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Spielsucht Wie ferngesteuert täglich zocken gegangen

11.04.2006 ·  Schätzungsweise 30.000 Spielsüchtige gibt es in Hessen - aber nur wenig Hilfsangebote. In Frankfurt kümmert sich die Suchtberatungsstelle der evangelischen Kirche um Zocker.

Von Nicolas Scherger
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Von dem einen, riesigen Gewinn, der sein Leben verändern würde, hat Michael Müller (Name geändert) nie geträumt. Er wollte das Spiel genießen, so oft und so lange er konnte. Wie ferngesteuert sei er in die Automatensalons gelaufen, sagt er, zuletzt jeden Tag, vor der Arbeit, nach der Arbeit wieder. „Ich wollte die Maschine kontrollieren, Erfolg haben, nicht schlechter sein als die anderen, die gewinnen“, berichtet Müller. 15 Jahre lang hat er gespielt, die Diagnose „pathologische Spielsucht“ kennt er erst seit einem halben Jahr.

Müller sagt, er sei immer den Weg des geringsten Widerstands gegangen, habe im Leben nie das gemacht, was er wirklich wollte. Im Beruf sei er schnell aufgestiegen, habe hart gearbeitet, Verantwortung übernommen, viel Geld verdient. Und doch keine Perspektive darin gesehen. Er ist seit zehn Jahren verheiratet, hat zwei Kinder und „eine Frau, wie man sie sich nur wünschen kann“. Dennoch sei die Familie oft eine Belastung, die Ehe erlebe er als Zweckgemeinschaft. Ob er beziehungsfähig sei, wisse er nicht. Immer habe er sich zu allem gezwungen gefühlt. „Es gab nichts, was ich nur für mich selbst getan habe. Außer dem Spielen“, berichtet er.

„Spielsucht ist schwierig zu behandeln“

Müller ist einer von etwa 30.000 Spielsüchtigen in Hessen. Dies schätzt zumindest die Hessische Landesstelle für Suchtfragen. Eine bundesweite, repräsentative Studie zur Spielsucht gebe es bislang noch nicht, kritisiert Geschäftsführer Wolfgang Schmidt. Dabei boome der Glücksspielmarkt, die staatlichen Einnahmen seien höher als diejenigen aus der Alkoholsteuer. 347 Millionen Euro hat das Glücksspiel ihm zufolge im vergangenen Jahr in die Landeskasse gespült. Andererseits gebe es kaum Anlaufstellen für Spielsüchtige, sagt Schmidt: Nur sieben von 79 Suchtberatungsstellen in Hessen bieten spezielle Beratungsangebote. Meist fehle qualifiziertes Personal, ein wissenschaftlich begründetes Behandlungskonzept - und vor allem Geld.

V ideo: Wettmonopol muß dem Schutz vor Spielsucht dienen

Joachim Otto ist einer der wenigen, die sich um krankhafte Spieler kümmern. Er leitet die Suchtberatungsstelle der evangelischen Kirche in Frankfurt. Etwa 40 Spielsüchtige kommen jedes Jahr zu ihm. Seiner Erfahrung nach sind es vor allem Männer im Alter von 25 bis 40 Jahren, die Hilfe suchen. Etwa 40 Prozent der Spieler sind auch von einem Suchtmittel abhängig, in der Regel ist es Alkohol. „Aber die Spielsucht herrscht immer vor. Sie ist gefährlicher und schwieriger zu behandeln“, meint Otto.

Einsamkeit, Depressionen, innere Leere

Viele Süchtige hätten eine schwierige Kindheit gehabt. Ihre Lebensgeschichte sei von Brüchen gekennzeichnet, Bezugspersonen hätten gefehlt oder seien verlorengegangen. „Die Betroffenen versuchen, ihr inneres Gleichgewicht wiederherzustellen, indem sie spielen. Nur wenn sie gewinnen, erfahren sie Anerkennung. Das Schicksal soll darüber entscheiden, ob sie im Leben Gewinner oder Verlierer sind“, sagt Otto. Die Spieler flüchten in eine Phantasiewelt, weil sie sich selbst nichts mehr zutrauen, ihr Leben nicht in die Hand nehmen. Soziale Kontakte gehen verloren, der Automat tritt an die Stelle anderer Menschen. Die Folgen sind Einsamkeit, Depressionen, innere Leere. Jeder vierte abhängige Spieler hat nach Angaben des Fachverbands Glücksspielsucht schon mindestens einen Selbstmordversuch begangen.

Mehr als ein Fünftel des Umsatzes in der Glücksspielbranche entfalle auf Automaten in Spielhallen und Gaststätten, sagt Ilona Füchtenschnieder vom Fachverband Glücksspielsucht. In Spielbanken sei der Umsatz doppelt so hoch, aber auch dort würden etwa 80 Prozent im sogenannten Kleinen Spiel, also an den Maschinen, verdient. Allein in Frankfurt seien im vergangenen Jahr mehr als 14 Millionen Euro in solchen Geräten verschwunden. Und vier von fünf Süchtigen seien Automatenspieler. Die Steuerungsmöglichkeiten des Staates, sagt Füchtenschnieder, seien deshalb begrenzt. Denn die Geräte gelten als „Unterhaltungsautomaten mit Gewinnmöglichkeit“ und fallen damit nicht unter das staatliche Glücksspielmonopol. Der Bund legt nur die gesetzlichen Voraussetzungen fest - nicht zugunsten der Spieler, klagt Füchtenschnieder.

