Der Grundstein zum Tribünendebakel wird am 5. September 2007 gelegt. An diesem Tag, einem Mittwoch, trifft sich die CDU-Fraktion im Römer. Die Wut ist groß: Wenige Tage zuvor hat Oberbürgermeisterin Petra Roth ihrem aufstrebenden Parteifreund Boris Rhein gezeigt, wer im Magistrat das Sagen hat. Kurzerhand hat sie ihm das wichtige Sicherheits- und Ordnungsdezernat entzogen und ihn abgespeist – mit dem Wirtschaftsressort.
Viele in der Fraktion toben. Rhein solle zurechtgestutzt werden, heißt es. Der Druck auf Roth ist immens. Mittendrin: der damalige Fraktionsvorsitzende Markus Frank. Heute ist er als Sportdezernent für den Umbau des städtischen Fußballstadions am Bornheimer Hang verantwortlich. Die Sitzung dauert lang. Danach wird ein Schreiben verschickt; der Inhalt ist eine Demütigung für Roth. Der Spreng-Satz für die Zukunft lautet: Die Oberbürgermeisterin bedauere, „dass sie die Erwartungen der Fraktion enttäuscht“ habe. Einen solchen Satz zu vergessen, ist nicht einfach.
Das Jahr beginnt mit einem Kracher
Wer verstehen will, warum die Posse um den Umbau der Haupttribüne im Volksbank-Stadion immer neue Wendungen nimmt und Verwirrung schafft, kommt an diesem Satz nicht vorbei. Denn mittlerweile ist das Stadion-Projekt, das am Ende rund 30 Millionen Euro gekostet haben wird, zu einem Machtkampf zwischen Roth und Frank geworden.
Das Jahr beginnt mit einem Kracher. Am 10. Januar 2010 kommen wichtige Politiker der CDU zusammen. Es sind nur noch ein paar Stunden bis zum Neujahrsempfang von Fußball-Zweitligist FSV Frankfurt, dem Hauptnutzer des Volksbank-Stadions. Es geht um Gefahrenabwehr: Roth, die Ehrenvorsitzende des FSV-Aufsichtsrats, will bei dem Empfang eine Rede halten. Die Oberbürgermeisterin spricht gern spontan, Manuskripte legt sie zuweilen noch kurz vor einem Auftritt zur Seite.
„Alles wird glatt gehen“
Das wissen die Herren, die sich mit ihr kurz vor der Winterdämmerung treffen. Einer von ihnen ist der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Horst Kraushaar, der im Juni, wenige Monate später, überraschend stirbt. Das Gespräch wird später von mehreren Seiten kolportiert. In einem Punkt stimmen alle Versionen überein: Es sei unmissverständlich vereinbart worden, dass die Oberbürgermeisterin keinesfalls einen teuren Neubau der Haupttribüne versprechen dürfe.
Ein Mitglied der Koalition erinnert sich noch an eine SMS, die er nach dem Treffen bekam. „Alles wird glatt gehen“, stand sinngemäß darin, Roth werde sich zurückhalten. Denn sowohl die Fraktionen von CDU und Grünen als auch der seit Sommer 2009 amtierende Sportdezernent Frank bevorzugen statt des Neubaus eine günstigere Sanierung. Außerdem soll sich der FSV an den Kosten beteiligen. Zu diesem Zeitpunkt sind schon fast 18 Millionen Euro Steuergeld in die Sanierung des Stadions gesteckt worden. Maximal 10,5 Millionen Euro für die Haupttribüne sind zusätzlich im Etat vorgesehen.
Hat die Bank Druck gemacht?
