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Stadtdekan Raban Tilmann „Nicht das Gefühl, erwünscht zu sein“

09.06.2009 ·  Am Sonntag geht Stadtdekan Raban Tilmann nach zwölf Jahren in den Ruhestand. Er sieht sich als Verfechter der Freiheit in der katholischen Kirche. Am Ende seiner Laufbahn hat er „nicht das Gefühl, erwünscht zu sein“. Und gelegentlich blieben atmosphärische Störungen nicht verborgen.

Von Stefan Toepfer
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Frankfurt, das war Freiheit. Freiheit von Akten in seinem Limburger Büro, von Zwängen eines hohen Amtes. Raban Tilmann atmete jedes Mal auf, wenn er Tag für Tag von der Lahn an den Main, nach Hause, zurückfuhr, weg von der bischöflichen Verwaltungsbehörde, die er als Generalvikar führte. Acht Jahre lang war das so. 1997 wurde er schließlich Dompfarrer und Stadtdekan in Frankfurt, wo er schon studiert hatte, Kaplan, Pfarrer und Hochschulpfarrer war und bis heute Mitglied des Oratoriums, einer Priestergemeinschaft, ist. Nun geht auch diese letzte, zwölf Jahre lange Phase seines beruflichen Lebens zu Ende: Am Sonntag um 10 Uhr wird er kurz vor seinem 69. Geburtstag von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst mit einem festlichen Gottesdienst im Kaiserdom in den Ruhestand verabschiedet.

Eine Grenze zwischen Dienst und Freizeit vermochte Tilmann auch als Stadtdekan zu ziehen – letztlich ist es seine Weise gewesen, sich von seinem Amt nicht dominieren zu lassen: „Die Kirche hat etwas Totalitäres an sich. Ich lasse mich nicht vereinnahmen.“ Damit haben auch seine Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeiter zu leben gelernt, die sich von ihm mitunter mehr leidenschaftliches Engagement erwartet haben.

Segnung homosexueller Paare

Was nicht heißt, dass er nicht auch dazu fähig gewesen wäre: Als etwa der vormalige Bischof Franz Kamphaus die Bezirksämter der Bezirks- und Stadtdekane abschaffte, protestierte Tilmann vehement und öffentlich, wenn auch vergeblich. Ein anderer Bischof hätte ihn ob dieses Vertrauensbruchs vielleicht seines Amtes enthoben. Andererseits hatte Kamphaus in Tilmann von Anfang an einen wichtigen, überzeugten Fürsprecher für das kirchenintern zunächst umstrittene Haus am Dom. Auch dies dürfte den Bischof dazu bewogen haben, Tilmann in Frankfurt durchzusetzen. Mit offenen Armen empfangen wurde er damals nämlich nicht: Es gab Widerstände, Tilmann galt als Hardliner.

An Einsatzwillen fehlte es ihm auch nicht, als er sich massiv vor Kamphaus’ Nachfolger Franz-Peter Tebartz-van Elst stellte. Er verhinderte eine Stellungnahme der Stadtversammlung (des gewählten Organs der Frankfurter Katholiken) zur Segnung homosexueller Paare, gegen die sich Tebartz-van Elst ausgesprochen hatte. Doch auch wenn Tilmann dies tat, Tebartz-van Elst bei seiner Wahl durch das Domkapitel im November 2007 Tilmanns Stimme hatte und der Stadtdekan das Engagement des Bischofs lobt, ist es um das Verhältnis der beiden seit jüngerer Zeit nicht zum Besten bestellt.