Hohe Schulden

Anfang des Jahres ist die Novellierung der Spielverordnung in Kraft getreten. Diese erfüllt Füchtenschnieder zufolge zwar längst nicht alle Forderungen der Automatenlobby. Aber Spielhallenbesitzer dürfen jetzt zwölf statt zehn Geräte je 15 Quadratmeter Fläche aufstellen, und Spieler können statt 58 Euro bis zu 80 Euro in der Stunde verlieren. Für die Spielsüchtigen habe das schwere finanzielle Folgen, so Füchtenschnieder. Denn drei Viertel von ihnen spielten mindestens drei Stunden täglich, meist an mehreren Maschinen gleichzeitig. Und davon profitierten nicht nur die Spielhallenbetreiber, sondern eben auch der Staat. „Den Kasinos scheint der Ertrag ebenfalls wichtiger zu sein als das Schicksal von Suchtkranken“, sagt Wolfgang Schmidt. Zwar seien die Spielbanken von diesem Jahr an verpflichtet, gesperrte Spieler auch von den Automatenspielen auszuschließen. Doch dazu müssen sich die Spielsüchtigen erst einmal selbst sperren lassen. Bis es soweit kommt, ist es oft zu spät. „Die meisten, die in der Beratungsstelle Hilfe suchen, sind schon mit 15.000 bis 20.000 Euro verschuldet“, berichtet Joachim Otto.

In privaten Spielhallen dagegen gibt es nicht einmal die Möglichkeit zu einer freiwilligen Selbstsperre. „Die sind rund um die Uhr geöffnet, oft ist auch noch ein Geldautomat in der Nähe - spielen konnte ich immer“, sagt Müller. Der Verband Glücksspielsucht fordert deshalb, daß die Automaten unter das staatliche Glücksspielmonopol eingeordnet werden. Der Staat solle, so Ilona Füchtenschnieder, die Spieler besser schützen, etwa mit Suchtbeauftragten in Kasinos, die sich um gefährdete Kunden kümmerten. Außerdem sollte der Staat ein flächendeckendes Netz von Beratungsstellen für Spielsüchtige aufbauen: „Wer den Gewinn hat, muß auch für den Schaden aufkommen.“

„Sie brauchen ein neues Selbstwertgefühl“

Mit dem staatlichen Monopol sollte vor allem verhindert werden, sagt Joachim Otto, daß Spieler überhaupt in die Sucht abrutschen. Denn eine Therapie sei schwierig. „Die Betroffenen kommen zu mir und erzählen mit leuchtenden Augen von ihrem Spiel. Sie haben Angst davor, daß ihnen diese Phantasiewelt, die sie doch so sehr brauchen, auch noch genommen wird“, berichtet er. Die Süchtigen müßten die Kränkung verkraften, für Automaten Finanzen, Beruf und Familie ruiniert zu haben. Deshalb bestimmten sie selbst den Weg und die Geschwindigkeit der Behandlung. Es gehe darum, sagt Otto, in der therapeutischen Beziehung Vertrauen zu gewinnen - zu anderen Menschen, aber auch zu sich selbst. „Die Betroffenen müssen erkennen, wo ihre Stärken liegen. Sie brauchen ein neues Selbstwertgefühl, das sie nicht mehr über das Spiel aufbauen“, erklärt Otto. Etwa die Hälfte der Patienten schaffe den Absprung und sei nach einer Therapie „spielfrei“.

Michael Müller hat sich lange an die Sucht geklammert. Er habe ein riesiges Lügengebäude errichtet, sagt er, Kontoauszüge verschwinden lassen, vorgegeben, auf Dienstreise zu sein oder länger arbeiten zu müssen. Bis zu jenen beiden Nächten, die so teuer wurden, daß er nichts mehr verbergen konnte. Seine Frau habe weinend mit den Kontoauszügen vor ihm gestanden, da habe er ausgepackt. Er war zwölf Wochen in der Rehabilitationsklinik, aber ob er jetzt geheilt sei, bleibe noch abzuwarten. „Ich will einen Neustart, will herausfinden, was ich noch vom Leben erwarte“, sagt Müller. Vielleicht werde er aber wieder den Weg des geringsten Widerstands gehen, in seinem alten Beruf arbeiten und bei der Familie bleiben. Das wisse er noch nicht. Täglich stehe er vor der Entscheidung, ob er wieder spielen solle. Deshalb sei er nervös, angespannt, leicht reizbar. Jede Woche kommt er zu Joachim Otto, zur ambulanten Nachbehandlung. „Da gehe ich hin, bis jemand stopp sagt.“

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