Wenige Stunden nach dem Treffen stellt sich die Oberbürgermeisterin vor die FSV-Festgemeinde und sagt: „Mit dem Neubau wird noch in diesem Jahr begonnen.“
Die Runde der Koalitionspolitiker erstarrt. „Mir ist fast das Bierglas aus der Hand gefallen“, erinnert sich einer. Was Roth sich damals dabei gedacht hat, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Einige sagen, sie hätte statt auf Frank und Kraushaar lieber auf den ehemaligen CDU-Vorsitzenden Udo Corts gehört, der als Aufsichtsratsvorsitzender des FSV seine Kontakte zu nutzen weiß. Andere behaupten, Volksbank-Chef Hans-Joachim Tonnellier habe Druck gemacht. Das Stadion, für das seine Bank jedes Jahr viel Geld für das Namensrecht überweist, müsse endlich fertig werden – und raus aus den Schlagzeilen. Sonst werde er sich genau überlegen, ob er den Sponsoring-Vertrag verlängert. Manche glauben, dass sich Roth einfach versprochen hat.
„Die Birkenfeld hat der Reisig am Nasenring durch die Arena gezogen“
Der Verein hört die Botschaft voller Freude. Gastgeber und FSV-Manager Bernd Reisig gibt Interviews, er sagt: „Gerade beim Neubau der Tribüne gab es in der Vergangenheit einige Irritationen. Deswegen ist es wichtig für uns, dass sich Oberbürgermeisterin Petra Roth als Vertreterin der Stadt klar dazu bekannt hat.“
Reisig weiß, wie Politiker ticken. Er hat früher Wahlkämpfe für den ehemaligen sozialdemokratischen Bürgermeister und Sportdezernenten Joachim Vandreike organisiert. Dass aus einem Stadion, das ursprünglich für 4,5 Millionen Euro regionalligatauglich gemacht werden sollte, demnächst eine 30-Millionen-Euro-Profi-Arena geworden sein wird, ist auch ihm zu verdanken, direkt und indirekt. Als Manager half Reisig dabei, den FSV in kurzer Zeit von der niederklassigen Oberliga bis in die zweithöchste deutsche Spielklasse zu hieven, als Lobbyist leierte er den Römer-Politikern Zusage um Zusage aus dem städtischen Geldbeutel. Ein Baufachmann, der das Projekt schon lange im Blick hat, sagt: „Die Birkenfeld hat der Reisig am Nasenring durch die Arena gezogen.“ Daniela Birkenfeld war von 2007 bis 2009 Franks Vorgängerin im Sportdezernat.
Beckers Ersuch
Am Tag danach brodelt der Römer. Krisensitzung. Die Spitzen der schwarz-grünen Koalition reden lange auf Roth ein. Spät am Abend, nur 24 Stunden nach dem FSV-Neujahrsempfang, kommt ein Fax aus dem Büro der Oberbürgermeisterin. Darin heißt es, „dass in den kommenden Monaten nur ein Umbau und eine Sanierung, nicht aber ein vollständiger Abriss der Tribüne erfolgen“ könne. Dadurch, so versichert Roth, werde die „Qualität eines Neubaus“ erreicht.
Noch eine Bombe schlägt ein. Es wird bekannt, dass Kämmerer Uwe Becker – ein enger Vertrauter Roths und Mitglied im FSV-Aufsichtsratsmitglied – beim damaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier schon um eine Sondererlaubnis für den Tribünenneubau ersucht hatte. In einem Brief von Dezember 2009 bittet er darum, den Beginn des Neubaus „unmittelbar nach dem Beschluss des Haushalts“ – geplant für Ende März – „trotz noch ausstehender Haushaltsgenehmigung zuzulassen“. Ausgerechnet Becker, der kurz zuvor den Magistrat ermahnt hat, keine Investitionsprojekte zu beginnen, bevor der Etat „in Gänze genehmigt“ sei.
„So lasse ich nicht mit mir reden“
Am Abend des 12. Januar kocht die Stimmung über. Beim Neujahrsempfang der Stadt ist das Tribünenchaos das wichtigste Thema. Etliche Gäste meckern gegen Schwarz-Grün. Sie kritisieren, dass der FSV keine Lobby habe, während der Eintracht für 200 Millionen Euro ein brandneues Stadion hingestellt worden sei. Sie vergessen zu erwähnen, dass die Commerzbank-Arena der Stadt gehört und nicht der Eintracht. Und sie verschweigen, dass der FSV dort nicht spielen will, obwohl er darf und soll.
