Der historische Krönungsweg - er muß, so verlangen es viele Politiker und faktisch alle Altstadtfreunde, wiederhergestellt werden. Was war dieser Krönungsweg? Schaut man in alte Stadtpläne und Berichte, ist man etwas ernüchtert. Der Weg, auf dem der Kaiser nach seiner Krönung im Dom zum Rathaus Römer schritt, war keine Prachtstraße, sondern eine eher kleine, enge Gasse.
Die meiste Zeit war dieser Krönungsweg nicht einmal gepflastert, sondern ein schmutziges Stück schmale Straße, das man für die Krönungsfeierlichkeiten mit einem Steg aus Holz überbaute, damit die Füße des Kaisers und seines Gefolges nicht durch Kot beschmutzt wurden. Zur Verschönerung war diese eigens gebaute Brücke mit Stoff ausgeschlagen. Das Tuch wurde nach dem Einzug des Kaisers in den Römer, man kann es in Goethes „Dichtung und Wahrheit“ nachlesen, vom „Pöbel“ gerne zerrissen, weil viele einen Zipfel des durch die Fußtritte der Majestäten geheiligten Gewebes davontragen wollten.
Zwei Akte haben Frankfurt zur temporären Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gemacht: die Wahl und die Krönung des Kaisers. Ursprünglich war Frankfurt nur Wahlstadt gewesen - seit dem 12. Jahrhundert aus sich entwickelnder Gewohnheit, allerdings nicht immer, seit der Goldenen Bulle von 1356 aus reichsgesetzlicher Notwendigkeit, weil in diesem Dokument Frankfurt zur Wahlstadt bestimmt worden war. Die Krönung des Kaisers fand dagegen traditionell in Aachen statt, vielmehr die Krönung zum römischen König, denn die Kaiserkrone sollte der Herrscher eigentlich vom Papst aufgesetzt bekommen, was 1532 zum letzten Mal Karl V. widerfuhr, allerdings nicht mehr in Rom, sondern in Bologna.
Abschreiten des Krönungswegs eine Notwendigkeit
Von einem Krönungsweg in Frankfurt kann man also erst von 1562 an sprechen, als mit Maximilian II. der erste Kaiser in der Mainstadt gekrönt wurde. Diese Änderung hing damit zusammen, daß mit den Habsburgern und der Herausbildung von Wien als Reichszentrum Aachen geographisch an den Rand gerückt war, während Frankfurt seinen bis heute währenden Vorteil als ein im Herzen Deutschlands gelegener Verkehrsknotenpunkt ausspielte und die bisherige Funktion Aachens übernahm. Neun Kaiser wurden in der Folge hier noch gekrönt.
Der Abschreiten des Krönungswegs war für den neuen Kaiser einfach eine Notwendigkeit, um vom Dom, wo er eingekleidet, gesalbt und gekrönt worden war, auf den Platz, den Römerberg also, und danach in den Römer zu gelangen. Für das Ritual war dieser Gang durch den Alten Markt indes von eher nebensächlicher Bedeutung. Die entscheidenden Schauplätze waren der Dom und der Römer, jener der Ort der sakralen, dieser der weltlichen Macht. Unter dem Krönungsbaldachin, getragen von zehn Frankfurter Ratsherren - Goethes Großvater Textor war einmal einer von ihnen -, schritt der neue Kaiser gen Rathaus, dort trat er über eine damals noch vorzufindende Kaisertreppe in das Gebäude, wo ihn das Krönungsbankett erwartete, bei dem er von den Reichsgrafen bedient wurde.
Gold- und Silbermünzen für das Volk
Währenddessen feierte das Volk auf dem Platz vor dem Rathaus. Auch dort spielte sich ein wichtiger Teil des Krönungsrituals ab, in dem die weltlichen Kurfürsten die Diener gaben: Der Erbmarschall schwang sich aufs Pferd, sprengte auf einen Haferhaufen zu und füllte dort eine Gefäß mit Getreide. Es folgte der Erbkämmerer, der mit einem Handbecken und einem Gießfaß vom Platz zurückkehrte. Danach holte der Erbtruchseß für den Kaiser ein Stück des gebratenen Ochsen, der dort schmorte, während der Erbschenk den an diesem Tag aus dem Springbrunnen fließenden Wein schöpfte, um ihn dem neuen Herrscher zu kredenzen. Am sehnsüchtigsten erwartete die Menge aber den Erbschatzmeister, der vom Pferd aus Gold- und Silbermünzen unter das Volk warf. „Tausend Hände zappelten augenblicklich in der Höhe, um die Gaben aufzufangen“, beschreibt Goethe die Szene.
Zu jenen Zeiten, da Kaiser sich auf den Krönungsweg begaben, konnte man von der Römerseite des Platzes aus nicht auf den Dom blicken. Denn der Krönungsweg machte einen Bogen, Häusergiebel und -fronten verhinderten den Durchblick. Das barocke Ideal der auf ein zentrales Gebäude gerichteten Blickachsen war dem Mittelalter fremd gewesen, man hatte in Frankfurt den Dom einfach zugebaut. Erst seit der Neugestaltung des Römerberges nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verläuft eine Achse vom nordöstlichen Teil des Römerbergs zum Domturm.
Der Architekt Jürgen Engel hat in seinem Siegerentwurf zur Bebauung des Geländes des Technischen Rathauses vorgeschlagen, diesen Durchblick auf den Turm beizubehalten. Dies ist auf den Widerspruch der Juroren und auch vieler Römerpolitiker gestoßen. Sie verlangen die Rekonstruktion des Krönungsweges in seinem alten Verlauf, einen gekrümmten Weg also, der nicht auf den Domturm stößt, sondern auf den Domeingang an der nördlichen Ecke der Kirche.

