16.06.2008 · Es wird eng auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt. Im Europaviertel, auf dem Campus Bockenheim und am Henninger-Turm erschließt die Stadt in den nächsten Jahren die letzten größeren Flächen, die derzeit noch verfügbar sind. Mit diesem Ausblick endet unsere Serie über neue Wohnviertel.
Von Rainer SchulzeHinter der Emser Brücke beginnt die Steppe. Die Sandhügel und das Gestrüpp warten auf die ersten "Siedler", die hier ihre Häuser bauen und ihre Kinder großziehen werden. Das geht schon einige Jahre so. Immerhin ist die Kulisse imposant. Wie ein langgezogener Keil schiebt sich das Europaviertel zwischen die Messehallen und die Konzernzentrale der Deutschen Bahn, die wie eine Trutzburg aus Beton die Grenze zum Gallusviertel markiert.
Das Europaviertel, das sich, beginnend im Osten an der Friedrich-Ebert-Anlage, zwischen Messe und Gallusviertel unter der Emser Brücke hindurch bis zum Rebstockpark und fast bis zur Autobahn 5 zieht, ist die größte der drei Freiflächen im Stadtgebiet, die noch ihrer Erschließung als Wohnviertel harren. Dort sowie auf dem Campus Bockenheim und auf dem Henninger-Areal in Sachsenhausen soll Wohnraum für zusammengerechnet rund 16000 Einwohner entstehen. Es sind drei Zukunftsprojekte, die das Gesicht der Stadt entscheidend verändern werden. Die Stadtplaner können bei der Erschließung auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie in den anderen Vierteln, die längst im Bau sind - also am Riedberg, am Frankfurter Bogen, an der Friedberger Warte und am Rebstockpark -, gemacht haben.
Ein Vorteil bei der Erschließung des Europaviertels ist die überschaubare Eigentümerstruktur. Östlich der Emser Brücke entwickelt die Vivico das gesamte Gelände. Hier sind neben Bürogebäuden und Hochhäusern auch insgesamt 780 Wohnungen für rund 2000 Einwohner geplant. Und auf der westlichen Seite der Emser Brücke plant die Projektentwicklungsgesellschaft Aurelis, der ein Großteil des ehemaligen Gleisvorfeldes gehört, die Bebauung. In den nächsten Jahren entsteht dort Wohnraum für 2500 bis 3000 Menschen. Am Ende soll das Viertel sogar Platz für 9600 Frankfurter bieten.
Die Europaallee, die einst die Hauptverkehrsader des Viertels sein soll, steht schon seit zwei Jahren zur Verfügung. Bisher führt sie westlich der Emser Brücke zwar noch einsam durch die Wüstenei. Aber östlich der Eisenbahn- und Autobrücke tut sich schon einiges. In diesem Quartier, das die Vivico unter dem Namen "Boulevard" erschließt und vermarktet, zeigen an der mit doppelten Baumreihen und Rasenflächen gesäumten Straße schon einige Schilder, was hier entstehen soll: Südlich der Europaallee sind achtgeschossige Wohnhäuser, nördlich davon Büro- und Geschäftsgebäude geplant, die Arbeiten haben schon begonnen.
Die Verkehrsanbindung des Europaviertels ist vergleichsweise günstig. Sowohl durch die U-Bahn-Linie 4 als auch über zwei S-Bahn-Linien ist das Viertel erschlossen. Die Verlängerung der Linie 5 mit den Haltestellen Emser Brücke und Güterplatz ist geplant. Die Nahversorgung soll neben dem wenige Meter entfernt gelegenen Einkaufszentrum "Skyline Plaza", mit dessen lange umstrittenem Bau die Vivico noch in diesem Jahr beginnen will, ein Supermarkt abdecken. Für Kindergärten und Schulen müssen sich die Bewohner allerdings in den angrenzenden Vierteln umschauen.
Das sieht im Westen des Europaviertels anders aus. Hier, wo die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Hessen (GWH) und die Nassauische Heimstätte im Herbst an der Idsteiner Straße mit dem Bau von 350 neuen Wohnungen beginnen wollen, soll in jedem der drei Quartiere nördlich und südlich des Europagartens eine Kindertagesstätte entstehen. Auch eine Grundschule ist vorgesehen. Die Grundstückseigentümerin Aurelis baut im Unterschied zur Vivico nicht selbst, sondern veräußert baureife Grundstücke ihres rund 67 Hektar großen Areals an Investoren. Der zentral gelegene Europagarten ist als Verbindung zum Rebstockpark geplant. Von der zweiten Jahreshälfte 2009 an, wenn der Rückbau der Bahnflächen abgeschlossen ist, sollen die ersten Abschnitte des Grünzugs angelegt werden.
Auf dem Campus Bockenheim ist die Entwicklung durch die neuen Mehrheitsverhältnisse nach der Landtagswahl ins Stocken geraten. Die Wohnungsgesellschaft ABG Holding und die OFB Projektentwicklung wollen das bisher von der Universität genutzte, rund 17 Hektar große Gelände vom Land Hessen erwerben und im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft (PPP) gemeinsam mit der Stadt entwickeln, sobald die Uni wie geplant im Jahr 2014 ihren Umzug auf den Campus Westend beendet hat. Das Land hofft, mit dem Verkauf des Geländes knapp 200 Millionen Euro zu erlösen. Die schon mehr als zwei Jahre dauernden Gespräche drehten sich derzeit um "eine Reihe von Sachproblemen" wie Altlasten auf dem Gelände, sagt Gerhard Grandke, Geschäftsführer der OFB. Sein Kollege bei der ABG, Geschäftsführer Frank Junker, ist zuversichtlich, "dass da bald wieder Fahrt reinkommt". "Wir hegen nach wie vor große Hoffnung, dass es noch in diesem Jahr zum Abschluss kommt."