Richtig Ärger gibt es zwischen Corts und Kraushaar. Es wird laut am Stehtisch. „So lasse ich nicht mit mir reden“, verkündet der CDU-Fraktionschef schließlich und verlässt den Empfang. Kraushaar marschiert direkt in sein Büro und verfasst einen kristallklaren Text. Dessen wichtigste Sätze lauten: „Die Absicht des FSV, trotz hoher eigener Einnahmen aus dem Profigeschäft mit einer ,funkelnagelneuen Arena’ auf Kosten der Steuerzahler sozusagen ,vierspännig’ fahren zu wollen, ist mit den finanzpolitischen Grundsätzen der CDU-Stadtverordneten nicht zu machen. Profifußball bleibt Profifußball, da beißt die Maus keinen Faden ab.“ Eine Sanierung sei „völlig hinreichend“, zumal es in der Commerzbank-Arena eine Spielstätte für alle Fußball-Profiligen gebe. Er erwarte nun eine „standfeste Bau- und Finanzierungsvorlage“.
Frank steht vor schwierigen Fragen
Die gibt es bis heute nicht. Obwohl das, was Kraushaar spät abends formuliert, Ende Januar von CDU, Grünen und FDP als Forderung an den Magistrat gerichtet und am 25. März im Plenum beschlossen wird. Auch viele kleine Fraktionen stimmen zu, die SPD enthält sich. Die CDU-Stadtverordneten Martin Gerhardt und Stephan Siegler verlassen vor der Abstimmung den Raum: Sie sitzen ebenfalls im FSV-Aufsichtsrat. Gerhardt wird dieses Gremium allerdings bald darauf verlassen – nach vielen Jahren Arbeit für den Verein. Er hat die Querelen satt. Seine Aufgabe als sportpolitischer Sprecher der CDU, der die Interessen der Stadt im Sinne aller Vereine vertrete, sei nicht mit dem Aufsichtsratsmandat in Einklang zu bringen, sagt Gerhardt. So ehrenwert kann man das auch sehen.
Frank steht vor schwierigen Fragen. Der Dezernent soll erstens feststellen, welche weiteren Umbauten für die bewilligten 10,5 Millionen Euro möglich sind. Er soll ferner prüfen, inwiefern es ein gemeinsames Parkplatz- und Verkehrskonzept für das Stadion, die Eissporthalle und den Festplatz am Ratsweg geben kann. Drittens muss er ein Refinanzierungskonzept erarbeiten, um mit Mieten oder anderen Zahlungen der Stadionnutzer die bisherigen und künftigen Modernisierungskosten wenigstens teilweise zu tragen. Viertens verlangen die Fraktionen einen Vorschlag, wie das Stadion betrieben werden soll. Außerdem hat der Dezernent noch eine zweite Front. Über seine Kontakte setzt ihn FSV-Manager Reisig unter Druck, will ihn als Schuldigen dafür hinstellen, dass am Bornheimer Hang nichts vorangeht.
Der Bürgermeisterin reißt der Geduldsfaden
Seit März prüft Frank. Wer ihn fragt, wann er Ergebnisse liefert, hört folgende Sätze: „Wir sind in Gesprächen“ – „in ein paar Wochen sind wir so weit“ – „die Materie ist sehr komplex“ – „Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit“. Manche im Römer sagen, so langsam habe der sonst so engagierte Frank noch nie gearbeitet. Andere sagen, der FSV trage nicht gerade dazu bei, eine Lösung zu finden.
Irgendwann im späten Frühjahr reißt der Oberbürgermeisterin der Geduldsfaden; ob ihre Ungeduld eher Frank oder dem FSV gilt, ist zu diesem Zeitpunkt unklar. Weil die Gespräche mit dem FSV zu Betrieb und Refinanzierung nicht vorangehen, lässt sie einerseits ihren Büroleiter Peter Heine dem Verein mit einer Kündigung des bis 2013 gültigen Betreibervertrags drohen. Parallel zum Sportdezernat soll Heine andererseits wenig später prüfen, ob die Tribüne schneller gebaut werden kann.