„Vielleicht gelte ich als Liberaler“

„Ich habe nicht das Gefühl, erwünscht zu sein“, resümiert Tilmann, der sein Amt mit einem gewissen Stolz ausübte. Schon beim Karlsamt im Januar – einem bedeutenden Gottesdienst, dem der Stadtdekan wie dem Fronleichnamsfest auf dem Römerberg als Ereignis der ganzen Stadtkirche viel Wert beimaß und diese so profilierte – blieben atmosphärische Störungen kaum verborgen. Und Pläne des Bischofs zur Erneuerung der Seelsorge stoßen bei Tilmann auf Skepsis: „Sein Versuch, neue kirchliche Milieus zu schaffen, wird steckenbleiben. Die Katholiken, zumindest die in der Stadt, lassen sich nicht in solche Milieus einsperren.“

Tilmann sieht sich als Verfechter einer Freiheit, „die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in die Kirche einzog“ und der manche Bischöfe mittlerweile mit Angst begegneten. Er kann sich vorstellen, dass Großgemeinden eines Tages nicht mehr unbedingt von Priestern geleitet werden müssen. „Vielleicht gelte ich deswegen bei einigen im Bistum Limburg als Liberaler.“

Religiöse Vielfalt in Frankfurt

Auch bei Fragen von kommunalpolitischer Bedeutung ließ der Stadtdekan sich nicht vereinnahmen, sondern begegnete vielem zunächst abwartend. „Sich der Situation aussetzen“ nennt es Tilmann – das sei eine Grundregel seiner Gemeinschaft, des von Philipp Neri im 16. Jahrhundert gegründeten Oratoriums. Ein Beispiel: Im Streit um die Moschee in Hausen hielt er sich erst eine Weile zurück, um schließlich im Oktober 2007 als Mitträger des Römerbergbündnisses für den Bau und gegen Rechtsextreme zu demonstrieren. Es war die erste und einzige Demonstration, an der er je teilgenommen hat. „Das musste damals einfach sein“, sagt er.

Als eine der letzten Amtshandlungen wird der sprachgewandte, promovierte Theologe am Samstag zur Grundsteinlegung der Moschee ein Grußwort sprechen und vermutlich deutliche Worte für die Religionsfreiheit finden. Tilmann – bei aller Liberalität ein eher konservativer Kirchenmann – hat sich im Lauf seiner Amtszeit der religiösen Vielfalt in Frankfurt und sozialpolitischen Fragen geöffnet. „Ich musste die ein oder andere Angst überwinden“, gibt er zu. Dann aber verteidigt er angestoßene Vorhaben, etwa die Bildung des Rates der Religionen.

Mitunter unnahbar

Bei diesen Lernprozessen wie seiner gesamten Arbeit konnte er sich auf dreierlei verlassen: auf seine schnelle Auffassungsgabe und seine Verwaltungserfahrung sowie auf kenntnisreiche, engagierte Mitarbeiter, in seinem engeren Umfeld genauso wie beim großen Caritasverband, dessen Vorsitzender er qua Amt war.

Hatte der 2,08 Meter große Mann etwas zu kritisieren, konnte er sehr schroff werden. „Vielleicht liegt es ja an meiner Körpergroße, dass ich als autoritär wahrgenommen werde.“ Das allein wird es wohl nicht sein. Beim Streit über das Papier der Stadtversammlung über die Homosexuellen-Segnung zum Beispiel wäre es mit Christoph Hefter, dem Vorsitzenden des Gremiums, fast zum Zerwürfnis gekommen. Selbst Freunden, die seine Treue schätzen, gilt er mitunter als unnahbar. Als „Defizit“ schätzt er selbst es ein, nicht im Dompfarrhaus gewohnt zu haben; sein Zuhause ist das im Nordend gelegene Oratorium.

Mit Hilfe von Ironie

Dass er mit der früheren evangelischen Pröpstin für Rhein-Main, Helga Trösken, nur schwer kooperierte, ist kein Geheimnis. Mit deren Nachfolgerin Gabriele Scherle kommt er besser zurecht. Auch die Ökumene ist für Tilmann ein wichtiges Vermächtnis des Zweiten Vatikanischen Konzils – wie die Religionsfreiheit und die Zuwendung der Kirche zur Welt.

„Wir sind nicht füreinander geboren“, sagte er beim offiziellen Abschied Tröskens vor drei Jahren. Offener hätte er das gespannte Verhältnis zu seiner ökumenischen Partnerin nicht ausdrücken können. Gerne äußert Tilmann seine Meinung mit Hilfe von Ironie oder auch Spott – das gehört für ihn zum Humor. An seiner eigenen Abschiedsrede für Sonntag feilt er noch. Sie dürfte recht humorig werden.

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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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