrlich nicht schuldlos. Denn ihr Vorschlag besteht zwar glänzend vor den Augen jedes Anhängers der aktuellen sogenannten Zweiten Moderne. Doch er geht, gelinde gesagt, lax mit der Besonderheit der Aufgabe und des Ortes um: Die geforderte Kleinteiligkeit beschränkt sich bei KSP auf das - allerdings geschickte - Zergliedern von Großblöcken. Ein weiterer Elementarfehler sind die geplanten Flachdächer, die das krasse Gegenteil der verschwundenen reizvollen Dachlandschaft, aber auch der wenigen, durchweg steilgiebligen Reste historischer Bauten auf dem Areal darstellen. Auch die Materialwahl ist verfehlt. Denn statt des traditionellen Schiefers sowie roten und beigefarbenen Sandsteins wollen KSP mit Travertin, Granit und Sichtbeton arbeiten.

Raubbau zwischen Dom und Römer

So ist das Team demselben grundsätzlichen Irrtum aufgesessen, in dem alle bisher hier tätigen Architekten befangen waren: Getreu den anmaßenden Regeln der Moderne wollten sie ohne Ansehen von Traditionen und Vorhandenem das jeweils „absolut Neue und Zeitgemäße“ schaffen - und entfachten, wie in so vielen deutschen Städten, ein Fegefeuer der Moderne. Nacheinander entstanden Baugruppen, die jedes ein erschreckendes Extrembeispiel jeweiliger städtebaulicher Trends in Deutschland darstellen: zunächst einige biedere, zaghaft eingestreute Wohnblocks des sozialen Wohnungsbaus, dann das niederschmetternde, betongraue monströse Kubengeschiebe des Historischen Museums am Südrand des Areals, gefolgt vom Technischen Rathaus am Nordrand - beiden wurden kostbare gotische und barocke Reste der Altstadt geopfert -, bis mit dem Großbau der Kulturschirn und einer Reihe postmoderner Stadthäuser der einstige Stadtkern unkenntlich und ein Sammelsurium gescheiterten Neuerungswahns geworden war.

Es gibt eine bemerkenswerte Ausnahme im jahrzehntelangen Raubbau zwischen Dom und Römer. Sie stammt aus den ersten Nachkriegsjahren und wurde geschaffen von Werner Hebebrand, der als ehemaliger Assistent des ultramodernen Frankfurter Stadtbaurats Ernst May ein eingeschworener Anhänger der Moderne war. Trotzdem legte er, nachdem er 1947 das provisorische Amt eines Stadtbaumeisters in Frankfurt übernommen hatte, das Modell eines schonenden, ja pietätvollen Wiederaufbaus zwischen Dom und Römer vor, den seine Kollegen und der Magistrat prompt als romantizistische Verirrung diffamierten: Hebebrand wollte die wesentlichen Gassen und Plätze freilegen und alle erhalten gebliebenen steinernen Erdgeschosse der sie säumenden Altstadthäuser wiederverwenden. Auf ihnen sah er grazile, die ursprünglichen Stockwerkshöhen aufgreifende Flachdach-Kuben aus Glas und Stahl vor. So wäre die Altstadt in ihren wesentlichen Merkmalen und originalen Überresten als Grundkomponente eines zugleich sichtlich neuen Quartiers erhalten geblieben.

Hebebrands Purismus, für die frühen schuldbeladenen Jahre begreiflich, kann heute nicht mehr verbindlich sein, muß seinerseits historisch verstanden und eingefaßt werden. Man darf oberhalb der Erdgeschosse durchaus imitieren und nachbauen, um den Vorfahren die Ehre zu geben - sofern man nicht den Eindruck erzeugt, es sei seit ihrer Zeit gar nichts geschehen und die Geschichte sei spurlos an der Stadt vorübergegangen. Zu beherzigen ist Hebebrands Grundidee, denn Überreste der einstigen Bebauung - Krag- und Maskensteine, Fassadenplastiken, Wappen und Hauszeichen - liegen, zwischen 1945 und 1950 geborgen, noch in Hülle und Fülle auf städtischen Lagerplätzen. Mit ihrer Wiederverwendung sowie mit der geretteten Fassade des Salzhauses und der ebenfalls eingelagerten Schnitzfassade eines weiteren Renaissancehauses, des „Großen Speichers“, ließen sich reiz- und pietätvolle, kleinteilig strukturierte Neubauten zu einem zeitgemäßen und geschichtsbewußten altstädtischen Quartier arrangieren.

Frankfurt nimmt sich viel vor. Der Bürgersinn, der große Worte nicht scheut, wird kleine Schritte gehen müssen. Wenn die Oberbürgermeisterin für das Programm der historischen Rekonstruktion die Zustimmung der Ratsmehrheit gewinnt, wird Quadratmeter für Quadratmeter ausgehandelt werden müssen, was genau wo genau als geschichtlich und als wiederaufzubauen gelten soll. Dann muß die Bürgerschaft auch von den Investoreninteressen verlangen, daß sie sich einem solchen urdemokratischen Verfahren fügen.

Quelle: F.A.Z., 15.11.2005, Nr. 266 / Seite 33
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