Die Stadt will mit einer hochwertigen, sechs- bis siebengeschossigen Bebauung das Gelände aufwerten. Die Integration in die Umgebung ergibt sich fast von selbst, da der bisherige Campus an allen Seiten an etablierte Stadtteile grenzt. Der Campus muss nicht eigens erschlossen werden. Lange umstritten war der im städtebaulichen Rahmenplan vorgesehene Wohnanteil auf dem Gelände. Waren zunächst nur 30 Prozent der künftigen Bebauung für Wohnungen vorgesehen, liegt deren Anteil nach dem derzeitigen Stand der Planungen laut Junker bei rund 40 Prozent der 340 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Im Süden des Areals sind drei treppenförmig abgestufte Hochhäuser mit einer Höhe von 70, 100 und 140 Metern im aktuellen Hochhausrahmenplan eingetragen. Das 70 Meter hohe Gebäude ist als Wohnhochhaus geplant.
Noch ist unklar, ob der markante Backsteinbau der Druckerei Dondorf im Norden des Geländes erhalten bleibt und, wie von verschiedenen Initiativen gewünscht, für genossenschaftliches Wohnen genutzt wird. Auch die KfW-Bankengruppe, die derzeit ihren Standort auf der gegenüberliegenden Seite der Zeppelinallee ausbaut, ist an dem Gelände interessiert.
Das ehemalige Henninger-Areal in Sachsenhausen zählt mit seinem Skyline-Blick zu den Flächen, denen in der Stadtentwicklung eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Das Gelände ist längst planiert, eigentlich könnten jeden Tag die Bagger anrücken. Aber der Bebauungsplan hat lange auf sich warten lassen. Im Januar haben die Stadtverordneten zwar die Planung mit einem Aufstellungsbeschluss in die Wege geleitet. Doch unvermittelt haben sich neue Perspektiven ergeben, da die benachbarte Binding-Brauerei an der Vereinbarkeit ihres Betriebs mit der Wohnbebauung zweifelt. Im Bebauungsplanentwurf heißt es zwar deutlich, die "zukunftsorientierte Sicherung des Brauereistandorts Binding" sei ein wichtiges Ziel, doch das Unternehmen zeigt sich besorgt, ob diese Zusage eingehalten wird. Bindung will geplante Investitionen am Standort zurückstellen und redet sogar von einer möglichen Verlagerung der Produktion. In Verhandlungen will die Stadt eine Einigung suchen. Die beste Lösung für alle Beteiligten wäre womöglich, dass Binding eine neue Produktionsstätte am Stadtrand errichtete und seinen Traditionsstandort ebenfalls für eine Neubebauung freigäbe.
Vorerst soll aber rund um den Henninger-Turm ein neues Quartier für bis zu 2000 Frankfurter entstehen. Der Kern des neuen Wohngebiets liegt östlich des Sachsenhäuser Wahrzeichens, das umgebaut und als "Identifikationspunkt" erhalten werden soll. Die Eigentümerfamilie des SAP-Mitgründers Dietmar Hopp will "einige Spitzenleute" zu dem Realisierungswettbewerb für den Turm einladen. Auch soll es wieder ein Restaurant in der drehbaren Spitze geben. Etwa 750 Wohnungen sind auf dem Henninger-Areal geplant, hinzu kommen eine Kindertagesstätte, Einzelhandel und Gastronomie. Im Zentrum des Wohngebiets sind fünfgeschossige Häuser vorgesehen, die durch mehrere bauliche Hochpunkte ergänzt werden sollen.
An den verdichteten Kern sollen sich Wohngebiete mit zwei- bis viergeschossigen Terrassen-, Zeilen- und Stadthäusern anschließen. Westlich des Turms soll ein Mischgebiet aus fünfstöckigen Gewerbe- und Wohngebäuden den Übergang und einen "Lärmpuffer" zur Binding-Brauerei bilden. Der Bebauungsplan orientiert sich im Wesentlichen an einem städtebaulichen Konzept, das schon im Dezember 2006 präsentiert worden war. Es trägt die Handschrift des Stadtplaners und Architekten Jochem Jourdan.
Bei Zeitangaben für die Entwicklung der drei künftigen Wohnviertel halten sich die Planer zurück. Die vollständige Bebauung ist wohl eine Sache der nächsten zehn bis zwanzig Jahre. Zeit genug, um Sorgfalt walten zu lassen.
Wer einen Teil der Serie verpasst hat, kann sämtliche Folgen auch im Internet nachlesen. Unter www.faz.net/neueswohnen werden die neuen Wohnviertel in Form von Hintergrundartikeln, Mieterporträts, Karten und Infografiken vorgestellt. Außerdem gibt es zu jedem Stadtteil eine Bildergalerie. Wer mag, kann im Forum seine Meinung äußern und eigene Bilder zur Verfügung stellen.