Allmählich liegen die Nerven blank
Roth steht unter Zugzwang, zumindest bei den Mitgliedern des Profifußball-Club, dem sie seit 1987 angehört. Der von ihr versprochene Baubeginn im Mai ist verstrichen. Jetzt ist auch der Oktober-Termin in Gefahr. Aus dem Römer wird kolportiert, Roth glaube, dass Frank absichtlich so langsam arbeite, um ihr, dem FSV, dem Aufsichtsratsvorsitzenden Corts und all den anderen zu zeigen, wer in der städtischen Sportpolitik der Chef ist. Frank hat als Dezernent aber schon bewiesen, dass er seine Arbeit gut und gründlich macht. Außerdem hat er die wichtigen Stadtverordneten an seiner Seite.
Nach der Sommerpause prüft Frank immer noch. Es ist mittlerweile August. Jetzt verstärkt Roths Büroleiter Heine die eigenen Recherchen. Bald hat er eine Idee: Wenn die Stadt das Stadion samt Gelände in Erbpacht an den städtischen Wohnungskonzern ABG Holding vergäbe, könnten die langen Ausschreibungsfristen verkürzt werden. Heine ist schon einmal als Moderator zwischen Sportdezernat und FSV eingesprungen: Dass sich Stadt und Verein im Mai auf ein Raumprogramm mit 450 Business-Sitzen und neun Logen einigen konnte, ist nach Ansicht mancher Beobachter vor allem Heines Verdienst. Trotzdem liegen allmählich die Nerven blank. Als eine Zeitung etwas schreibt, was Heine für unpassend hält, lädt er den Journalisten zum Gespräch. Fraktionsmitglieder von CDU und Grünen reagieren wegen des Termins, über den sogleich getuschelt wird, fassungslos.
Gefordert werden 15.000 Plätze
Im Hochbauamt wächst derweil der Zorn. Seit Jahren plant die Behörde, hält jeden Ärger aus. Jetzt, kurz vor Schluss, als alles berechnet, ermittelt, gezeichnet ist, soll ein anderer übernehmen? Baudezernent Edwin Schwarz von der CDU hält sich heraus, Konflikte mag er nicht.
ABG-Chef Frank Junker, den Heine gut kennt, legt nach nur drei Wochen ein Konzept vor. Ein Generalunternehmer könne die Haupttribüne für 10,5 Millionen Euro umbauen und sanieren – inklusive der vom FSV gewünschten Logen. Das Hochbauamt hat ebenfalls gearbeitet. Für 10,5 Millionen errechnen die Beamten eine Tribüne mit Logen im Rohbau. Soll es mehr werden, kommen bis zu vier Millionen Euro oben drauf. Doch selbst mit einer umgebauten Tribüne ist nicht gesichert, dass die Deutsche Fußball-Liga den Spielort auf Dauer genehmigt. Gefordert für die zweite Liga sind mindestens 15.000 Plätze – doch die sind trotz des hohen Baupreises gar nicht vorgesehen.
Allmählich reicht es auch den Stadtverordneten
Frank prüft weiter. Vermutlich wird es Frühjahr, bis am Stadion die ersten Bagger rollen. Das lang erwartete Konzept kann frühestens im November beschlossen werden. Würde dann – wie es bei solch aufwendigen Arbeiten üblich ist – der Auftrag trotz der ABG-Variante ausgeschrieben, würde es Monate dauern, bis die Angebote eingegangen und gesichtet wären. Und im tiefsten Winter beginnt sowieso keiner mit einem Rohbau.
Allmählich reicht es auch den Stadtverordneten. Sie haben den Sportdezernenten aufgefordert, bis November einen Bericht vorzulegen. „Wir müssen Dampf machen“, sagt einer im Römer. Ein anderer aus der schwarz-grünen Koalition sieht den nächsten Monaten mit Schrecken entgegen. „Wenn wir nicht aufpassen, kracht uns das Tribünen-Thema genau in die Kommunalwahl.“
In Zeiten knapper Kassen darf man sich ...
Michael Heiß (veryhot88)
- 12.10.2010, 01:16 Uhr
Haupttribüne Bornheimer Hang
Udo Martin (u.martin)
- 12.10.2010, 18:04 Uhr

